Dank Internet sind harte Sexfilme auch für die ganz Jungen praktisch frei verfügbar. Was Eltern über die erste Begegnung ihrer Kinder mit Pornografie wissen sollten.
Stuttgart - Wer sucht, der findet – das gilt in besonderem Maße für das Internet. Denn hier gibt es eigentlich nichts, was es nicht gibt. Und so werden auch Kinder und Jugendliche früh mit den unterschiedlichsten Themen konfrontiert, ob sie wollen oder nicht. Das gilt auch für sexuelle Inhalte.
Erst im vergangenen Jahr hat eine repräsentative Studie der Universitäten Münster und Hohenheim unter 1048 Jugendlichen gezeigt, dass fast die Hälfte der 14- bis 20-Jährigen bereits pornografische Bilder und Videos mit entblößten Geschlechtsteilen gesehen hat. Von den 14- und 15-Jährigen kam der Studie zufolge schon jeder Dritte in Kontakt mit solcher, wie sie die Forscher nennen, „Hardcore-Pornografie“.
Im Durchschnitt haben Jugendliche mit 14,2 Jahren erstmals mit sexuell expliziten Medieninhalten zu tun – die Jungen etwas früher, die Mädchen etwas später. Doch was, wenn man den eigenen 14-jährigen Sohn in flagranti beim Pornogucken erwischt? „Dann ist das dem Jugendlichen vermutlich erst mal peinlich und die Eltern sollten versuchen gelassen zu bleiben“, rät Ulric Ritzer-Sachs von der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke). „Denn Studien haben gezeigt, dass Pornos die eigene sexuelle Entwicklung kaum beeinflussen und Jugendliche sehr gut zwischen Pornografie und realem Leben unterscheiden können.“
Keine Gewalt
Auch Filme, in denen physische oder verbale Gewalt gezeigt wird, haben Wissenschaftlern zufolge kaum Auswirkungen auf das Verhalten Jugendlicher in der realen Welt. Vielmehr werden gewalttätige Pornos von den meisten Jungen und Mädchen schnell wieder weggeklickt.
Teilweise findet der Erstkontakt mit pornografischen Inhalten schon sehr früh im Leben der Jugendlichen statt. Wie die Studie der Universitäten Hohenheim und Münster zeigt, waren die 14- und 15-Jährigen, die bereits harte Internet-Pornos gesehen hatten, beim ersten Kontakt mit Pornografie im Durchschnitt gerade einmal 12,7 Jahre alt. „Wenn jüngere Kinder auf solche Inhalte stoßen, sind sie in der Regel erst mal geschockt“, erklärt Ulric Ritzer-Sachs. „Erst später entwickelt sich das Interesse an dem Gesehenen.“
Motiv: Neugier
Viele Jugendliche sehen ihren ersten Porno nicht einmal freiwillig, sondern bekommen ihn von anderen gezeigt oder stoßen zufällig im Internet darauf. Wie die Studie zeigt, ist das bei knapp 60 Prozent der Mädchen und bei 37 Prozent der Jungen der Fall.
Häufig, so Ulric Ritzer-Sachs, seien die Jugendlichen im Internet nur auf der Suche nach Informationen, beispielsweise, wenn sie ein Wort aus dem Bereich Sexualität nicht zuordnen könnten. „Wenn sie dann zum Beispiel nach dem Begriff ‚vorzeitiger Samenerguss‘ googeln, stoßen sie automatisch auch auf Pornoseiten und da schauen sie auch mal rein“, sagt der Erziehungsberater.
Dabei biete das Internet eine schier unbegrenzte Vielfalt an sexuellen Inhalten. Entsprechend sähen sich Jugendliche ganz unterschiedliche Arten von Bildern und Filmen an. Das wirke sich aber in der Regel nicht auf ihre eigene Sexualität aus. „Vor ihrem ersten Mal sind sie trotzdem genauso aufgeregt, wie wir das früher waren“, meint der Pädagoge. „Das merke ich auch in meinen Beratungen.“
Frühe Aufklärung ist wichtig
Sorgen müssen sich Eltern in der Regel nicht machen, wenn ihr Kind sich sexuelle Inhalte ansieht – sofern es über die nötige Reife verfügt. Wichtig, so Ritzer-Sachs, sei aber eine frühzeitige, altersgerechte Aufklärung des Kindes und ein offener Umgang mit Sexualität. Das erleichtere es dem Kind, Fragen zu stellen und die Eltern hätten die Chance, gewisse Themen mit dem Nachwuchs näher zu besprechen.
Bei jüngeren Kindern im Alter von elf oder zwölf Jahren sollten Eltern aber auf einen entsprechenden Schutz achten, damit ihr Kind online nicht zufällig auf Hardcore-Inhalte stößt. „Da müssen Geräte gesichert und die Mediennutzung des Kindes kontrolliert werden“, betont der Erziehungsexperte. „Außerdem können sich Eltern den Browserverlauf anschauen, wenn ihr Sohn oder ihre Tochter im Netz surft.“
Nicht mit 10 schon ans Smartphone lassen
Auch sollten sich Eltern gut überlegen, in welchem Alter der Nachwuchs ein eigenes Smartphone bekommt. „Damit hat das Kind einen vollfunktionsfähigen Computer mit Internetzugang“, so Ritzer-Sachs. „Dafür muss es erst mal reif genug sein.“ Die meisten Kinder, so der Erziehungsexperte, bekämen ihr erstes Smartphone schon mit zehn Jahren. Das halte er für zu früh. „Eine autonome Handhabung des Geräts sollten Eltern ihren Kindern frühestens mit 14 Jahren erlauben. Und auch dann sollten sie nachfragen, was das Kind im Internet tut, welche Videos es sich ansieht und mit wem es chattet.“
Über ihren ersten Kontakt mit Pornografie sprechen Jugendliche oft nur ungern. Wie die Studie der Universitäten Münster und Hohenheim belegt, behält mehr als die Hälfte der Jugendlichen diese Erfahrung für sich, nur vier Prozent diskutieren den Vorfall mit Lehrern oder Eltern. Am ehesten besprechen Jugendliche sexuelle Themen mit Freunden. Auch das zeigt, wie wichtig es ist, dass Familien zu Hause einen offenen Umgang mit Sexualität pflegen.
Die Playboy-Lektüre hat ausgedient
Übrigens sind die Jugendlichen beim ersten Pornogucken nicht unbedingt allein. 40 Prozent der Befragten haben ihren ersten Sexfilm mit Freunden gesehen. Im Alter zwischen 14 und 15 Jahren gilt das sogar in 60 Prozent der Fälle.
Und wen wundert’s: Die meisten Jugendlichen schauen Pornos online auf dem Laptop, Tablet oder Smartphone. Andere Medien wie Fernsehen, Videos oder Zeitschriften haben weitgehend ausgedient. Unter der Matratze des Sohnes nach der Playboy-Sammlung zu suchen, können sich neugierige Eltern heute also getrost sparen. Und auch Papas alte Porno-DVDs dürften den Nachwuchs kaum noch interessieren. Schließlich gibt es all das und noch viel mehr im Internet – und zwar auch noch kostenlos.