Polizeiliche Einsatzzeiten werden zu einem Thema für die Politik – ein tödlicher Unfall dient als Beleg für die Schwachpunkte. Foto: dpa

Das lange Warten auf die polizeilichen Ermittler nach einem tödlichen Verkehrsunfall in Kernen ist offenbar kein Einzelfall. Das Stuttgarter Innenministerium will sich mit einem Verkehrsdienst besser aufstellen – allerdings erst ab dem Jahr 2020.

Kernen - Bei Kernens Bürgermeister Stefan Altenberger hat neulich das Telefon geklingelt. Am anderen Ende der Leitung war Roland Eisele, bisher noch Chef des Polizeipräsidiums Aalen. Der oberste Ordnungshüter für die Landkreise Aalen, Schwäbisch Hall und Rems-Murr wollte Dampf ablassen – und sich über Kernens Feuerwehrkommandant Andreas Wersch beschweren. Wie denn der Chef der örtlichen Floriansjünger auf die Idee komme, der Polizei solch hanebüchene Vorwürfe zu machen? Und ob man den aus dem Ruder laufenden Floriansjünger nicht gefälligst an die Kandare nehmen könne?

Auslöser des Telefonats war ein Vorfall, der Schlagzeilen gemacht hat. Bei einem nächtlichen Verkehrsunfall Mitte Dezember hatte die Feuerwehr über Stunden auf die Polizei warten müssen. Ein 28-Jähriger war mit hohem Tempo auf einen am Ortseingang von Rommelshausen in einer Parkbucht stehenden Kipplaster gerast. Der junge Mann war sofort tot, sein Golf nur noch ein Trümmerhaufen. Die mit acht Fahrzeugen und 32 Mann ausgerückte Feuerwehr durfte zwar die Straße putzen und den Kanal spülen, weil Kraftstoff aus dem gerammten Lastwagen gelaufen war.

Darum musste die Feuerwehr mit der Bergung des Toten so lange warten:

Aus dem Unfallwagen bergen durften sie den Leichnam des nicht angeschnallten Opfers allerdings nicht. Der Grund: Zwar traf eine Polizeistreife aus dem nahen Fellbacher Revier bereits um 23.18 Uhr in Rommelshausen ein. Bis aber auch die Spezialisten vom zuständigen Verkehrsunfalldienst aus Kirchberg an der Jagst vor Ort waren, dauerte es bis weit nach Mitternacht. Erst um 1.04 Uhr, so das Ergebnis einer polizeiinternen Aufarbeitung, seien die Ermittler in Rommelshausen eingetroffen.

Das lag nicht nur am immerhin 82 Kilometer langen Anfahrtsweg aus den hohenlohischen Weiten des Landkreises Schwäbisch Hall, sondern offenbar auch an einer Panne. Die Einsatzplaner im Polizeipräsidium in Aalen hatten erst versucht, das Verkehrskommissariat in Backnang in Marsch zu setzen – obwohl die dortigen Kollegen bekanntermaßen nur bis 22 Uhr im Dienst sind.

Für die örtliche Feuerwehr bedeutete die Verzögerung, dass sich die Löschhelfer über Stunden die Beine in den Bauch standen – und sich die Aufräumarbeiten am Ortseingang von Rommelshausen bis gegen vier Uhr in der Früh hinzogen. Bei der Abteilungsversammlung seiner Wehrleute erlaubte sich Kernens Kommandant Andreas Wersch deshalb jüngst die Bemerkung, dass die Feuerwehr auf derlei Sonderaufwand liebend gern verzichten würde – zumal es nicht der erste Fall ist, bei dem die Floriansjünger die Auswirkungen der Polizeireform zu spüren bekommen.

Auch bei einem tödlichen Unfall bei Schorndorf muss die Bergung der Opfer warten

Zwar spricht das Stuttgarter Innenministerium laut einer eigenen Statistik von einer durchschnittlich deutlich geringeren Interventionszeit. Je nach Polizeipräsidium dauert es bei landesweit 410 tödlichen Unfällen zwischen 33 und 52 Minuten, bis die Unfallermittler am Einsatzort sind. Doch Ausnahmen gibt es immer wieder. In Kernen beispielsweise ist der Feuerwehr noch ein schwerer Crash zwischen Stetten und Endersbach in Erinnerung, bei dem selbst der Bagger warten musste, der verunreinigtes Erdreich abzutragen hatte.

Und auch ein tödlicher Unfall, bei dem auf der Landesstraße zwischen Haubersbronn und Miedelsbach im vergangenen August drei junge Leute starben, fällt offenbar in diese Kategorie. „Fünf Stunden lang lagen die Leichen rum. Unfassbar“, erinnert sich Fotograf Benjamin Beytekin aus Leutenbach an die tragische Sommernacht. Bei den Wahlkreisabgeordneten Siegfried Lorek (CDU) und Jochen Haußmann (FDP) rennt der Reporter offene Türen ein. Sie hoffen auf eine Verbesserung – und wundern sich umso mehr über Vorstöße wie den von Roland Eisele. „Ein Polizeipräsident sollte sich darum kümmern, dass sich die Lage verbessert – und sich nicht über die beschweren, die völlig berechtigt Kritik üben“, sagt Siegfried Lorek.

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