Poesie in SSB-Stadtbahnen Morbides Gedicht liefert Fahrgästen Diskussionsstoff

Von Isabel Mayer 

Das Gedicht „Männer in der Dunkelheit“ ist in ausgewählten Stadtbahnen zu lesen. Foto: privat
Das Gedicht „Männer in der Dunkelheit“ ist in ausgewählten Stadtbahnen zu lesen. Foto: privat

Seit mehr als 30 Jahren kommt die Poesie in Stuttgarts Stadtbahnen gut bei ihren Lesern an. Doch nun klebt da ein Text, der manche verwundert, andere schockiert und zum Nachdenken anregt.

Stuttgart - Rund 170 Stadtbahnen fahren tagtäglich durch Stuttgart. Wer darin sitzt, starrt gern überall hin, nur nicht ins Gesicht des Gegenüber. Die einen versinken tief in ihrem Handy, die anderen blicken gedankenverloren aus dem Fenster. Wieder andere lassen sich lyrisch berieseln: Denn seit mehr als 30 Jahren kleben in jeder Stadtbahn poetische Zeilen über den Köpfen der Passagiere.

„Lyrik unterwegs“ heißt das Projekt, das 1987 Einzug in die Stadtbahn hielt. Als Vorbild dienten damals die Straßenbahnen in London. Zum 20. Geburtstag gab die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) sogar einen Sammelband der Verse heraus. Wie die Texte ausgewählt werden, ist trotzdem bis heute kaum bekannt. Dabei interessiert das Auswahlverfahren mehr denn je.

Ein Gedicht namens „Männer in der Dunkelheit“

Denn seit Kurzem klebt ein Text des österreichischen Schriftstellers Clemens Setz in Stuttgarts Stadtbahnen. Sein Vers ist im 2014 veröffentlichten Gedichtband „Die Vogelstraußtrompete“ erschienen und zitiert wiederum einen lang vergessenen Autor: „Ein Reisehandbuch aus dem 19. Jahrhundert / empfiehlt jungen Frauen spitze Nadeln / in den Mund zu nehmen wenn der Zug / in einen langen Tunnel taucht / um unbelästigt zu bleiben / von fremden Männern in der Dunkelheit / und ungeküsst / bis zum Licht am anderen Ende“.

Nun sind mehr als 100 Jahre vergangen, seit der Text seine Gültigkeit hatte und eine Nadel muss die Stadtbahnfahrerin nun wirklich nicht mehr zwischen die Lippen nehmen, wenn sie nachts unterwegs ist. Ein Pfefferspray wäre da schon zeitgemäßer und vielleicht sogar nicht ganz verkehrt. Denn hier steckt das Diskussionspotenzial: Ist der Vers von Clemens Setz wirklich nur eine Erinnerung an die Vergangenheit oder reicht seine Bedeutung bis ins Hier und Jetzt?

Harmlos oder geschmacklos?

Die Reaktionen unserer Leser sind unterschiedlich. Manche finden die Lyrik harmlos oder amüsant, andere geschmacklos. Fest steht, dass sie zur Diskussion anregt und damit das Ziel der SSB erreicht: „Die Lyrik ist eine hermeneutische Kunstform“, sagt Pressesprecherin Birte Schaper, „wenn der Text eindeutig wäre, wäre es ja keine Lyrik.“ Das ist auch Ursula Matschke von der Stadt Stuttgart bewusst. Die Leiterin der Abteilung für individuelle Chancengleichheit von Frauen und Männern betont: „Wenn jemand diesen makabren Eintrag eines Reisehandbuchs künstlerisch verarbeitet, ist es sein Ding.“ Trotzdem wüsste sie gerne, wer für die Auswahl des Textes verantwortlich ist. „Meine Anfrage bei der SSB ist noch nicht beantwortet“, sagt sie.

Auch auf Anfrage unserer Redaktion hält sich die SSB bedeckt. „Die fünfköpfige Jury zieht es aus Erfahrung vor, im Verborgenen zu wirken“, sagt Birte Schaper. Sie könne aber vergewissern, dass es sich um SSBler sowie Geisteswissenschaftler aus allen Altersgruppen handelt. „In der Jury sitzen sowohl Männer als auch Frauen“, sagt sie. „Sie alle halten das Stück für einen wunderbar ironischen Text.“ Er wird, wie jedes Gedicht, für sechs Monate in ausgewählten Stadtbahnen mitfahren.

Tatsachen des Zeitgeschehens

Ob es richtig ist, einen solchen Text mit Ironie zu betrachten, wenn sich die Gesellschaft gerade erst von Gruppenvergewaltigungen in Freiburg und den Harvey Weinsteins dieser Welt erholt, bleibt diskussionswürdig. Man könnte außerdem darüber streiten, ob der Vers in einer Bahn, am Ort des Geschehens, nicht noch makaberer ist als in einem Buch.

Letztlich handelt es sich, wie eine Leserin auf Instagram schrieb, um dokumentierte Geschichte, die dem Stadtbahnfahrer nun zu denken gibt. In welche Richtung die Gedanken wandern, kann wohl nicht einmal der Denkende selbst steuern. Man möchte sich allerdings nicht ausmalen, wohin der Kopf die Leserin führt, die womöglich selbst schon Erfahrungen mit „Männern in der Dunkelheit“ gemacht hat.

Lesen Sie jetzt