Immer für eine Anekdote, einen flotten Spruch oder eine kritische Einschätzung gut: Turnerin und EM-Botschafterin Elisabeth Seitz sowie die Fußball-Legenden Hansi Müller (li.) und Guido Buchwald (re.) mit Moderator Dirk Preiß beim Podiumsgespräch der „Stuttgarter Zeitung“ und der „Stuttgarter Nachrichten“. Foto: Baumann

Elisabeth Seitz, Hansi Müller und Guido Buchwald freuen sich auf die EM-Stimmung in Stuttgart und nehmen das deutsche Nationalteam in die Pflicht. Braucht es eine größere Einflussnahme von Rudi Völler und mehr VfB-Profis im Kader?

Sie sind nicht nur Legenden des VfB Stuttgart, sondern auch zwei Fußballer, die wissen, wie man mit der Nationalmannschaft große Titel gewinnt. Insofern ist es durchaus bemerkenswert, dass Guido Buchwald (Weltmeister 1990) und Hansi Müller (Europameister 1980) angesichts der jüngsten Leistungen der deutschen Elf mit Blick auf die Heim-EM 2024 Zuversicht verbreiten. Doch zugleich scheuten sich die beiden Ex-Profis bei einem von der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“ am Tag nach der EM-Auslosung im „Palm Beach“ veranstalteten Podiumsgespräch nicht, deutliche Kritik zu äußern – vor allem am neuen Bundestrainer Julian Nagelsmann. Einen interessanten Verbesserungsvorschlag hatten sie allerdings auch parat.

 

„Bekannt dafür, alle Sportler herzlich bei uns zu begrüßen“

In Stuttgart, das ergab die Auslosung, werden bei den vier EM-Vorrundenspielen im nächsten Sommer neben Deutschland sowie dessen Gruppengegnern Ungarn und Schottland weitere höchst interessante Teams wie die Belgier, die Dänen oder die Slowenen zu sehen sein. Darauf freut sich auch Turnerin Elisabeth Seitz. Die Stufenbarren-Europameisterin von 2022 und 25-malige Deutsche Meisterin ist Botschafterin der EM-Gastgeberstadt Stuttgart. „Wir sind ja bekannt dafür, alle Sportler herzlich bei uns zu begrüßen“, sagte Seitz bei der von Dirk Preiß, dem Sportchef von „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“, moderierten Veranstaltung, „ich verbinde mit einem Großereignis im Fußball Sommer, Sonne und Public Viewing. Eine solche Atmosphäre wünsche ich mir auch für 2024.“ Ob das deutsche Team da mitspielt?

Lobeshymne auf Florian Wirtz

Die Fußball-Kenner Hansi Müller und Guido Buchwald haben keine Zweifel daran, dass dies möglich ist. „Absolute Pflicht ist natürlich, die Vorrunde zu überstehen. Die individuelle Qualität der Spieler ist so groß, dass die Mannschaft danach sehr weit kommen kann“, erklärte Guido Buchwald. Und Hansi Müller meinte: „Wir haben sicher das Spielermaterial, um gute Leistungen zu zeigen. Die Mannschaft kann im Laufe des Turniers Fahrt aufnehmen, ich traue ihr trotz der sehr starken Konkurrenz einen Platz unter den besten vier Teams zu.“ Helfen könnte dabei aus Sicht der Experten die eine oder andere Umorganisation.

Nicht nur die schwache Leistung der deutschen Elf bei der jüngsten 0:2-Niederlage in Österreich wunderte Hansi Müller, sondern auch die Aufstellung von Julian Nagelsmann. Der Bundestrainer hatte auf Florian Wirtz verzichtet, den Mittelfeldmann von Bayer Leverkusen erst nach einer Stunde eingewechselt. „Er ist für mich der beste deutsche Spieler in der Bundesliga, ein Sensationsfußballer. Ihm könnte ich stundenlang zuschauen. Ich habe nicht verstanden, warum ihn Julian Nagelsmann in so einem wichtigen Duell, dessen Ergebnis man in eine dreimonatige Pause mitnimmt, nicht von Beginn an einsetzt“, sagte Hansi Müller, „ein Trainer benötigt Fingerspitzengefühl. Er muss wissen, wer seine besten Leute sind und auf welchen Positionen er sie bringen muss.“ Die Argumentation von Guido Buchwald ging in die selbe Richtung: „Julian Nagelsmann hat keine Erfahrung als Nationaltrainer. Er hätte in Österreich nicht mehr experimentieren dürfen.“

Großes Vertrauen in Rudi Völler

Wer ihm bei der schwierigen Aufgabe, ein erfolgversprechendes Team für die EM auf- und einzustellen, helfen könnte, ist für die beiden VfB-Ikonen klar: Rudi Völler. Der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) habe nach der Entlassung von Hansi Flick beim 2:1-Sieg gegen Frankreich bewiesen, welch positiven Einfluss er auf die Nationalmannschaft ausüben könne. „Da hat sie die Gier gezeigt, unbedingt gewinnen zu wollen“, sagte Hansi Müller, „Rudi Völler müsste eine größere Verantwortung haben“ – in einer Art Doppelspitze mit Julian Nagelsmann. „Es geht nicht darum, ob Julian Nagelsmann dadurch geschwächt würde oder nicht“, meinte Hansi Müller, „sondern darum, das Beste aus dem Team rauszuholen. Deshalb muss Rudi Völler mehr eingreifen.“ Diese Konstellation könnte sich auch Guido Buchwald sehr gut vorstellen: „Rudi Völler weiß, wie eine Nationalmannschaft funktioniert.“ Und für die Zeit nach der EM 2024 brachten die beiden noch einen ganz anderen Namen ins Spiel.

Aus Sicht von Buchwald und Müller müsste der nächste Bundestrainer Ralf Rangnick heißen. „Ich habe großen Respekt vor seiner Arbeit als Nationalcoach in Österreich. Er wäre genau der Richtige“, sagte Buchwald, und Müller stimmte zu: „Ralf Rangnick hat in Österreich ein super Team zusammengestellt. Er ist ein Vollprofi, der sich seinem Job mit Haut und Haaren verschrieben hat. Er sollte in den Überlegungen des DFB auf jeden Fall eine große Rolle spielen.“

Doch das ist Zukunftsmusik – zuerst steht 2024 ein wichtiges Turnier an. Weshalb Müller und Buchwald dem Bundestrainer raten, sich das eine oder andere VfB-Spiel anzuschauen. Waldemar Anton, Angelo Stiller und Deniz Undav sind bisher noch ohne Nominierung, für sie aber ernsthafte EM-Kandidaten. Eine Innenverteidigung mit Mats Hummels und Waldemar Anton könne die benötigte Stabilität bringen, Angelo Stiller mache in Stuttgart einen sensationellen Job, Deniz Undav verfüge über den nötigen Torriecher. Und ansonsten? Sei im Nationalteam großes Entwicklungspotenzial vorhanden. „Man kann“, erklärte Guido Buchwald, „aus jedem Einzelnen noch viel mehr herausholen.“

„Gemeinsam etwas Tolles erreichen“

Das wird auch nötig sein, will die deutsche Mannschaft tatsächlich ins EM-Halbfinale einziehen und womöglich gar um den Titel spielen. „Mit der Auslosung und den Vorrundengegnern Schottland, Ungarn und Schweiz können wir hervorragend leben, auch wenn wir in der momentanen Verfassung niemanden unterschätzen dürfen“, meinte Guido Buchwald, „für die EM bin ich optimistisch, denn die Fans werden hinter dem Team stehen. Dieser positive Stress motiviert, die letzten zehn Prozent aus sich herauszuholen.“ Darauf setzt auch Stuttgart-Botschafterin Elisabeth Seitz: „Die Zuschauer werden für die Mannschaft da sein, um gemeinsam etwas Tolles zu erreichen.“