Vor 300 Jahren – am 18. Februar 1722 – wurde der Plochinger Stadtteil Stumpenhof erstmals urkundlich erwähnt. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden hier Heimatvertriebene ein neues Zuhause.
Plochingen - Denkt man an den Stumpenhof, fallen einem zuerst das Restaurant und der Aussichtsturm ein, der einen fantastischen Ausblick über die Schwäbische Alb bietet. Mit dem Waldkindergarten, dem Kletterwald und der Bühleiche gibt es noch mehr Highlights auf der Anhöhe über Plochingen. Man komme gerne von der Stadt hoch, fasst es Joachim Hahn zusammen. Der Theologe, Heimatforscher und Plochinger Stadtrat hat sich mit der ebenfalls lokalhistorisch engagierten Stadträtin Dagmar Bluthardt intensiv mit der Geschichte des Stumpenhofs beschäftigt. In Kooperation mit der Plochinger Kulturamtsleiterin Susanne Martin haben die beiden eine Publikation zum 300-jährigen Bestehen verfasst. Denn der Stumpenhof hatte seine Anfänge einst als Aussiedlerhof im 18. Jahrhundert – der erste Beleg ist in einem Lagerbuch aus dem Stadtarchiv urkundlich auf den 18. Februar 1722 dokumentiert. Groß geworden ist er in den 1950er-Jahren, als der Architekt Heinz Rall die „Vorstadt“ Stumpenhof plante, um für zahlreiche Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten eine neue Heimat zu schaffen. Gefeiert wird das Jubiläum am 10. und 11. September mit dem Stumpenhoffest, bei dem auch die Broschüre erscheinen wird. Und auf das sich der Plochinger Bürgermeister Frank Buß ganz besonders freut. Denn das sei eine Gelegenheit, die Identität des Stadtteils auszudrücken. Als ursprüngliche Wohnsiedlung für Heimatvertriebene habe sich dort eine ganz eigene Gemeinschaft entwickelt. Pünktlich zum 300-jährigen Bestehen wird auf dem Stumpenhof zudem ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die neue Außenstelle des Landratsamts hat auf dem Gelände des ehemaligen Kreiskrankenhauses ein neues Zuhause gefunden – auch sie soll am Samstag, 10. September, bei einem Tag der offenen Tür vorgestellt werden.
Das Jubiläum wird auf dem Stumpenhoffest gefeiert
Die EZ wirft einen Blick auf die spannende Historie des Ortes und bezieht sich dabei auf die Jubiläumspublikation der Autoren.
Es begann als Aussiedlerhof
Die Geschichte des Stumpenhofs begann im Jahr 1722. Die beiden Plochinger Bürger Jakob Wörner und Lukas (Laux) Wolfsdörfer bauten auf der Anhöhe über Plochingen ein Doppelhaus. Für das Vorhaben hatten sie sich regelkonform die Erlaubnis des württembergischen Herzogs eingeholt. Nur wenige Jahre zuvor war bei Reichenbach der Aussiedlerhof Siegenhof gebaut worden. Das ganze schien damals eine Bewegung zu sein, die Gründe für diesen Trend sind jedoch noch unklar.
Der Platz auf dem Stumpenhof war aus verschiedenen Gründen geeignet für den Bau eines Hofes. Einmal befand sich direkt neben dem Haus ein Stellebrunnen. Für den Betrieb eines Hofes ist der direkte Zugang zu Wasser unersetzlich. Zudem war das Haus verkehrstechnisch gut angebunden. Es lag direkt an der heutigen Schorndorfer Straße. Wörner und Wolfsdörfer durften auf dem Stumpenhof wohnen, ihr Aufenthalt war aber mit einigen Pflichten verbunden. So mussten die beiden – falls sie das von ihrer Anhöhe aus sahen – unverzüglich melden, wenn in der Stadt ein Feuer ausbrach.
Daneben waren die Bewohner des Hauses noch bis ins Jahr 1863 dazu verpflichtet, eine sogenannte Rauchhenne zu zahlen. Da das Haus zwei Schornsteine besaß, wurde für diese jeweils jährlich eine Abgabe in Form einer Henne und zusätzlich zehn Schilling fällig. Friedrich Stumpp, der die Tochter von Jakob Wörner heiratete, übernahm im 18. Jahrhundert den Hof und gab ihm den Namen Stumpenhof. In dem oberen Teil ist seit 1892 eine Gastwirtschaft untergebracht. Schon damals erfreute sich die Gaststätte großer Beliebtheit bei Wanderern und Spaziergängern. Das lag auch an der Nähe zum Aussichtsturm, der im selben Jahr erbaut wurde. Noch heute ist das Restaurant Stumpenhof eine angesagte Adresse.
Das Beste von der Alb im Blick
Der Jubiläumsturm auf dem Stumpenhof bietet einen großartigen Blick auf die Schwäbische Alb. 1891 schlug der Verschönerungsverein Plochingen vor, eine zehn Meter hohe Fernsichtplattform in der Nähe der Gastwirtschaft zu bauen. Der Gemeinderat gab dem Projekt seinen Segen und spendierte sogar das Baumaterial. Am 21. März 1892 wurde die neue Attraktion eingeweiht. Mehrere Kastanienbäume wurden um den Turm gepflanzt, um damit die Umgebung aufzuwerten. Seit 1910 konnten Interessierte den Turm auch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Eine Buslinie, die zwischen Plochingen und Schorndorf verkehrte, brachte ihre Fahrgäste auch zum Stumpenhof.
Die Holzkonstruktion des Turmes hatte ihre Nachteile. Er musste immer wieder repariert werden, und bei Nässe konnte man ihn nicht betreten. Anlässlich des 50. Geburtstag des Schwäbischen Albvereins, der in Plochingen gegründet wurde, wurde 1938 der heutige Jubiläumsturm gebaut. 6000 Menschen liefen bei dem Festzug vom Bahnhof aus im strömenden Regen zum Stumpenhof, unter ihnen waren einige Nazi-Größen. In den 1930er-Jahren begannen erste Familien auf dem Stumpenhof Flächen zu erwerben, um darauf Wochenendhäuser zu errichten. Der Zweite Weltkrieg sorgte dafür, dass einige Besitzer ihre Wochenendhäuser als neues Zuhause bezogen, da sie durch die Zerstörung ihr ursprüngliches Domizil verloren hatten. Dadurch wuchs das Gebiet. In den 1950er-Jahren standen bereits zehn bis 15 Häuser auf dem Stumpenhof. Dieses Areal wird heute als Stumpenhof-West bezeichnet. Das Gebiet erkennt man daran, dass die Häuser, die ursprünglich als Wochenendhäuser konzipiert worden waren, ungeordnet aufgestellt sind und es keine feste Straßenerschließung gibt.
Ein neues Zuhause für Heimatvertriebene
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mussten rund 14 Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen. Sie stammten aus Gebieten, die früher zum Deutschen Reich gehört hatten und nach der Niederlage des Nazi-Regimes abgetreten werden mussten. Die Heimatvertriebenen suchten nun in Mittel- und Westdeutschland nach einem neuen Zuhause. Für die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge musste schnell neuer Wohnraum geschaffen werden.
Im Jahr 1952 beschloss der Plochinger Gemeinderat, eine Vorstadt für die Heimatvertriebenen auf dem Stumpenhof zu bauen. Zuvor hatte es jedoch Stimmen gegeben, die das Vorhaben ablehnten. Die Kritiker waren der Ansicht, dass der Stumpenhof zu weit abseits der Stadt Plochingen liege und sich die Neubürger dort nicht wohlfühlen würden.
Die Stadt schrieb im März 1953 einen Architektenwettbewerb für die Konzeption der neuen Siedlung aus, den der Stuttgarter Architekt Heinz Rall gewann. Bereits im Dezember 1953 konnte das erste Richtfest gefeiert werden, 1954 waren die ersten Häuser bezugsfertig. An dem Projekt waren unter anderem die Plochinger Firmen Feldmühle und Blöcke Bosch, die Bundesbahn und die Bundespost beteiligt, die dort auch Werkswohnungen für ihre Mitarbeiter schufen.
Noch heute erinnern zum Beispiel etliche Straßennamen wie etwa der Sudetenweg, aber auch der heilige Nepomuk, der Schutzheilige Böhmens, am Treppenaufgang der katholischen Kirche St. Johann, an diese Jahre, als der Stumpenhof erst zum richtigen Stadtteil wurde. Besagte Kirche in der Stuifenstraße wurde 1960 errichtet, sechs Jahre später kam das evangelische Gotteshaus , die Paul-Gerhardt-Kirche, am Teckplatz dazu. Im Jahr 1954/55 wurde der Stumpenhof dann mit der Einrichtung einer Buslinie an die Stadt Plochingen angebunden.
Auch der Teckplatz ist auf den Entwurf von Rall zurückzuführen. Für den Stumpenhof hatte er zudem eine Schule und ein Freibad vorgesehen. Diese Pläne wurden jedoch nicht umgesetzt.
Mit den Häusern im Neubaugebiet Stumpenhof Süd ist der Stadtteil in den vergangenen Jahren nochmals deutlich gewachsen. Dort wurde neuer Wohnraum geschaffen, der vor allem von jungen Familien gerne in Anspruch genommen wurde.