Diese Häuser in der Ulmer Straße in Plochingen hat die Eisenbahn schon im 19. Jahrhundert für ihre Beschäftigten gebaut. Foto: /Karin Ait Atmane

Wohnraum für die Belegschaft gehörte bei vielen Firmen einst zum Standard. In Plochingen will der frühere Wirtschaftsförderer der Region diese Tradition wiederbeleben. Warum nicht alle Kommunalpolitiker seine Euphorie teilen.

Dieser Satz kann ein echter Trumpf bei der Suche nach Fachkräften sein: „Wir haben auch eine Wohnung für Sie!“ Davon ist Walter Rogg, der frühere Wirtschaftsförderer der Region Stuttgart, überzeugt. Er will die Idee von Mitarbeiterwohnungen, die in früheren Jahrhunderten schon erfolgreich praktiziert wurde, in Plochingen wieder zum Leben erwecken.

 

In Metzingen sind die Pläne schon fortgeschritten

Rogg war fast drei Jahrzehnte lang Wirtschaftsförderer der Region Stuttgart. Jetzt ist er im Ruhestand, aber weiterhin aktiv – aus „reiner Begeisterung“, wie er sagt. Bei seinem jüngsten Besuch im Plochinger Ausschuss für Bauen, Technik und Umwelt war das auch zu spüren. Gegen das Problem-Trio Fachkräftemangel, Wohnungsmangel und Krise der Bauwirtschaft könne man etwas tun, „wenn man an die Tradition der Firmenwohnungen anknüpft“, ist er überzeugt. Was vor 100 bis 150 Jahren schon funktionierte, hält er auch heute für attraktiv: für die Beschäftigten, ganz besonders diejenigen, die es auf dem Wohnungsmarkt schwer haben. Für die Unternehmen, die damit Fachkräfte finden und binden können. Und für die Kommunen, die so günstigen Wohnraum gewinnen und kurze Wege bieten können. Das scheint zu funktionieren: Rogg und das Büro Reschl Kommunale Projektentwicklung, mit dem er zusammenarbeitet, haben das Projekt „Mitarbeiterwohnen“ im Herbst gestartet und können schon konkrete Erfolge vorweisen.

Am weitesten sei man in Metzingen, wo sechs Unternehmen die Absicht hätten, in insgesamt 150 Wohnungen zu investieren, berichtete der Projektentwickler. Weitere teilnehmende Gemeinden in der Region seien Fellbach, Filderstadt, Eislingen, Renningen und Crailsheim – insgesamt will man zunächst in zehn Modellstädten Erfahrung sammeln. Plochingen könnte dabei sein – entwickelt hat sich das aus einem Kontakt von Bürgermeister Frank Buß und Rogg, aber auch, weil die Stadt am Neckar mit ihren großen Unternehmen wie Kaatsch, Bosch, Ceramtec, dem S-Bahn-Betriebswerk oder Decathlon das Potenzial dafür hat.

Bleibt die Stadt am Ende auf den Kosten sitzen?

Rogg hat gar keine Zweifel, dass er auch hier ausreichend interessierte Unternehmen – sechs sollen es mindestens sein – zusammenbringt. „Für mich ist klar, dass es genügend Firmen gibt, die sich interessieren“, betonte er. „Es hat ja auch in allen anderen Städten geklappt.“ Diese Überzeugung untermauerte er im Ausschuss mit dem Angebot, dass die Stadt gar nichts zahlen müsse, wenn das Projekt nicht zustande komme.

Der Stadtrat Klaus Hink hatte zuvor die Befürchtung geäußert, dass Plochingen für die veranschlagten 12 500 Euro nicht mehr bekomme als eine erste Umfrage unter den Unternehmen in der Stadt am Neckarknie, die man „doch wohl selbst hinbekommen müsste“. Die CDU halte das Projekt grundsätzlich für gut, wolle aber erst nach einer ersten Abfrage entscheiden, sagte Karel Markoc. Als Kompromiss wurde vereinbart, dass die Verwaltung diese grundsätzliche Abfrage selbst durchführen soll und der Projektentwickler dann, positive Antworten vorausgesetzt, für die tiefer gehende Erhebung einsteigt. Lorenz Moser (OGL) regte an, dass auch die Stadt selbst als Arbeitgeberin Mitarbeiterwohnungen bauen könnte.

Unternehmen finanzieren den Bau

Rogg betonte, dass die Projektentwickler nicht im Auftrag eines Investors oder eines Wohnungsbauunternehmens tätig seien. Die Wohnungen würden direkt von den Unternehmen finanziert, die für ihre Beschäftigten bauen, mal gemeinschaftlich, mal jedes für sich, mal auf einem Firmengrundstück, mal auf kommunaler oder privater Fläche. Für jede teilnehmende Stadt werde eine individuelle Lösung gestrickt, man arbeite aber immer mit lokalen Handwerkern und Firmen: „Die ganze Wertschöpfung bleibt in der Modellstadt.“

Wohnraum für die Belegschaft

Werkswohnungen
Schon während der Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert haben Unternehmen Werkswohnungen gebaut. Bis vor etwa 40 Jahren sei das noch öfters der Fall gewesen, berichtet Walter Rogg, langjähriger Wirtschaftsförderer der Region. Mit Ausnahmen: Bosch etwa baue und verwalte bis heute zahlreiche Wohnungen für Beschäftigte.

Tradition
In Plochingen gibt es eine lange Tradition des Wohnungsbaus für Arbeitnehmer, Beispiele finden sich in Manfred Reiners Buch „Bauen und Wohnen in Plochingen“. Schon 1847 hat die Bahn sechs Dienstwohnungen in ein bestehendes Gebäude eingebaut, 1894 baute sie die ersten beiden der „Neuen Häuser“ an der Ulmer Straße. Eine Reihe weiterer Eisenbahnerwohnhäuser in der Stadt kamen dazu. Ebenso erstellte die Firma Dettinger Werkswohnungen an der Esslinger Straße, die heute – nach der Sanierung – wieder zum Wohnen genutzt werden. Die Firma Otto hatte Betriebswohnungen in den Neckarauen wie in der Innenstadt, die Waldhorn-Brauerei baute in ihrem Umfeld und später auf dem Stumpenhof für Mitarbeiter.