Mehr als einen halben Meter verschwindet der Zollstock von Günter Herre in einige Mauerfugen. Foto: Annegret Jacobs

Risse in der Chorwand, das Dach ist undicht: Günter Herre zeigt die Bauschäden an der Martinskirche.

Plieningen - Seit 20 Jahren schimpft Günther Herre bereits mit dem Mesner der Plieninger Martinskirche. Herre ist Leiter der sogenannten Samstagsgruppe, ein Team aus versierten Handwerkern und Hobbybastlern, die kleine bis mittlere Schäden an der Kirche reparieren. „Der Mesner soll im Winter um Himmels Willen kein Salz streuen“, sagt der Kirchengemeinderat. „Der Sandstein an der Außenwand der Kirche ist porös. Er saugt die Feuchtigkeit auf, die steigt im Stein nach oben und verdunstet bei Sonnenschein wieder. Was bleibt, sind die Salze. Wenn die sich ausdehnen, platzt immer etwas vom Sandstein ab“, sagt Herre. Splitt sei als Streumittel genauso gut – „und die Leut’ sollet g’scheite Schuh anzieh’n“. Regen und Sonne hätten in mehr als 800 Jahren das ihrige dazugetan, brummelt Herre. Es sei nicht das Salz des Mesners allein.

Am letzten Samstagmorgen wird nicht gewerkelt, Herre hat Mitglieder aus der Martinskirchengemeinde zu einer Bauschaden-Schau eingeladen. Knapp zwei Stunden dauert der Gang um die Kirche und durch den Turm. Denn fast alle drei Schritte hält Herre an und zückt seinen Meterstab. An einigen Stellen an der Chorsüdseite verschwindet sein Zollstock mehr als einen halben Meter in der Fassade. „Hier“, sagt Herre und klopft auf ein paar Steinplatten. „Erst 1965 hat man dieses Mauerwerk gerichtet.“ Aber nicht fachgerecht. Die Steinplatten sind bereits undicht. „Bei Schlagregen regnet es rein.“ Noch stärkere Spuren von Verwitterung zeigen die Epitaphe, die an der Wand hängen. Auf einer der steinernen Wandschriften, auf denen vor allem die Namen reicher Verstorbener der Gemeinde zu finden sind, kann man die Schrift allenfalls noch erahnen. Wind und Wetter haben die einstmals filigran gearbeiteten Ornamente zu unförmigen Steinen geschliffen. Andere Epitaphe wiederum sind noch recht gut erhalten. „Von 1684, mein lieber Schwan“, sagt ein Besucher, nachdem er den noch lesbaren Teil einer der Tafeln aus Sandstein entziffert hat. „Und wenn man da ein Dächle drüber baut?“, fragt ein anderer. Herre schnaubt. „Eine Acrylvolltränkung, am besten drei Wochen lang, das ist es, was diese Platten brauchen“, sagt er. Denn nur das härte sie.

Die letzte Sanierung

2007 haben Mitglieder der evangelischen Gemeinde Plieningen mit hohem Aufwand den Innenraum der Martinskirche saniert. „Aber das hat keinen Wert, wenn wir die Feuchtigkeit nicht aus den Außenmauern heraus bekommen“, sagt Hans-Jürgen Siegel vom Bauausschuss der Gemeinde. Denn schon gibt es im Inneren erneut kleine Feuchtigkeitsschäden.

Deswegen hat die Gemeinde 2011 entschieden, nun die Außensanierung anzugehen. Die Finanzierung ist offen. Rund 135 000 Euro – diese Kosten ergab eine erste Untersuchung durch Bausachverständige vom Oberkirchenrat. „Wir befürchten, dass das nicht reicht“, sagt Siegel. Einen großen Teil des Geldes muss die Gemeinde selbst aufbringen. „Wir hoffen aber auf Zuschüsse von Bund, Land und Denkmalbehörden.“ Die Dauer der Sanierung? „Oh“, sagt Siegel da nur. „Wir werden die Kirche wohl in Abschnitten sanieren müssen. Fünf Jahre Minimum, würde ich sagen.“ Wann es losgeht, hängt davon ab, wie schnell die Gemeinde dafür das Geld auftreiben kann.

Was hat oberste Priorität?

Doch womit angefangen werden muss, steht bereits fest: Oberste Priorität haben die Außenwand und das Dach auf der Südseite des Chores. Denn dort hat die Wand die tiefsten Risse und dort regnet es am stärksten ins Dach herein. Ebenfalls auf dem Plan, aber nur mit Priorität zwei versehen, ist die Isolierung des Turmdachs. Die Konstruktion ist größtenteils noch aus dem Baujahr 1443 original erhalten. „Die ist tipptopp, das Dach ist dicht“, sagt Herre. Regen allein mache nichts aus. Nur wenn es zugleich auch noch windig sei, dann werde die Feuchtigkeit durch die Hohlräume zwischen den Ziegeln hindurch gesogen und komme ins Gebälk. Ein bisschen Schimmel ist an einigen Sparren zu sehen. „Das ist nicht schlimm“, sagt Herre und macht eine wegwerfende Handbewegung. „Das greift das Holz nicht an. Aber wir müssen schon schauen, dass wir nach 600 Jahren endlich die Feuchtigkeit aus den Balken herausbekommen.“

Herre hat bereits geplant: Er und seine Samstaggruppe könnten den Dachstuhl mit Planen isolieren. Ein Zuschauer schaut zweifelnd die steil aufsteigende Holzbalkenkonstruktion hinauf. „Ja könnt ihr das?“ fragt er. Herre lacht. Was für eine Frage. Nur, man müsse sich bald an die Arbeit machen. Denn er ist bereits jenseits der 70. „In zehn Jahren turne ich da oben nicht mehr auf der Leiter umeianander.“

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