Szene aus „Tschewengur“ Foto: Staatsschauspiel Stuttgart

Zur Castorf-Inszenierung von Platonovs „Tschewengur“ in Stuttgart gibt es Kommentierte Lesung im Schauspielhaus mit Ulrich Schmid.

Stuttgart -

Herr Schmid, an der Universität St. Gallen forschen Sie über die Kultur und Gesellschaft Russlands. Was möchten Sie den Besuchern mit Ihrer kommentierten „Tschewengur“-Lesung an diesem Dienstag vermitteln?
Ich glaube, es ist bezeichnend, das Platonov, der ja eigentlich ein Klassiker der modernen russischen Literatur ist, in Deutschland nie richtig angekommen ist. Er ist leider ein ­Gerücht geblieben. Erst jetzt wird im Suhrkamp-Verlag eine neue Platonov-Ausgabe vorbereitet. Ich möchte mit dieser Veranstaltung zeigen, wie man ihn verstehen und schätzen lernen kann.
Welche Vorkenntnisse braucht man dazu?
Man muss verstehen, wie die frühe Sowjetgeschichte funktioniert hat. Platonov hat, vor allem in „Tschewengur“, versucht, den Gegensatz zwischen Weißen und Roten – also den Anhängern der gestürzten Monarchie einerseits und den Bolschewiki andererseits – zu gestalten. In den 1920er Jahren wollte die Sowjetführung dann die ökonomischen Folgen des Kriegskommunismus durch die Einführung der sogenannten neuen ökonomischen Politik mildern. Marktwirtschaft­liche Elemente widersprachen allerdings der kommunistischen Ideologie. Vor diesem mehrfachen Spannungsfeld spielt sich auch die Literatur von Platonov ab.
Diese Literatur ist auch eine sprachliche ­Herausforderung.
Vordergründig hat Platonov einen fast realistischen Erzählstil, der aber sehr schnell ins Surrealistische umschlägt. Hier muss man auch den ästhetischen Hintergrund der revolutionären Experimente in der russischen Literatur und Kunst vor Augen haben. Die Avantgarde, den Konstruktivismus und andere visuelle Kunstformen hat er in seinen Werken gewissermaßen literarisch umgesetzt.
Es gibt bei Platonov immer auch eine sehr archaische Ebene, die mit sozialistischer Begrifflichkeit durchsetzt ist. Wie schwer ist es, ihn wirklich einzuordnen?
Viele Literaturwissenschaftler haben hervorgehoben, dass Platonov versucht, eine neue, eine „biblische“ Herkunftserzählung für den Sozialismus zu konstruieren. Er möchte an den Sozialismus glauben, es gelingt ihm aber nicht. Die „biblischen“ Erzählstrukturen werden manchmal von einer bitterbösen Satire überlagert. Das Lachen bleibt einem aber im Hals stecken, weil Platonov immer auch sehr tragische und zum Teil grausame Elemente einspielt.
Wie können die Menschen heute von der Beschäftigung mit Platonov profitieren?
Man sieht, wenn man Platonov liest oder auf der Bühne erlebt, wie schwierig es war, sich in der frühen Sowjetunion zu bewegen. Durch das Prisma seiner Bücher wird klar, dass die Sowjetunion eben nicht nur einfach ein repressives System war. Ich glaube, ­Platonovs zentrales Vorgehen war die ­Verräumlichung einer zeitlichen Utopie. In „Tschewengur“ sind die einzelnen Etappen der frühen Sowjetgeschichte im Raum angesiedelt. Tschewengur ist ein Ort, an dem der Kommunismus angeblich bereits existiert, und die Hauptfigur bewegt sich im Raum auf diese Utopie hin und merkt auf dieser abenteuerlichen Reise, dass das alles nicht so einfach ist, wie man sich das vorgestellt hat.
Wie werden Sie Ihren Vortrag im Stuttgarter Schauspiel gestalten?
Ich habe vor allem einzelne Texte aus dem Roman „Tschewengur“ ausgewählt und stelle diesen Passagen Notizen und Briefstellen Platonovs gegenüber. Matti Krause wird Texte aus dem Roman und Wolfgang Michalek das Biografische lesen. Ich werde versuchen zu zeigen, wie Platonov in dem Roman „Tschewengur“ versucht hat, so etwas wie eine symbolische Autobiografie zu präsentieren.

Der Abend mit Ulrich Schmid an diesem Dienstag im Foyer des Schauspielhauses Stuttgart beginnt um 19.30 Uhr. Er ist Teil eines Platonov-Zyklus in der Reihe Stuttgart x Blicke. Nächster Termin ist am 7. März: „Andrej Platonov – Elektrifizierte Dörfer“. www.schauspiel-stuttgart.de

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