Der Placebo-Sänger Brian Molko in der Schleyerhalle Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Die britische Alternative-Rockband Placebo hat in der Schleyerhalle in Stuttgart mit einem feinen Auftritt ihr zwanzigjähriges Bestehen gefeiert.

Stuttgart - her nach einem Pakt mit dem Teufel als nach einem Deal mit Gott klinge „Running Up That Hill“ bei Placebo, schrieb das britische „Q Magazine“ einst über jene Coverversion, die am Donnerstagabend den Auftritt der britischen Band in der Stuttgarter Schleyerhalle beschließen sollte. Ein bisschen viel Pathos mag in dem Vergleich des Musikfachblatts mitschwingen, ein Fünkchen Wahrheit freilich auch. „If I Only Could / I’d Make A Deal With God“ sang Kate Bush und singt nun also Brian Molko in diesem Lied, an dem der Vorsteher und seine Band offenbar einen Narren gefressen haben, denn seit sie diese Adaption 2003 veröffentlicht haben, findet sich der Titel ständig auf den Placebo-Setlists wieder. Wie bei der zauberhaften britischen Popsängerin auch beginnt es mit dem sanft hingetupften Piano-Intro, bei Placebo endet es in der Schleyerhalle nach einer urwüchsigen Gitarreninstrumentation jedoch in einer harschen Feedback­orgie. Diabolisch? Nun ja.

Flirts mit dem Teufel hat man der Band Placebo bisher jedenfalls eher nicht attestiert. Ihrem Vorsteher Brian Molko dagegen wurde immer wieder bescheinigt, mit der Androgynie zu spielen. Auf der Bühne in Stuttgart steht allerdings ein Mann, der äußerlich eher ein wenig an Mr. Bean erinnert, der jedoch vor allem einen Habitus pflegt wie einer, der sein will, was er ja auch ist: ein Rockmusiker.

Was ein Konzert ausmacht

Man sei hier auf einem Rockkonzert und nicht auf einem Fotoshooting, gibt er von der Bühne herab etwa jenen Besuchern in den vorderen Reihen zu bedenken, die ihn pausenlos mit ihren Mobiltelefonen ablichten, statt einfach mal zuzuhören und den Moment zu genießen. Allein für diese dankenswerte Ansage gebührt ihm der Konzertpublikumspreis des Jahres. Den Preis für unprätentiöse Jovialität räumt er nebenher gleich auch noch ab mit seinen verblüffend akzentfrei vorgebrachten Zwischenansagen in astreinem Deutsch. Und auch so legt er den Grundstein für den Ruf einer exquisiten Liveband, der Placebo ­vorauseilt und der aktuell auch wieder bestätigt wird.

Pat und Patachon: so heißt vielleicht das viel treffendere Bild für Molko und den anderen Bandmitgründer Stefan Olsdal. Der zierliche Sänger und der hünenhafte Schlaks haben sich berechtigt die Plätze in der ersten Reihe reserviert. Weit vorn am Bühnenrand spielen sie und sich gegenseitig die Bälle zu – Molko auf der Gitarre und der Multiinstrumentalist Olsdal auf Gitarre, Bass sowie zwischendurch E-Klavier. Keine Spur von Dominanz des bandprägenden Kopfs, gleichberechtigt musizieren hier zwei hervorragende Instrumentalisten. Begleitet werden sie von ihrem vergleichsweise neuen Schlagzeuger Matt Lunn sowie den langjährigen Unterstützern Fiona Brice, Bill Lloyd und Nick Gavrilovic. Zusammen ergibt das, teils mit drei Gitarren plus Bass, ein stimmiges und extrem druckvolles Gefüge, das dankenswerterweise punktgenau einen Millimeter vor der Überinstrumentierung abbremst. Der Sound in der Halle ist gut, die Lichtshow dazu ist endlich in dieser Arena mal wieder wirklich überzeugend, besonders gelungen ist die Videochoreografie auf riesigen Wänden.

Eine letzte Grußbotschaft an den jüngst gestorbenen Leonard Cohen wird auf diese vor Beginn des Konzerts projiziert, im Verlauf des Auftritts ist auf den Leinwänden auch David Bowie zu sehen, am Ende ein verzerrt stilisierter Donald Trump. Eine letzte Reverenz an den großen Songwriter Cohen, den Bandfan Bowie und ein Hinweis auf ein politisches Bewusstsein, das auch Olsdal zum Konzertfinale mit einer kurzen Ansprache und einem regenbogenfarbenen Bass wach hält.

Geburtstagsparty mit melancholischem Einschlag

„This is our Geburtstagsparty“ kräht Molko zwischendurch ins Mikrofon, gemeint ist die Werkschau, die Placebo auf dieser Tour zum zwanzigjährigen Band­bestehen präsentiert. Tatsächlich ist vom selbstbetitelten Debütalbum, von dem die Hälfte der dort versammelten Songs gespielt wird, bis zum siebten und bisher letzten Werk, von dem nur das Stück „Loud Like Love“ kommt, aus allen Schaffensphasen etwas dabei. Richtige Riesenhits hat die Band in diesen zwei Dekaden nicht geschrieben, besonders prägnant klingen in der Schleyerhalle dennoch ihre bekannteren Nummern, zunächst vor allem „Too Many Friends“, „I know“ und „Devil in the Detail“. Zum Ende hin läutet Molko dann, wie er selbst ansagt, das Ende der melancholischen Konzertphase ein. Ins Finale der zweistündigen Show biegen Placebo mit einem mächtig donnernden „For What It‘s Worth“ ein, vor den zwei Zugaben setzt „The Bitter End“ den Schlusspunkt.

Bitter ist dieses Ende keineswegs, ganz im Gegenteil markiert es den Abschluss eines sehr guten, reifen Konzerts. Allenfalls der schwache Zuspruch von nur rund 6500 Besuchern könnte auf den ersten Blick verstören. Doch mit dem letzten Stuttgarter Gastspiel der Alternativerockband vor fünf Jahren auf dem Schlossplatz darf man dies nicht vergleichen; 2011 spielten Placebo für eine Art Solidaritätszuschlag für symbolische 15 Euro Eintritt als Krönung der Festivitäten eines hiesigen Automobilbauers. Den Eindruck, dass der letzte Gipfel schon erklommen ist und hier nur noch ein Erbe verwaltet wird, hinterlässt die Band vor einer ja auch nicht gerade bescheidenen Kulisse jedenfalls keineswegs. Das sind doch gute Aussichten.

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