Der 24 Jahre alte Pianist Giorgi Gigashvili hat in der Meisterpianisten-Reihe im Beethovensaal gespielt und bewiesen: Dem Georgier steht eine große Karriere bevor. Das Publikum musste aber auch einen Schockmoment verkraften.
Es ist keine Schande, den Namen noch nicht gehört zu haben. Zwar hat Giorgi Gigashvili bereits einige Preise bei internationalen Klavierwettbewerben gewonnen, eine Debüt-CD ist ebenfalls erschienen – Ähnliches aber haben viele Nachwuchspianisten vorzuweisen. Dass dem erst 24 Jahre alten Georgier aber vermutlich eine große Karriere bevorsteht, machte er bei seinem Auftritt innerhalb der Meisterpianistenreihe im Beethovensaal auf sehr nachdrückliche Weise deutlich.
Was für ein Klang!
Zu Beginn Bach. Die sechste Partita ist nicht eben häufig zu hören, und schon der erste gebrochene Akkord der Toccata lässt aufhorchen: was für ein Klang! Profund und strahlend, wie er von den Liederhallen-Steinways nicht immer zu hören ist. Hier ist, das merkt man rasch, ein Klangkünstler am Werk, der polyfone Stimmverläufe durch klangliche Texturen zu verdeutlichen weiß und dabei über ein enormes Spektrum an Artikulationsmodi zwischen Legatissimo und Staccato verfügt. Hinzu kommt die Fähigkeit, die Charaktere der einzelnen Sätze individuell auszuformen: dezent kapriziös und leichtfüßig klingt die Allemande, mit Glockenton durchtrillert und gravitätisch schreitend die Sarabande, federleicht durchpulst die Tempo di Gavotta.
Nach der Pause folgt ein Schock
Ganz zweifellos ist das ein Bachspiel, wie es differenzierter und schöner derzeit kaum zu hören ist, und auf diesem Niveau geht es mit Maurice Ravels Sonatine weiter. Auch diese Musik fordert den Virtuosen in der Klanggestaltung. Anders aber als bei Debussy, der häufig mit Klangflächen und Verschleierungen arbeitet, zählt bei Ravel vor allem Klarheit. Pedalnebel sind hier fehl am Platz, und das berücksichtigt Gigashvili: konzise Durchformung prägt die ersten beiden Sätze, und auch das Animé-Finale bleibt bei allem rhapsodischen Überschwang luzide und kristallin.
Nach der Pause dann ein Schock. Galina Ustwolskajas Sonate Nr. 6 ist wohl mit das Extremste, was die Klavierliteratur zu bieten hat. Jeglicher Schönklang ist tabu, dafür malträtiert der Pianist den Flügel mittels Schlägen der flachen Hand und sogar des Unterarms: die Verletzungsgefahr für den Künstler wie die Trommelfelle der Zuhörer scheint beträchtlich. Clusterschläge in fünffachem Forte von äußerster rhythmischer Monotonie, unterbrochen von einsamen, hart angeschlagenen Einzeltönen evozieren eine Atmosphäre von Depression und archaischer Brutalität.
Mit äußerstem Ausdruckswillen
Ein erratisches Stück, wie es wohl nur in der Sowjetunion komponiert worden konnte, und tatsächlich finden sich Elemente auch im Werk von Dmitrij Schostakowitsch, dessen Schülerin Ustwolskaja am St. Petersburger Konservatorium war.
In der Klaviersonate Nr. 2, speziell im Largo, scheint in vielen Stellen Hoffnungslosigkeit und resignative Trauer durch, und auch die bohrenden Marschrhythmen im ersten Satz kann man als Vorbild für Ustwolskaja begreifen.
Existenzielle Musik, die Gigashvili genauso musiziert: mit äußerstem Ausdruckswillen und pianistisch grandios. Am Ende, nach der sich apotheotisch steigernden Doppelfuge d-Moll aus Schostakowitschs op. 87, applaudiert ein Teil des Publikums im Stehen. Der merklich erschöpfte Pianist gewährt wenigstens noch eine Zugabe: Scarlattis Sonate C-Dur K487.