Phillip Boa ist der Pate des Indierock. Der Musiker ist in Stuttgarter aufgetreten. Foto: dpa-Zentralbild

„Wir kennen uns, oder?“ Bei anderen Musikern mag die Frage höfliche Floskel sein. Bei Phillip Boa, der vom Interviewer vier Stunden vor seinem ausverkauften Stuttgarter Konzert im Backstage-Bereich des Universums vom Soundcheck abgehalten wird, sicherlich nicht.

„Wir kennen uns, oder?“ Bei anderen Musikern mag die Frage höfliche Floskel sein. Bei Phillip Boa, der vom Interviewer vier Stunden vor seinem ausverkauften Stuttgarter Konzert im Backstage-Bereich des Universums vom Soundcheck abgehalten wird, sicherlich nicht.

Stuttgart - In der Vergangenheit haben ihn seine Fans und der Autor dieser Zeilen als ehrlichen, manchmal auch allzu ehrlichen Menschen erlebt. „Es quält mich immer noch, mich prostituieren zu müssen“, steht auf Phillip Boas Homepage über einem Interview. Ob ihn dieses Gespräch jetzt auch Überwindung kostet? „Nein, nein, Presse-Interviews machen mir generell Spaß“, grinst der in einen dicken Schal gehüllte Dortmunder und Wahl-Malteser. „Das ist meist ein interessanter Austausch. Ich bin eh ein Fan von Print und Tageszeitungen.“ Uff!

Die Kollegen vom Fernsehen haben es da schwerer: „Sobald eine Kamera, besonders eine Filmkamera auf mich zielt, fühle ich mich unbehaglich.“ Den eindrücklichen Beweis dafür liefert Boa wenig später, als ihn der Fotograf überredet, vor der Bühne zu posen, und der „German Lord of Indie“ nicht so richtig weiß, wohin mit den Augen, den Händen, dem Kinn. Keine Frage, Boa hält gerne alle Fäden in der Hand. Seine Homepage und Facebook-Seite werden von Fans betreut. „An der Jetztzeit gefällt mir, dass wir 100 Prozent unabhängig sind und uns selbst vermarkten, ohne uns verbiegen zu müssen“, sagt er. „Wir“ – das ist ein kleines Boa-Imperium von elf Leuten, denen Boa vertraut, inklusive Band.

„Viele machen sich zum Affen, um Erfolg zu haben“

Ist es ihm wichtig, die Grenze von Indie zu Pop nicht zu überschreiten? Boa grinst gequält. „Ich bin niemand, der diesen Schubladen wirklich Bedeutung zumisst. Indie im Sinne von Independence, also Unabhängigkeit, ist mir sehr wichtig. Ich habe aber kein Problem damit, mit Liedern wie ,Container Love‘ auch Pop zu sein, solange das keine 08/15-Standards sind.“

Bei der Frage nach Bands, mit denen er sich auf Augenhöhe sieht, zieht er die Stirn in Falten: „Die sind alle alt: Kraftwerk, Rammstein, Tocotronic, die Sterne, Element of Crime.“ Und junge Bands? „Viele machen sich zum Affen, um Erfolg zu haben. Spätestens im sechsten Jahr sieht man die meisten in peinlichen Wettkampf-Formaten im Privatfernsehen.“ In einer TV-Jury wird man Boa garantiert nie sehen. „Diese Sehnsucht, mich zu echauffieren, habe ich nicht“, sagt er, korrigiert sich aber: „Okay, auf der Bühne kommt das manchmal raus, aber nur da.“

Kommt es! Beim fast zweistündigen Auftakt der „25 Singles Live“ überschriebenen Tour in Stuttgart scheint sich Boa – wie immer schick in Schwarz – zunächst noch hinter seiner Gitarre verstecken zu wollen. Den Refrain „Show Your Loyalty“ (Zeige deine Loyalität) des ersten Songs scheint er nicht nur an seine Fans, sondern auch an sich selbst zu richten.

„Ich hab euch betrogen“, gesteht Phillip Boa

Mit „Ostrich“ spielt Boa überraschend seine allererste Single aus dem Jahr 1985 und schiebt das eher süßliche „Rome In The Rain“ nach. Beim vierten Song „Fine Art In Silver“ hüpft er das erste Mal, und mancher Besucher hat Angst, dass der Zweimeterhüne an der niedrigen Decke kleben bleibt. Mit wilden Handbewegungen scheint Boa imaginäre Dämonen zu vertreiben und tauscht mit seiner Mitstreiterin und Muse Pia Lund kaum einen Blick aus, überlässt dieser bei „Atlantic Claire“ aber respektvoll die Bühne. Wohlwissend, dass Lund diese Tournee – mal wieder – als Abschied aus Boas Voodooclub verstanden haben möchte, firmieren sich überraschend fitte Mittvierziger vor der Sängerin, schreien „Pia, Pia“ und demonstrieren ihre nicht verlernten Pogo-Tanz-Kenntnisse.

„Ich hab euch betrogen“, gesteht Phillip Boa nach dem vom textsicheren Publikum euphorisch mitgegrölten Song „Crushed On Me“ mit gespielter Reue und grinst: „Dieser Song war gar keine Single.“ Später folgen mit „Emma“ und „Albert Is A Headbanger“ zwei weitere Ausnahmen von der Regel. Schön: Mit „This Is Michael“, „Love On Sale“ und „Container Love“ spielt Boa auch seine bekannten Hits. Mit dem Satz „Passt eigentlich nicht mehr in diese Welt. Geht mir auch öfters so, kennt ihr das?“ kündigt er seine neueste, aber in der Tat erfreulich altmodische Single „When The Wall Of Voodoo Breaks“ an, reißt die leicht melancholische Stimmung zum Finale mit „Kill Your Ideals“ aber noch mal extrem nach oben, klatscht schweißgebadet in die ihm entgegengestreckten Hände und verabschiedet sich brav mit einem „Danke an alle“.

Vor einigen Jahren hat das Publikum noch „Arschloch, Arschloch“ gen Bühne und schlecht gelauntem Performer geschickt, heuer sind es „Messias, Messias“-Rufe. So weit muss man nicht gehen. Aber schön, dass es einen wie Phillip Boa gibt!

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