Der Singer-Songwriter Philipp Poisel verrät, warum er auf seinem Album „Neon“ noch stiller als sonst klingt, warum er Angst vor weißem Papier hat und was er an seiner Heimatstadt Ludwigsburg liebt.
Stuttgart - Der Liedermacher Philipp Poisel ist bekannt für seine poetisch-gefühlvollen Stücke. Im Interview spricht er über unerfüllte Träume, seine Heimat Ludwigsburg und sein schizophrenes Verhältnis zu seinem neuen Album „Neon“.
Herr Poisel, was nur sehr wenige wissen ist, dass Sie Architektur in Stuttgart studiert haben. Wie kam es dazu?
Ich habe schon früher einmal eine Ausbildung zum Grafikdesigner gemacht, und meine Freude am Gestalten hat sich auch in meiner Musik immer weiter entwickelt. Nach einer CD-Produktion und Tour falle ich gern mal in ein Loch. Man kommt nach Hause, hat das nächste Album vor sich und sieht sich mit Leere konfrontiert. Ich habe mittlerweile gelernt, dass es oftmals die bessere Strategie ist, sich mit etwas anderem zu beschäftigen, als gleich wieder ins Studio zu gehen und eine Idee zu erzwingen. Also holte ich mein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nach und beschäftigte mich bewusst mit anderen Themengebieten. Um wieder Inspiration zu tanken. Diesmal war es eben Architektur.
Wenn Sie Ihre Songs als Bauwerke betrachten: Welche Lieder möchten Sie bauen?
Ich möchte Lieder bauen, in denen man sich zuhause fühlt. In denen man gerne wohnt. Ich möchte mich in ihnen zuhause fühlen, aber ich möchte ebenso, dass andere das genauso sehen. Das ist natürlich auch sehr individuell, aber genau das ist meine Anspruch.
Ihr erstes Album erschien vor 13 Jahren. Wie haben Sie 2008 ein Liebeslied geschrieben, wie schreiben Sie es heute?
Nach einer solchen Zeitspanne hat man natürlich vieles schon mal thematisiert. Ich suche also Aspekte, die es in meinen Liedern noch nicht gab. Hin und wieder wird es dann vielleicht ein etwas weniger leidenschaftliches Thema und eher im Alltag verortet. Das mag banal klingen, aber letztlich spielt der Alltag für uns alle ja eine deutlich größere Rolle als das wilde romantische Liebeschaos.
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Irgendwann kommt die Routine ...
Klar, durch die Lebensumstände findet man sich regelmäßig in anderen Situationen wieder. Die Grundsehnsucht bleibt. Vielleicht gibt es Dinge, die ich mir anders vorgestellt habe, aber auch daraus kann man schöpfen. Wenn man sein Hobby zum Beruf macht, dann ist das auch mit Ängsten verbunden. Ein Hobby kannst du einfach sein lassen, aber wenn du mal davon lebst, wird die Musik ein Stück weit Alltag. Die großen Träume haben dann nicht mehr so viel Platz, dafür ist die Musik plötzlich ganz nah dran am Leben.
Das Album „Neon“ ist überwiegend in Ludwigsburg entstanden. Wie wirkt sich die Umgebung auf Ihre Kreativität aus?
Ich versuche immer, mich selbst zu umgehen. Ich setze mich also stets mehr mit meiner Umgebung auseinander als mit mir selbst, und den Rest lasse ich von meinem Unterbewusstsein erledigen. Die Umgebung spielt also durchaus eine große Rolle, weil mir die Konfrontation mit dem leeren Blatt Papier Angst einjagt. Deswegen brauche ich Katalysatoren und Ablenkungen.
Sie müssen sich manchmal also ein bisschen austricksen oder selbst überlisten?
Ja, sozusagen. Ich bilde mir zumindest ein, dass es etwas bringt, wenn ich an unterschiedlichen Orten aufnehme oder mich total in die Soundästhetik rein fuchse, um in einem anderen Bereich einen freien Kopf zu bekommen. Ich traue mich aber fast nicht, das auszusprechen, weil ich Angst habe, dass dann direkt eine Blockade kommt.
Sie haben Ludwigsburg nie für Berlin oder Hamburg verlassen. Warum?
Warum nicht? (lacht) Stuttgart und die Region sind sehr lebenswert. Die Größe, das Angebot, die Lage sind ideal. Meist fällt mir das erst auf, wenn ich auf Tour war und dann wieder nach Hause komme. Ich hätte ja lieber eine Wohnung in Stuttgart gehabt, aber einfach keine gefunden. Man kennt das ja.
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Reden wir über „Neon“. Einerseits ist das Album typisch Poisel, andererseits noch stiller und introspektiver als sonst.
Das mag sein, ich selbst habe aber noch ein schizophrenes Verhältnis zu diesem Album. Es gibt Momente, da gefallen mir Lieder, in anderen dann wieder nicht. Das ist immer so.
Der Text zu „Das Glück anderer Leute“ klingt fast nach einem Gedicht aus der Romantik. Wie gehen Sie mit Traurigkeit, mit Zweifeln um?
Musik ist bestimmt der wichtigste Teil, wenn es darum geht, Gefühle auszudrücken. Ansonsten habe ich kein Patentrezept dafür. Es ist wichtig, Gefühle wahrzunehmen, zuzulassen, ihnen Raum zu geben. Das mache ich mit meiner Musik. Manchmal merke ich dann erst viel später, worum es mir damals ging und was mich umgetrieben hat. Das ist ein Phänomen, das ich nicht erklären kann.
Haben Sie überwiegend gute Tage oder überwiegend Tage voller Zweifel?
Ich finde es nicht leicht, das objektiv zu bewerten. Ich weiß aber, dass ich eine widersprüchliche Persönlichkeit bin. Gute Ideen eines Tages sind Ausschussware eines anderen, viele Dinge, die ich mal toll fand, kann ich schon wenig später gar nicht mehr nachvollziehen. An manchen Tagen fühle ich mich abgehängt, an anderen nicht. Am Ende hält es sich aber wahrscheinlich die Waage.
Philipp Poisel: Album und Tournee
Album
Philipp Poisels neue Platte „Neon“ (Grönland/Rough Trade) ist am 17. September erschienen.
Tournee
Mit seinem vierten Album geht er im kommenden Jahr auf Tournee: Am 22. November 2022 tritt er in Stuttgart in der Porsche-Arena auf.
Goldjunge
Seit 2008 hat Philipp Poisel vier Studioalben veröffentlicht. Für „Wo fängt dein Himmel an“ gab es Gold, für „Bis nach Toulouse“ sogar Platin. Sein letztes Album „Mein Amerika“ ging direkt auf Platz eins in die Charts.
Casting-Liebling
Seine Stücke sind beliebtes Material für die Kandidaten von Casting-Shows. Im Januar 2012 singt Benny Fiedler das bis dato unveröffentlichte Stück „Eiserner Steg“ bei „The Voice Of Germany“, im September 2021 machte Jean-Michel Aweh dasselbe mit „Wie soll ein Mensch das ertragen?“, was Poisels Song von Rang 59 auf Rang fünf klettern ließ.
Sein Amerika
Für einen deutschen Künstler mit diesem Renommee ist nur sehr wenig über Poisels Privatleben bekannt. Er ist selten im Fernsehen zu sehen, gibt wenige Interviews und hält sich auch sonst sehr bedeckt. Nur aus einem macht er keinen Hehl: Aus seinem Sehnsuchtsort Amerika. 2016 erfüllte er sich seinen großen Traum und nahm in Nashville das Album „Mein Amerika“ auf.