Friederike Weltzien baute im Libanon ein Netzwerk für Frauen auf. Foto: Steffen Honzera

Friederike Weltzien war Pfarrerin im Libanon und verfolgt mit großem Interesse die Umbrüche in der arabischen Welt.

Bad Cannstatt – - Die Pfarrerin Friederike Weltzien arbeitet als Seelsorgerin im Krankenhaus vom Roten Kreuz. Morgen berichtet sie während des Gottesdienstes in der Stadtkirche über ihre Erlebnisse als Pfarrerin der Deutschen Evangelischen Gemeinde im Libanon.
Frau Weltzien, wie erging es Ihnen, als Anfang vergangenen Jahres in Tunesien der arabische Frühling begann?
Im Libanon hatten wir im Jahr 2005 auch eine Bürgerbewegung, die sich Zedern-Revolution nannte. Diese Bewegung hatte es geschafft, die syrische Armee aus dem Land zu vertreiben und Wahlen zu gewinnen. Ich kenne daher diese unglaubliche Aufbruchstimmung, die sich auf einmal Bahn bricht. Aber diese Zedern-Revolution wurde systematisch niedergemacht, in dem die führenden Köpfe nacheinander umgebracht wurden, mit Autobomben oder Erschießungen auf der Straße. Ich habe mich natürlich gefreut über den Aufbruch in Tunesien. Ich weiß aber auch um die Gefährdung, die für alle Menschen mit solchen Umbrüchen zusammenhängt.

Bis zum arabischen Frühling konnte man den Eindruck haben, dass im islamischen Kulturraum das autoritäre Element im gesellschaftlichen Zusammenleben eine wesentliche Rolle spielt. Hat sich dies nun als falsch herausgestellt?
Ich denke schon, dass die Gesellschaft dort sehr autoritär geprägt ist, unabhängig ob es christliche oder islamische Strukturen sind. Da hat jeder seine Führergestalten, jeder Clan, jede Familie, jede Religionsgruppe. Die Staaten kenne ich entweder als sehr autoritär oder als sehr schwach. Der Libanon ist ein extrem schwacher Staat. Syrien ist ein unglaublich armes Land ist, trotz einer Regierung, die vermeintliche Stabilität gebracht hat. Aber die Masse der Bevölkerung ist unvorstellbar arm. Von daher ist der soziale Druck enorm. Und in solchen Verhältnissen sind es dann Autoritäten abseits des Staats, die den Widerstand organisieren. Insofern ist das autoritäre Element eine Medaille mit zwei Seiten.

Wieso sind sie ausgerechnet Pfarrerin im Libanon geworden?
Ich bin im Libanon aufgewachsen, meine Familie hatte immer Beziehungen dorthin und als die Stelle frei wurde, haben wir uns einfach beworben.

Weil sie im Libanon aufgewachsen sind, wussten sie vorher um die Situation dort. Hatte dies Sie besonders motiviert?
Auf jeden Fall. Zum einen ist der Libanon ein Stück Heimat von mir. Zum anderen habe ich meine Ausbildung zur Theologin und Tanztherapeutin hier in Deutschland gemacht. Da war es für mich spannend zu sehen, ob meine Ansätze das in einer anderen Kultur und in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen auch tragen. Zum Beispiel im Umgang mit Konflikten und seelischen Erschütterungen.

Und hat es getragen?
Absolut.

Inwiefern?
Wir haben zum Beispiel ein Netzwerk aufgebaut, das nennt sich „Gemeinsam gegen Gewalt“. Dazu gehören auch religiöse Autoritäten der libanesischen Gesellschaft. In diesem Kontext konnten wir in Konfliktsituationen wirklich wirken und gemeinsam gegen Gewalt auftreten, wenn es um Ehrenmorde ging, Zwangsverheiratungen und Kindesentführungen, all diese schrecklichen Konflikte, die in manchen interkulturellen Ehen auftreten.

So wie sie das jetzt erzählen, klingt es, als sei dies der Alltag für Sie gewesen.
Beinahe ja. Im Laufe der Zeit wurde die Gemeinde sehr bekannt als ein Ort, an dem besonders Frauen Schutz finden. Wir haben dort ein richtiges Notfallzentrum aufgebaut. In einer Wohnung im Gemeindezentrum konnten Menschen übernachten. Mit einer Ärztin zusammen habe ich ein Therapiezentrum eingerichtet, in dem die Leute beraten und betreut werden konnten. Das war neben der Arbeit als Pfarrerin das zweite wichtige Standbein. Gerade nach dem Krieg 2006 aber war die seelsorgerische Arbeit ganz enorm wichtig.

Wie wirkt sich ihre Erfahrung aus neun Jahren Libanon aus auf ihre jetzige Tätigkeit im stabilen Deutschland?
Was mir in der Seelsorgearbeit im Krankenhaus sehr zugute kommt, ist die Krisenerfahrung. Das Leben von Menschen, die die Diagnose Lungenkrebs bekommen, steckt genauso in einer Krise wie das derer, die vom Bürgerkrieg überrascht werden. In beiden Fällen wird einem Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen. Die Kraft, in solchen Situationen seelisch dabei zu sein und standzuhalten, habe ich im Libanon entwickelt. Das ist etwas ganz Zentrales in der Seelsorge.

Was möchten Sie den Menschen, die am Freitag den Gottesdienst besuchen, über die arabische Welt erzählen?
Mir geht es darum, den Menschen die arabischen Christen ein bisschen näher zu bringen. Die haben eine unglaubliche spannende Geschichte und Wurzeln bis ins Urchristentum. Und ich möchte deren Lage in der aktuellen Situation ins Bewusstsein rufen. Das wird viel zu wenig wahrgenommen. Ich empfinde das als einen Skandal. Zur Lage der syrischen Christen etwa möchte sich öffentlich zurzeit eigentlich niemand äußern.

Warum ist speziell die Situation der Christen in Syrien zurzeit so heikel?
Das Leben der Christen dort ist von der Angst geprägt, ohne staatlichen Schutz dazustehen. Das führt zu unterschiedlichen politischen Reaktionen. Oberflächlich mag es so aussehen, dass die syrischen Christen den Präsidenten Assad unterstützen. Das kommt hier in der Öffentlichkeit, wo die arabischen Christen ohnehin kaum wahrgenommen werden, natürlich nicht gut an. Das Assad-Regime ist einfach eine hundertprozentige Diktatur. Wer sich gegen das Regime äußert, ist sehr schnell verschwunden in den Gefängnissen oder einfach tot. Wenn dann die Minderheiten­situation dazu kommt und man nicht weiß, ob man in seiner Umgebung als Christ Schutz genießt, ist das doppelt schwierig.

Unabhängig von der aktuellen politischen Lage: Wie leben Christen im muslimischem Kulturraum?
Man lebt dort sehr nach den alten Traditionen. Vermutlich hat das auch etwas mit der unsicheren Lebenssituation zu tun, dass sich die Menschen dort an das halten, was alt und bewährt ist. Das gibt Sicherheit. Für die Kirchen als Institutionen habe ich mich immer gefragt, ob das denn reicht, ob sie nicht mehr in die Gesellschaft hineinwirken sollten. Ich musste aber lernen, dass in einer Welt, die nahezu täglich vom Zusammenbruch bedroht sein kann, so etwas sehr viel verlangt ist.

Das Gespräch führte Lukas Jenkner.

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