Der Filmproduzent Peter Rommel hat sich an „Feuchtgebiete“ gewagt Foto: Promo

Peter Rommel war bisher auf Filmkunst abonniert. Nun hat er sich an Charlotte Roches Bestseller „Feuchtgebiete“ gewagt. Sein Film geht inhaltlich weit über die Vorlage hinaus.

Stuttgart - Peter Rommel war bisher auf Filmkunst abonniert. Nun hat er sich an Charlotte Roches Bestseller „Feuchtgebiete“ gewagt. Sein Film geht inhaltlich weit über die Vorlage hinaus.

Herr Rommel, wieso dieser Stoff?
Ich wollte mal was machen mit einem kommerziellen Ansatz. Charlotte Roche hat mich gefragt, ob ich Interesse hätte, aber ich war mir nicht sicher, ob man aus diesem inneren Monolog einen Film machen kann. Viele große Produzenten haben ihr viel Geld geboten, aber sie hat mir den Stoff im Vertrauen auf eine adäquate Verfilmung quasi geschenkt.
Was hat Sie daran besonders gereizt?
Dass doch viele Menschen ein Problem damit haben. Für mich war das der Gegenentwurf zu dieser Heidi-Klum-Welt und dieser seltsamen Angst vor einem natürlichen Umgang mit dem Körper: Diese Gesellschaft tut immer so modern, aber in Wahrheit ist sie konservativ und verklemmt wie lange nicht.
Wie sind Sie herangegangen?
Mit acht Autoren, die selbst zu tun hatten mit Körperlichkeit, Scheidung, Drogen, Von-zu-Hause-Weggehen. Wir haben analysiert, was bei Helen Memel innerfamiliär passiert. Im Buch wird das nicht so klar. Wir sind auf das Problem Scheidungskind gestoßen. ­Helen hätte auch Drogen nehmen oder sich ritzen können, aber sie drückt das eben in ihrer provozierenden Körperlichkeit aus.
Wann wussten Sie, dass Sie Bilder finden würden für einen Kinofilm?
Das Buch spielt nur im Krankenhaus, wir mussten da rauskommen, Helens Inneres nach außen kehren. Drehbuchautor Claus Falkenberg hat die Visualisierung so weit ­getrieben, dass wir wussten, dass es geht.
Regisseur David Wnendt hatte erst einen Spielfilm gemacht, das Neonazi-Drama „Kriegerin“ – wie sind Sie auf ihn gekommen?
Ich habe einen deutschsprachigen Danny Boyle gesucht. Mein Freund Andreas Dresen kam dafür nicht infrage, da waren er und ich uns einig. Dann hat mir jemand „Kriegerin“ empfohlen. Ich habe diese Kraft gesehen und wusste: Das könnte er sein.
Wie ist es gelungen, das harte Thema so locker zu inszenieren und so virtuos zu montieren?
Ich habe David gesagt: Wir wollen einen poppigen Film machen, aber trotzdem mit Tiefgang, weil niemand glaubt, dass dieser Stoff irgendetwas bedeutet, sondern nur Oberfläche ist. Wir kannte ja „Trainspotting“, das war unsere Messlatte. Den dramaturgischen Rhythmus, was man sehen möchte und sehen darf, den Witz, den Drive. Und was es bedeutet, wenn ein Baby stirbt und die Jungs es gar nicht mitkriegen, weil sie sich lieber einen Schuss setzen.
Wie kam der für deutsche Verhältnisse erstaunliche Dialogwitz zustande?
Claus Falkenberg und ich haben uns fast täglich über den Stoff unterhalten und hatten einen leichten Film vor Augen mit Tempo, Witz und etwas überhöhten Figuren. Die ­Familiengeschichte sollte nicht dröge werden, wir wollten kein schweres Drama.
Einige Szenen sind sehr explizit – haben Sie mit einer Freigabe ab 18 gerechnet?
Ja, aber die FSK meinte eine sehr ernsthafte Qualität zu sehen und hat den Film ab 16 freigegeben. Bei der Masturbationsszene mit der Pizza habe ich befürchtet, dass wir das beim Koproduzenten ZDF nicht durchbringen. Sie waren zuerst alle etwas geflasht von der inhaltlichen Wucht, aber doch sehr ­beeindruckt. Sie werden den Film genau so ausstrahlen. Vor diesem Mut habe ich großen Respekt, das ist heutzutage selten.
Könnten Leute aus den falschen Gründen in den Film gehen – weil er so krass ist?
Ich glaube, die wären in der Minderheit. Ich habe mir bei Lesungen von Charlotte Roche das Publikum angeschaut. Da sind vor allem junge Frauen, die damit selber umgehen, das ist wie ein Happening. Jetzt stellen wir fest, dass genauso viele Männer in den Film gehen. Die reagieren wohl eher auf Carla Juri, weil sie so einen natürlichen Charme hat.
Und etwas Unschuldiges – was einen spannenden Widerspruch ergibt.
Sie war die Einzige, die das mitgebracht hat. Und wir mussten eine Entdeckung machen, mit einer bekannten Schauspielerin wäre das nicht gegangen. Sie ist in diese ­Figur extrem hineingeschlüpft und war während des Drehs auch nicht mehr herauszukriegen.
Sie geht tatsächlich ein gewisses Risiko ein. . .
Ja, aber sie kann durch diesen Film zum Star werden. Der Mut, den sie aufgebracht hat, diese ikonenhafte Frau zu werden, das gibt es oft nur im französischen Kino. Im deutschsprachigen Kino habe ich so eine Seelenschauspielerin noch nicht erlebt.
Sie stammt aus der Nähe von Locarno, wo der Film Weltpremiere hatte . . .
Zuerst wurde sie von gewissen Journalisten, die den Film nicht gesehen hatten, vorverurteilt. Nach der Aufführung mit 3500 ­Zuschauern kippte die Stimmung, und die Reaktionen waren einhellig positiv – das hätte ich nie gedacht!
Waren andere Rollen schwer zu besetzten?
Wir hatten große Probleme, denn viele Schauspieler oder deren Agenten haben uns gesagt: Mit diesem Projekt wollen wir nichts zu tun haben, wir machen unsere Klienten nicht kaputt. Da geht es um Leute, die zwar für viel Geld Werbung für einen Konzern wie McDonald’s machen, aber nicht bereit sind, für Helen Memel ein Risiko einzugehen.
Und doch haben Sie Meret Becker, Edgar Selge bekommen und sogar eine großartigen, ganz ungewohnten Axel Milberg . . .
Alle, die zugesagt haben, waren mit Leidenschaft dabei. Selge hat sofort eingewilligt, den Arzt zu spielen, Meret Becker war ein Geschenk in der Rolle der Mutter. Axel Milberg hat ein wenig nachgedacht, aber von Anfang an großes Interesse gezeigt. Und ich bin froh, dass er dabei war und es allen zeigen konnte. Für diese tollen Schauspielkünstler gibt es in Deutschland ja viel zu wenig Rollen, die sie gebührend fordern.
War die Finanzierung schwierig?
Am Anfang stand oft Skepsis, aber sobald die Leute das Drehbuch gelesen hatten, waren sie voll dabei. Nach der internen Vorführung bei 20th Century Fox, unserem Verleiher, hat man mir gesagt: Wir mochten zwar das Buch nicht so, aber das ist ja ein richtig geiler Film! Wir gehen mit mehr Kopien an den Start und bringen das richtig groß raus! Das war für mich ein erhebender Moment.
Was planen Sie als Nächstes?
Ich verfilme mit Andreas Dresen Clemens Meyers Roman „Als wir träumten“. Wir drehen in Leipzig, es geht um fünf Freunde aus der Schulzeit, die die Wende erleben in Zeiten der reinen Anarchie. Es ist harter Jungs-Stoff, unsere Vorbilder sind „Once Upon a Time in America“ und „Mean Streets“. Andi möchte der West-Sicht wie in „Das Leben der anderen“ etwas entgegensetzten und auch diesem Klamauk mit Stasi-Witzen und Trabbis. Meistens sieht man die DDR nur als obskuren Zoo, den man nicht verstehen kann. Er möchte von den Menschen dort ­erzählen, von den Charakteren, die Clemens Meyer so wundervoll beschreibt.
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