Peter Handke vor der Eröffnung der Schau seiner Zeichnungen in Berlin Foto: Galerie Klaus-Gerrit Friese

Kaum einer kann solch sanfte Sätze schreiben wie Peter Handke, kaum ein Schriftsteller bestätigt sein Können so konsequent wie der am 6. Dezember 1942 in Griffen in Kärnten geborene Wahlpariser. Jetzt stellt er sich auch der Kunstöffentlichkeit – die Galerie Friese in Berlin zeigt Handke als Zeichner.

Berlin - Eng sind die Striche gesetzt. Kaum ­gerahmt durch eine Kugelschreiber-Haar­linie – und doch formulieren sie einen Raum, ein Innen und Außen. Regen – aus dem Zugfenster gesehen. Weiter geht die Fahrt, weiter bewegt sich der Stift – über das Blatt, über die Blätter, durch die Tagebücher von Peter Handke. Nun versammeln sich die Striche, die Form gewordenen Blicke und Bewegungen – der ehemalige Stuttgarter Galerist Klaus Gerrit Friese zeigt Handke in Berlin Blatt für Blatt, Szene für Szene, besser Annäherung für Annäherung.

Ein Apfel ist mehr als ein Apfel

Peter Handke? Ein Textauftakt: „Eine Sitzbank, eine eher zeitlose, im Mittelgrund, und daneben oder dahinter oder sonst wo ein Apfelbaum, behängt mit etwa 99 Äpfeln, Frühäpfeln, fast weißen, oder Spätäpfeln, dunkelroten.“ Platziert zwischen den beiden Polen des Theaters, seiner Wort- und Bildlosigkeit, seiner Wort- und Bildlautstärke: für das Wort, für das Bild, für das Theater. Ein Satz von Peter Handke wie nur je einer – zu denken, zu spielen, zu fühlen genau hier, genau dort: „Eine Heide, eine Steppe, eine Heidesteppe, oder wo.“ Wer sie sucht, wird sie in Kärnten finden, im Süden Österreichs, auf dem Jaunfeld genauer. Historischer Grund, Aufstandsgrund – gegen Hitler-Deutschland.

Der Erzähler in Handkes „Immer noch Sturm“ steht von der Sitzbank auf (oder hat er sie nie erreicht?), beginnt einen Text, der ein Gesang ist, ein Monolog bleibt, in dem Geschichte Gegenwart wird und das Biografische allgemeingültig.

Das Schreiben – ein Singen

Seit mehr als 30 Jahren nun zieht es Handke wieder und wieder in den Süden. Die ­Folie, die das heimatliche Kärnten für ihn immer war, geriet zum Grund, zum Ausgangs- und Endpunkt einer Reise durch ein wieder und wieder zerrissenes Land. „Unsere Gelehrten schonen sich für bessere Zeiten.“ Nein, kein Pardon also, nicht mehr und vielleicht nie wieder. Das Land, das Slowenien war, das Jugoslawien war, das Österreich war, das Deutschland war, kann nicht mehr wirklich gefunden, nicht mehr wirklich beschrieben werden, aber doch bereist werden, besungen werden – vielleicht gerade im Stillstand, von dieser Bank aus, den ­Apfelbaum daneben.

Handkes Erzähler findet und sucht die Mutter, lässt sie erzählen. Den Bruder auch, der sich sicher ist, dass es ist, wie es der Titel der Erzählung sagt: „Immer noch Sturm.“ Ein Einwand bleibt und muss kommen. Der Einwand des Bruders: „Du und dein Friedenswahn“, sagt Gregor, sagt die Gegenstimme. Der eine weitere folgt: „Du kannst nicht alles bestimmen, Herr Sohn!“ Die Mutter. Und das Erzählen, das Singen geht weiter – nicht nur dort auf der Heide.

Einer, der auszog, das Vertrauen zu lernen

Ein eigentümliches, gleichwohl entschiedenes Dennoch zieht sich durch das Schaffen von Peter Handke. In feinem Gespinst sucht er Möglichkeiten an Orten und zu Realitäten, die verloren beziehungsweise ewiggültig scheinen. Hoffnung bestimmt Handkes Zeilen auch dann, wenn er zeigt, wie Gott sich abgewandt hat von den Menschen, die Engel arbeitslos gemacht hat.

Engel wie Damiel und Cassiel. Handke lässt sie in seinem Drehbuch für den 1987 präsentierten Wim-Wenders-Film „Der Himmel über Berlin“ auftreten. Tatenlos lauschen die Engel den inneren Monologen der Bewohner Berlins. Die Träume aber ­bleiben, auch bei Engeln. Damiel drängt es hinaus – hin zu der Trapezkünstlerin ­Marion. Ein Dreieck ist geschaffen, ein Personendreieck auf einem Raumdreieck. Leer ist damals der Potsdamer Platz, eine Mauer umgibt ihn, trennt ihn, trennt die Menschen, nicht aber die Träume. So summt er fast, der Himmel über Berlin, in den sich Damiel und Cassiel schwingen. Unter dem sie – vorsichtig ein mögliches Leben ertastend – die ­Mauer entlanggehen: als Beobachtende, als Hoffende.

Auch die Idee der Nachbarschaft versagt

„Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins“: ein Handke-Hoffnungssatz wie so viele. 17 Jahre später schreibt er 2004 in „Don Juan (erzählt von ihm selbst)“: „Nichts lieber als Nachbarn, und selber Nachbar zu sein. Aber die Idee der Nachbarschaft hatte versagt oder war aus der Zeit geraten?“

Was war geschehen in diesen 17 Jahren, dass einer, der auszog, das Vertrauen zu lernen, gerade das Urvertrauen bezweifelte? Eine Behauptung hatte sich die Maske der Idee abgenommen, Nachbarn waren sich zu Todfeinden geworden, Jugoslawien hatte sich selbst zerstört, um dann zum Schauplatz des Großmacht-Stellvertreterkrieges zu werden – schon verdrängte deutsche Bomben auf Belgrad eingeschlossen.

Sich näher sein, als man dachte

Auf die gefälschten Bilder und realen Massenerschießungen hatte der Dichter keine Antwort. „Ich bin eher da, um – Antworten zu befragen“, sagte der gebürtige Kärntner 1996 in Stuttgart – und wollte nicht herab von den verschneiten Pfaden des von ihm beschriebenen winterlichen Serbiens. Handke, 1966 mit der Heldenbeschimpfung bei der Tagung der Gruppe 47 bekannt und mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ berühmt geworden, hatte anderes im Sinn. „Wer aber gemeinsam in den Einbaum steigt“, heißt es in dem von Claus Peymann 1999 noch in Wien uraufgeführten Stück „Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg“, „gesteht auch ein, sich näher zu sein, als man dachte, entfernter zu sein, als man befürchtete.“ Das Stück spielt in einer Hotelhalle – an einem Nicht-Ort. ­Peter Handke hat es geschafft, ihn zu verlassen. Wie Damiel, sein Engel über Berlin.

Mit den in ihrer eigenen Geschichte ­verschwindenden wie aus dieser auftauchenden anderen einander Unbekannten bilden Peter Handkes Engel wie alle absichtsvoll zufällig Auftretenden in seinen Texten „unter dem bläuenden Himmel und den vom Meer oder von sonst wo daher­ziehenden Wolken ein Miteinander“, wie es in „Der große Fall“ (2011) heißt. Mehr ­Hoffnung wäre zu viel für den Dichter.

Die Zeichnungen sind voller Hoffnung

Voller Hoffnung aber bleiben, sind die Zeichnungen, die Peter Handke notiert wie Beobachtungen, formuliert wie Sätze. Es sind Annäherungen – an Landschaften, Pflanzen, vor allem aber an eher erschaute als geschaute Wetterverhältnisse. Es sind Zeugnisse eines Reisenden. Zeugnisse des Vergehens und eines stillen, kurzen Fest­haltens.

2008 hat das Deutsche Literaturarchiv Marbach 66 Tagebücher Handkes aus den Jahren 1975 bis 1990 erworben. Vor den Toren Stuttgarts also kann man den Zeichner Peter Handke erleben. Und doch tritt er nun in Berlin erstmals in das unmittelbare Licht der Kunst – in der Galerie Klaus-Gerrit Friese (Meierottostraße 1) eröffnet.