Zwei Hebammenschülerinnen demonstrieren, wie das Kind sich bei der Geburt bewegt. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Hebammenschule des Stuttgarter Klinikums darf ab Oktober mehr ausbilden – landesweit steigen die Zahlen. Doch die meisten Bewerberinnen auf einen Platz in der Landeshauptstadt werden trotzdem leer ausgehen.

Stuttgart - Ein Stöhnen dringt aus dem Multifunktionsraum der Hebammenschule in Haus N des Klinikums Stuttgart. „Ich will einen Kaiserschnitt“, entfährt es der jungen Frau auf dem Bett. Michelle Clewett spricht beruhigend auf sie ein. „Du drückst jetzt erst mal weiter, jaaaa, da dran bleiben“, sagt die Geburtshelferin. „Ich sehe den Kopf“, ruft sie wenig später aus. Dann muss sie lachen, wie die „frisch gebackene Mutter“. Diese Geburt ist nur ein Rollenspiel gewesen.

 

Die Stimmung ist gelöst in der Abschlussklasse der Hebammenschule. Dabei steht das Examen an. Dass 18 neue Hebammen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, können offenbar nicht nur die Stuttgarter Geburtskliniken kaum erwarten. „Wir bekommen sehr viele Angebote, von überall“, sagt die Schülerin Lorena Hägele. Auch freiberufliche Hebammen für die Vor- und Nachsorge werden händeringend gesucht – in Stuttgart gehen wegen der angespannten Situation inzwischen Hunderte Schwangere leer aus.

Pro Jahrgang in Zukunft 25 Ausbildungsplätze statt 18

Da ist es eine gute Nachricht, dass in der Landeshauptstadt bald mehr Hebammen ausgebildet werden. Die Hebammenschule des Klinikums erweitert in neuen Räumlichkeiten die Kapazitäten. „Ich freue mich, dass wir zukünftig noch mehr Nachwuchs ausbilden können, sowohl für unser Perinatalzentrum als auch für die Region“, sagt der medizinische Vorstand des Klinikums, Jan Steffen Jürgensen. Im April hat das Regierungspräsidium Stuttgart sieben zusätzliche Ausbildungsplätze pro Jahrgang abgesegnet. Sukzessive wird von Oktober an aufgestockt, sodass man in drei Jahren auf 75 statt bisher 54 Plätze kommt. Es gibt eine Klasse pro Jahrgang, die Ausbildung dauert drei Jahre. Das Klinikum kooperiert für die sieben Zusatzplätze pro Klasse mit dem Klinikverbund Südwest. Die anderen 18 der 25 Klassenplätze sind ans Klinikum angedockt.

Auf sie hat es diesmal regelrecht einen Ansturm gegeben. „Wir haben mehr als 700 Bewerbungen“, berichtet die Leiterin der Hebammenschule, Barbara Schmid. Es sei der letzte Jahrgang, bei dem die mittlere Reife ausreiche, das mache sich bemerkbar. 700 Bewerbungen seien extrem viele, so Schmid, wobei sie schon 500 gehabt hätten. Nach einer Auswertung des Hebammenverbands kamen laut Landessozialministerium im Jahr 2015 im Schnitt sechs Bewerbungen auf einen Ausbildungsplatz in Baden-Württemberg, zehn seien es im Jahr 2010 gewesen.

Nach vier oder fünf Jahren hören viele wieder auf

Insgesamt gibt es zehn staatlich anerkannte Hebammenschulen im Land, inklusive der Schulen in Heilbronn und Winnenden, die 2017 starteten. 2018 lag die Zahl der Hebammenschülerinnen laut Ministerium bei 480, sukzessive soll diese Zahl auf 622 ansteigen, auch die Schule in Ulm erweitere ihre Kapazitäten. Durch die geplante Akademisierung ist der Bestand der Schulen vorerst nicht gefährdet. Der Entwurf des Hebammenreformgesetzes sieht vor, dass Hochschulen bis Ende 2030 die Praxis an den Schulen laufen lassen können. Die Stuttgarter Hebammenschule kooperiert schon jetzt mit der DHBW, Barbara Schmid ist um die Zukunft der Schule nicht bang. Aber sie sorgt sich um ihre Absolventinnen. „Es ist ein Beruf, der sehr begehrt ist zu erlernen“, sagt sie. Das Problem sei die Verweildauer. Nach vier, fünf Jahren hörten viele wieder auf. „Das hat mit den Bedingungen zu tun, unter denen gearbeitet werden muss“, mahnt sie Verbesserungen an.

Im Land hat es gerade erst einen Runden Tisch Geburtshilfe gegeben. Dabei ging es auch darum, wie die Geburtshilfe mitarbeiter- und familienfreundlicher werden kann. Angeregt wurden verlässliche Arbeitszeiten, eine angemessene personelle Ausstattung sowie mehr Hebammenkreißsäle. Einen Hebammenkreißsaal hat die städtische Frauenklinik – vom Hebammenmangel ist aber auch sie betroffen. Der Ausstieg des Charlottenhauses aus der Geburtshilfe ist in der Frauenklinik zu spüren, wo es deutlich mehr Geburten als im Vorjahr gibt. Jan Steffen Jürgensen rechnet mit 3500 in 2019, nach 3281 in 2018. Im Dezember wurde ein sechster Kreißsaal eröffnet, bei gleicher Personallage. Es gab immer wieder Überlastungsanzeigen aus dem Team. Im April habe man im Schnitt eineinhalb Stunden pro Tag die eigenen Kreißsäle abgemeldet, weil sie voll waren.

Frauenklinik hat sich abgemeldet, weil Kreißsäle voll waren

Nun hofft Jürgensen auf Entspannung. Er hat am Dienstag höchstpersönlich in der hauseigenen Hebammenschule Werbung für die Arbeit im Klinikum gemacht, welche für Hebammen mit einer 300-Euro-Zulage einhergeht. Vier Zusagen von Schülerinnen hat er, weitere wollen sich eine Bewerbung überlegen. Sechs freie Stellen gibt es. Jürgensen würde aber auch deutlich mehr anstellen – als Vorsorge. „Dann ist es entspannter, und das ist besser“, sagt der medizinische Vorstand.