Die Krüge hoch: Die Einladung auf den Wasen ärgert so manchen streitlustigen Pensionär Foto: Max Kovalenko

Rund 3000 der insgesamt 9000 einstigen Rathaus-Mitarbeiter werden zur nächsten Pensionärsfeier der Stadt erwartet. Dass diese am 5. Oktober 2015 im Festzelt auf dem Wasen stattfinden soll, empört allerdings manchen Altvorderen.

Stuttgart - Alle Jahre wieder? Nein, das nicht gerade. Aber zumindest regelmäßig im Dreijahresrhythmus würdigt die Stuttgarter Stadtverwaltung ihre Pensionäre. Jahr für Jahr werden es, eine Folge des demografischen Wandels, mehr. Gut 3000 der von der Stadt Angeschriebenen dürften, so zumindest die Einschätzung des Haupt- und Personalamts, in diesem Jahr die Einladung annehmen. Einige der Pensionäre allerdings blicken mit wenig Vorfreude auf jene für Montag, 5. Oktober, von 14 bis 17.30 Uhr angesetzte Zusammenkunft.

An die Spitze jener, die die vom Rathaus dafür auserkorene Lokalität kritisieren, hat sich Peter Launer gesetzt. Er ist in der Stadtverwaltung kein Unbekannter. Der 68-Jährige war nach eigener Auskunft „bis 1993 der letzte stellvertretende Touristikdirektor der Stadt“, Abteilungsleiter im Stadtplanungsamt und darf sich nun Stadtverwaltungsdirektor im Ruhestand nennen. Und er ist, wie er durchaus mit gewissem Stolz erklärt, „ein streitbarer Geist“ – was sich nicht zuletzt in zahlreichen Leserbriefen in unserer Zeitung äußert.

Nun allerdings verteilt er keinen Tadel in Richtung Politik und Gesellschaft, sondern gegen seinen einstigen Arbeitgeber. Launer formuliert’s drastisch: „Ein Massenauftrieb in einem Bierzelt auf dem Volksfest ist die absolute Dekadenz“, schimpft der Mann aus Gaisburg. Bezüglich der Jubilar- und Pensionärsfeiern erlebe man nun durch die von Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) angeführte Verwaltung „mehr als den Tiefpunkt der Wertschätzung von Lebensarbeitsleistung der Mitarbeiter der Stadt“. Das sei „eine Zumutung“ und „ein Negativbeispiel im Handbuch für Unternehmens- und Mitarbeiterkultur“.

Bei lauter Musik keine Unterhaltung möglich?

Man solle offenbar „seine Gutscheine abveschpern“ und möglichst schnell wieder verschwinden, denn „um 17.30 Uhr erfolgt ja der Rausschmiss“. Eingezwängt in die Bänke, dazu die lautstarke Musik, da sei es unmöglich, von Tisch zu Tisch zu gehen und sich mit alten Bekannten und ehemaligen Kollegen zu unterhalten. Die Pensionäre würden behandelt, als seien sie unerwünscht. „Wenn die Ruheständler der Stadtverwaltung unter der neuen Stadtregierung ein lästiges Übel sind, dann soll man die ohnehin nur auf den Dreijahresrhythmus gestreckten Jubilarfeiern beerdigen.“

Einige Mitstreiter unterstützen Launer. Etwa Heinz Goller, früher Oberverwaltungsrat beim Rechnungsprüfungsamt. „Pensionärsfeiern im Festzelt, das finde ich zumindest unpassend“, sagt er. Man wolle sich doch mit alten Kollegen in Ruhe unterhalten. Früher habe man mal in Liederhalle getroffen, doch das sei wohl zu teuer. „Vor drei Jahren in der Schleyerhalle waren die Ränge schwarz abgehängt, das war wie bei einer Trauerfeier“, rügt der Ruheständler auch die Feier von 2012. Und nun: Da sei es die Frage, ob sich 80- oder gar 90-Jährige „im lärmigen Festzelt wohlfühlen“. Und „ein Liter Bier am frühen Nachmittag ist auch nicht nach meinem persönlichen Geschmack“, sagt der 75-Jährige. Unterstützung haben sich Launer und Goller bei der CDU-Stadträtin Dorit Loos geholt. Sie sagt auf Anfrage: „Dass um halb sechs Schluss ist, das geht ja wohl gar nicht.“

Bei der Stadtverwaltung stoßen die Anwürfe der altvorderen Ruheständler allerdings auf Verwunderung. „Bei uns sind eine Vielzahl an sehr positiven Rückmeldungen zu unserer Einladung auf den Wasen eingegangen“, erklärt Fabian Schlabach von der Stabsabteilung Kommunikation. Für eine Veranstaltung mit zu erwartenden 3000 Gästen sei das Angebot an Räumlichkeiten mit entsprechender Bewirtung und Atmosphäre in Stuttgart eben beschränkt. „Das Cannstatter Volksfest bietet jedoch die idealen Rahmenbedingungen.“ Durch die Reservierung eines großen Teils des Festzelts bestehe die Möglichkeit, das Programm und somit auch die Musik inklusive Pausen selbst zu regeln, um eine angenehme Stimmung zu ermöglichen. Es gebe ein reichhaltiges Angebot an Speisen und Getränken, „und durch den Termin am Montagnachmittag vermeiden wir größere Menschenmassen und Gedränge“.

Auch nach 17.30 Uhr darf gefeiert werden

Das Volksfest mit seiner langen Tradition sorge bei Groß und Klein für viel Freude. Die Einladung zum Volksfest sei als Dankeschön zu sehen für die ehemaligen Mitarbeiter, die alle einen persönlichen positiven Beitrag für die Entwicklung der Stadt und Stadtverwaltung geleistet hätten. Im Übrigen sei das offizielle Ende der Pensionärsfeier zwar auf 17.30 Uhr festgesetzt; die Gäste könnten aber selbstverständlich auf eigene Kosten mit ihren ehemaligen Kollegen „bleiben, bis das Festzelt offiziell schließt“. So lange werden es Launer und Goller im Bierzelt aber sicher nicht aushalten, wenn sie denn überhaupt den Weg auf den Wasen finden.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: