Unterwegs mit Spezialantrieb: Wo normalerweise eine Trinkflasche am Fahrradrahmen steckt, befindet sich bei diesem Pedelec der weiße Elektroakku. Foto: Tom Bloch

Wir testen in den kommenden Wochen wie es ist, wenn man mit einem Pedelec unterwegs ist und berichten über die Vor- und Nachteile des Radfahrens mit Elektromotor. Erste Erkenntnis: Bergauf geht’s deutlich leichter, doch der harte Rennradsattel macht manchem Kollegen zu schaffen.

Stuttgarter Nordenn - Ich hätte nicht gedacht, dass ich jemals im Sattel eines Pedelecs sitzen würde. Zumindest nicht, bevor ich in Rente bin. Ich dachte: Fahrräder mit Elektromotor sind doch eher was für ältere Semester. Was für Menschen mit Knieprothesen, Herzproblemen oder ähnlichen Gebrechen. Aber ich, der ehemalige Radrennfahrer? Ein Pedelec? Nie und nimmer! Nun ja, so kann man sich irren. In den kommenden Wochen nehmen meine Kollegin Leonie Schüler und ich im Sattel eines Elektrofahrrads Platz. Wir pedalieren uns durch den Stuttgarter Norden sowie darüber hinaus und werden über unsere Erfahrungen berichten. Über Vor- und über Nachteile des Pedelecs (es gibt von beidem, so viel sei schon verraten).

Ich bin also als Erster an der Reihe und durfte unser Leihfahrrad im Fachgeschäft an der Reinsburgstraße abholen. Dass ich da mit dem Auto hingefahren bin, verschweige ich an dieser Stelle mal besser. Die Einladung von Fahrradhändler Michael Lausterer, eine Probefahrt zu absolvieren, bevor ich das Rad mit ins Büro nehme, nehme ich gerne an. Die Eigenheiten des Pedelecs sind schnell erklärt: Es hat eine Zehn-Gang-Schaltung und einen 250-Watt-Motor, der mich beim Pedalieren unterstützt. Per Tastendruck lässt sich der elektronische Schub stufenweise regeln. Mit ausgeschaltetem Motor kommt man ordentlich ins Schwitzen, denn: Das Fahrrad wiegt rund 20 Kilo und ist – verglichen mit Rädern ohne Zusatzmotor – ein Schwergewicht. Ich schalte also die erste Stufe, den sogenannten Eco-Modus ein. Siehe da: Es geht schon ein wenig leichter, aber eben auch nur ein wenig. Noch etwas leichter geht es mit dem Touren-Modus. Die Reinsburgstraße ist recht steil, ich überspringe den Sport-Modus und schalte auf Turbo. Halleluja! So kann’s laufen.

Unterstützung bis 25 Stundenkilometer

Bis Tempo 25 maximal unterstützt mich der E-Motor. Fährt man schneller, was auf der Ebene oder bergab durchaus möglich ist, dann schaltet er zurück. Ich schnurre also mit dem Motörchen 100 Meter bergauf und würde eigentlich gerne noch weiter fahren. Jedoch kommt mir eine Politesse entgegen und ich erinnere mich daran, dass ich mein Auto im Halteverbot stehen habe. Kehrt Marsch und schleunigst wieder retour zum Fahrradladen, sonst gibt es ein Knöllchen.

Am Auto angekommen, zeigen sich beim Verladen in den Kofferraum weitere Vor- und Nachteile des Objekts. Gut ist, dass sich die Räder einfach per Schnellspanner entfernen lassen. Nun bin ich ein wenig bequem und denke, dass es reicht, wenn ich es beim Vorderrad belasse und nur dieses aus der Gabel herausnehme. Zu kurz gedacht. Das Fahrrad ist durch das verbliebende Hinterrad noch immer recht sperrig und wiegt auch deutlich mehr. Merke: Das nächste Mal, wenn ich das Elektrofahrrad im Auto transportieren sollte, werde ich beide Räder und auch den Akku entfernen. Dann tue ich mich leichter.

In der Redaktion an der Ludwigsburger Straße angekommen, sind die Reaktionen auf das neue Fahrrad recht unterschiedlich, im Großen und Ganzen aber positiv. Ein Kollege hat im Internet recherchiert und erklärt mir, es handle sich bei meinem Modell um das „Rad für den sportlichen Fahrer, der sich im urbanen Raum zügig fortbewegen möchte“. Na, von mir aus auch das. Das Design erinnert eher an ein Touren- beziehungsweise Rennrad. Der Komfort reduziert sich auf den Motorantrieb. Federungen gibt es nicht. Auch der bockelharte Rennradsattel stößt auf wenig Gegenliebe. Ein Kollege weigert sich, damit auch nur einen Meter zu fahren. Auch die Kollegin Schüler zweifelt an ihrer körpereigenen Polsterung. Mein Hinweis, dass einem der Hintern am Anfang nach einer Trainingspause fast immer weh tut, scheint an ihrer Haltung wenig zu ändern. „Also gemütlich sieht das nicht aus“, sagt sie. Worauf ich entgegne: „Gemütlich ist ein Wohnzimmersessel, was hast Du denn erwartet?“ – „Aber deshalb fährt man doch Pedelec. Eben damit es gemütlich ist.“ Leonie denkt nach wie vor über einen Austausch des Sattels nach, wenn sie das Fahrrad in der kommenden Woche testet. Auch die schmalen Reifen ohne Stollen sind ein Thema: „Ich will doch durch den Wald von Zuffenhausen nach Feuerbach fahren.“ Planierte Schotterwege dürften kein Problem sein. Ob und wie gut es rollt, wird sich zeigen. Übrigens gibt es alle möglichen Fahrradtypen mit Elektromotor: Rennräder, Tourenräder aber auch Mountainbikes. Und noch was: Auch einen Rennradsattel kann man ohne weiteres gegen eine gepolsterte Sitzgelegenheit austauschen austauschen.

Ein Sattel ist kein Wohnzimmersessel

Während ich diese Zeilen schreibe, hat sich Kollege Georg Friedel das Rad unter den Nagel gerissen. Jetzt ist er erst mal außer Sichtweite. Zurück kommt der Kollege nach wenigen Minuten zu Fuß, das Rad schiebt er. „Bist Du gestürzt?“ „Nein, ich wollte nur mal eine Runde um den Block fahren, der Sattel ist definitiv zu hart“, findet er. Zum Rad als solchem könne er noch nichts sagen – den Elektromotor hatte er bei seiner Spritztour gar nicht eingeschaltet...

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