Auf der Plattform „Zinsbaustein“ können Anleger kleine Beträge in Bauprojekte investieren, auch in Paulus-Projekte. Foto: Emanuel Hege

Paulus Wohnbau hat über die Crowdfunding-Plattform „Zinsbaustein“ fünf Millionen Euro besorgt. Einen Teil muss der Bauträger jetzt zurückzahlen.

Ein Deal von Januar 2022 könnte den angeschlagenen Bauunternehmer Erwin Paulus in die Privatinsolvenz stoßen. Damals lieh sich sein Unternehmen Paulus Wohnbau rund fünf Millionen Euro von Kleinanlegern der Crowdfunding-Plattform „Zinsbaustein“, und er selbst unterschrieb ein sogenanntes Schuldanerkenntnis. Das führt nun dazu, dass „Zinsbaustein“ nach der Insolvenz der Paulus Wohnbau GmbH das Geld ihrer Kunden zurückfordert – und zwar sofort. Was hat das für Auswirkungen? Ein Überblick.

 

Was ist die Ausgangslage?

Die Paulus Wohnbau GmbH hat Anfang August Insolvenz angemeldet, seit Anfang November läuft das Insolvenzverfahren. Davon betroffen sind erstens Banken, die Bauprojekte finanziert haben. Zweitens Kunden, deren Wohnungsbau zum Erliegen gekommen ist. Drittens sind Kleinanleger betroffen, die im Jahr 2022 insgesamt fünf Millionen Euro in Bauprojekte der Paulus Wohnbau investiert haben.

Mehr als 1100 Personen haben über die Crowdfunding-Plattform „Zinsbaustein“ durchschnittlich 4500 Euro in Paulus-Projekte investiert. Den Anlegern winkten damals Renditen von um die sechs Prozent, ein riskantes Investment. Die Paulus Wohnbau nutzte die fünf Millionen derweil als Kapital für ihre Bauprojekte.

Warum fordert „Zinsbaustein“ Geld?

Bis zuletzt sind alle Beobachter davon ausgegangen, dass die „Zinsbaustein“-Anleger als Gläubiger leer ausgehen. In dieser Woche verkündete „Zinsbaustein“-Geschäftsführer Markus Kreuter jedoch, dass die Plattform das Geld zurückverlange. Es sei bereits eine Forderung von 2,5 Millionen Euro an Paulus’ Privatvermögen gestellt worden.

Hintergrund ist ein notariell ausgefertigtes abstraktes Schuldanerkenntnis, das Erwin Paulus angeblich zum Start der Crowdfunding-Kampagne im Januar 2022 unterschrieben hat. Das ist laut „Zinsbaustein“ eine übliche Praxis. Paulus ist also eine private Bürgschaft für den Fall eingegangen, dass die Bauprojekte seiner GmbH scheitern. Das ist mit der Insolvenz der Paulus Wohnbau passiert, die Bürgschaft greift.

Doch damit nicht genug. Der Geschäftsführer Markus Kreuter deutete diese Woche zudem an, dass es mit den 2,5 Millionen Euro nicht getan sein wird. „Zinsbaustein“ wird die kompletten über die Plattform gesammelten fünf Millionen Euro einfordern, plus Zinsen. Der Privatmann Erwin Paulus sieht sich mittelfristig mit Forderungen von insgesamt sechs Millionen Euro konfrontiert.

Warum kann „Zinsbaustein“ die Schuld sofort einfordern?

„Zinsbaustein“ hat die ersten 2,5 Millionen Euro bereits im Oktober per Gerichtsvollzieher eingefordert. Laut Kreuter muss Paulus nun dem Gericht eine Vermögensaufstellung einreichen. Die wird zeigen, ob der Bauunternehmer die Schuld begleichen kann. „Zinsbaustein“ kann laut eigener Aussage diesen direkten Weg wählen, da das Schuldanerkenntnis ein schärferes Schwert ist als andere privaten Bürgschaften.

Was bedeutet das für Erwin Paulus?

Warum hat Erwin Paulus dieses Schuldanerkenntnis unterschrieben? Der Pleidelsheimer Bauunternehmer war bis Redaktionsschluss trotz mehrmaliger Versuche nicht erreichbar. Paulus beteuerte in der Vergangenheit immer wieder, dass er hohes Vertrauen in seine Projekte gehabt habe und deswegen Risiken eingegangen sei. Er hat wohl aber auch schlicht Kapital benötigt.

Eine mögliche Folge der „Zinsbaustein“-Forderung zeichnet sich nun ab: Erwin Paulus könnte in eine Privatinsolvenz rutschen. In früheren Gesprächen deutete Paulus bereits an, dass sein Privatvermögen die ausstehenden Bürgschaften nicht decken könne.

Warum stehen die Paulus-Verkäufe wieder im Fokus?

Kurzer Blick zurück: Erwin Paulus gründete mit zwei Mitarbeitern im Frühjahr dieses Jahres das Unternehmen Premium Bauen & Wohnen. Paulus steckte 560 000 Euro in Firmenanteile, die er wegen der Insolvenz seiner Haupt-GmbH Paulus Wohnbau kurze Zeit später wieder verkaufte. Zwei Tage nach dem Insolvenzantrag am 8. August verkaufte Paulus zudem seine Anteile an der insolventen Paulus Wohnbau an seine Tochter. Paulus erklärte diese Verkäufe damit, dass er Geld brauche, um auf die Forderungen aus den privaten Bürgschaften vorbereitet zu sein.

Ob er vorbereitet ist, wird nun die Vermögensaufstellung zeigen, die Paulus bis Ende des Monats übergeben soll. Falls nicht genug Vermögen da ist, werden die Insolvenzverwalter aller Voraussicht nach prüfen, ob und wie viel Geld aus den Anteilsverkäufen zur Verfügung steht. „Die Verkäufe beschäftigen uns“, sagt Markus Kreuter. „Warum Erwin Paulus im Kontext der bekannten Lage diese Transaktionen durchgeführt hat, wird nun sicherlich hinterfragt werden.“

Was bedeutet das für die Paulus-Projekte und Kunden?

Insolvenzverwalter Holger Leichtle ließ über ein externes Kommunikationsbüro mitteilen, dass man die Fragen nicht bis Redaktionsschluss beantworten könne. Die Insolvenzverwalter hatten mehr als zwei Tage Vorlaufzeit, um auf die Fragen zu antworten.

Was steht für „Zinsbaustein“ und ihre Kunden auf dem Spiel?

Die Plattform überholt die übrigen Gläubiger der Paulus-Insolvenz auf der rechten Spur. Denn für die Crowdfunding-Plattform steht nicht weniger als ihr Geschäftsmodell auf dem Spiel. Der Geschäftsführer Markus Kreuter will seinen Kunden beweisen, dass – selbst bei einem Pleite-Investment wie diesem – „Zinsbaustein“ alle Hebel in Bewegung setzt, um das verloren geglaubte Geld zurückzuholen. Falls alle 1100 Anleger ihr Geld verlieren, hätte das einen Imageschaden für „Zinsbaustein“ zur Folge.