Kritischer Zeitgeist: Paul Schobel Foto: Bernd Epple

Paul Schobel, Gründer der Betriebsseelsorge in Böblingen, bleibt auch im Unruhestand seiner kritischen Linie treu und nimmt Stellung zu aktuellen politischen Fragen.

Als Betriebsseelsorger ist er längst im Ruhestand. Doch der 84-jährige Paul Schobel ist durch und durch ein Homo politicus. Still halten will und kann der katholische Priester nicht – und so meldet er sich auch heute noch zu vielen heiß diskutierten Themen zu Wort.

 

In seiner Grundschulzeit hatte ihn der Pfarrer seiner Kirchengemeinde im Kreis Rottweil unter seine Fittiche genommen und die Neugierde fürs Priesteramt in ihm geweckt, ihn „sozusagen auf die Spur gesetzt“, wie es Schobel nennt. Schnell waren für den Ältesten von sechs Geschwistern Themen wie Nächstenliebe und Fürsorge keine Fremdwörter mehr. Er wollte helfen und vor allem: Gerechtigkeit.

Arbeitswelt wird Thema der Seelsorge

Und so trat der Bauernsohn nach dem Abitur das Theologiestudium in Tübingen und Innsbruck an und besuchte das Priesterseminar in Rottenburg, bevor er 1963 zum katholischen Priester geweiht wurde. Während des Vikariats in Böblingen kam es zu ersten Berührungen mit der Arbeitswelt. Er erfuhr wie ungerecht es da bisweilen zuging und beschloss, einzuschreiten. Auch die Belange der Jugendlichen wollte er ernst nehmen und wurde 1966 von Bischof Carl Joseph Leiprecht zum Jugendpfarrer der „Christlichen Arbeiterjugend CAJ“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart ernannt. „Gleichzeitig wurde ich auch mit dem Aufbau einer ersten Beratungsstelle für Kriegsdienstverweigerer beauftragt. In beiden Arbeitsfeldern habe ich erfahren, wie politisch die Botschaft Jesu ist, wie sehr Glaube und Politik zusammengehören und dass ein christlicher Glaube zum politischen Engagement verpflichtet“, erzählt Schobel. Ein Weg mit Ecken und Kanten und voller Konfliktpunkte war vorgezeichnet: „1972 wurde ich zum Bundeskaplan der CAJ gewählt, doch die Deutsche Bischofskonferenz verzichtete aufgrund meines politischen Engagements dankend auf meine Mitarbeit.“ Nach langen und heißen Konflikten wurde Schobel „Industriepfarrer“ im Raum Böblingen/Sindelfingen, er arbeitete dreimal für längere Zeit „beim Daimler“ am Band. „1987 konnten wir auf meine Initiative hin in Böblingen das „Arbeiter- und Arbeitslosenzentrum“ eröffnen“.

Klares Veto zur Politik der Aufrüstung

Mit seinem gesellschaftskritischen Auftreten polarisierte er in der katholischen Kirche und bekam von Kritikern spöttisch den Titel „Herz-Jesu-Sozialist“ verliehen, den er allerdings als Ehrentitel betrachtet. Von 1991 bis 2008 leitete er das inzwischen zehnköpfige Team der Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg/Stuttgart.

Im Ruhestand ist er nun ehrenamtlicher Mitarbeiter mit Sitz in Böblingen. Als Kenner der katholischen Soziallehre und Interpret der biblischen Botschaft im Blick auf Arbeit und Soziales referiert er immer noch bei Gewerkschaften, Parteien und in Betrieben. Im SWR ist er regelmäßig in den Sendungen „Morgengedanken“ und „Anstöße“ mit gesellschaftskritischen Beiträgen zu hören.

Gesellschaftskritische Radio-Beiträge

Der Träger des Sozialpreises der Stadt Böblingen und des Verdienstordens des Landes Baden-Württemberg hält immer noch nicht still. Vor allem beschäftigen ihn die kriegerischen Konfliktlösungsstrategien der Politik. Politisch stand er immer schon der SPD nahe, was durch die Waffenlieferungspolitik der Roten stark ins Wanken gekommen ist. „Über Jahrzehnte war ich eher links orientiert, doch inzwischen fühle ich mich heimatlos“, sagt er. Dasselbe gilt für die aktuelle Kirchenpolitik. „Die Kirchen müssten Mediation betreiben und sich der Spaltung der Gesellschaft entgegenstellen.“ Wolle sie eine Zukunft haben, müsse sich die Kirche hin zu mehr seelsorgerischer Arbeit bewegen. Auch wenn der Vatikan bremst: „Reformen in puncto Zölibat oder Frauen im Priesteramt sind unumgänglich.“ Schobel betont, dass die zentrale Botschaft des Christentums Freiheit und Gewaltlosigkeit ist. Beides wurde zu oft mit Füßen getreten. Am meisten beschäftigen ihn momentan die Waffenlieferungen der Regierungen. Die atomare Bedrohung sei so groß wie nie und der einzig gangbare Weg wäre es, durch Verhandlungen einen Kompromiss zu erarbeiten.

Über seine Radiovorträge erhält er viele Zuschriften, die Sorgen und Nöte seiner Hörer betreffend. Damit bleibt er, neben seinem politischen und kirchlichen Alltag, ebenfalls am Puls der Zeit. Von Ruhestand also keine Spur. Auch mit 84 bleibt er ein hellwacher Impulsgeber zu den Fragen der Zeit.