Höllenengel Patrizia Moresco Foto: Christine Fenzl

Die Komikerin Patrizia Moresco, früher in Stuttgart, heute in Berlin zu Hause, gastiert mit ihrer Show „Die Hölle des positiven Denkens“ am Freitag, 6. April, im Theaterhaus. Zurzeit engagiert sie sich für eine große Frauenaktion in der Kabarett- und Comedyszene.

Patrizia Moresco, lange haben Sie regelmäßig zwei Abende hintereinander im T 4, dem kleinsten Theaterhaussaal, gespielt. Diesmal treten Sie im größeren T 2 auf. Zwingt Sie der Erfolg zum Umzug?
Mein neuer Saal ist nicht nur wesentlich ­größer, er schafft auch die Voraussetzung, noch mehr Energie in meinen Auftritt zu pumpen. Er bietet mir gewissermaßen mehr Power und auch bessere technische Bedingungen. Ich freue mich sehr auf diese Bühne.
Und das Publikum zieht mit.
Ich hab’ inzwischen das Glück, dass ich mit meinen 60 Jahren verschiedene Generationen unter meinen Gästen habe. Das ist eine sehr schöne Erfahrung. Vor Weihnachten­ saßen­ in der ersten Reihe Eltern mit ihren zwei jugendlichen Kindern. Ich sagte von der Bühne: „O scheiße, jetzt müsst ihr armen Kids mit den Eltern ins Theater gehen, nur weil Weihnachten ist.“ Nachher kam einer der Jungs zu mir hinter die Bühne und sagte: „Wann spielst du wieder hier, ich würde gern meinen Geburtstag bei dir feiern.“ Dann kam er tatsächlich an seinem Geburtstag mit 14 Freundinnen und Freunden in meine Vorstellung. Es passiert auch öfter mal, dass ­Eltern zu ihren Kindern, die sie ja heute als eine Art Freunde betrachten, sagen: „Wir ­haben da eine voll geile Show gesehen, die wird euch auch gefallen . . .“
Was gefällt Alt und Jung gleichermaßen?
Ich beackere die digitale Revolution und verarbeite meine Erfahrungen damit – ­etwa wie viele Leute ihr Gehirn an der Garderobe abgeben und es durch ihr Handy ­ersetzen. Viele sind selbst während der Vorstellung damit beschäftigt, ihre Handys zu checken. Sie sind süchtig und gestalten ihre Lebensabläufe nach dem Display. Mit dem Thema habe ich einen Nerv getroffen.
Als Sie 1979 als Komikerin anfingen, gab es in Deutschland den Begriff „Comedy“ noch gar nicht. Was sind heute Ihre Erfahrungen als Frau in dieser Szene?
Damals sprachen wir noch von „Fools Theater“ oder „Clowns Theater“. Tatsächlich war ich in diesem Bereich eine der aller­ersten Komikerinnen in Deutschland, in ­ Stuttgart zunächst mit Roland Baisch und Bernd Schray beim Scherbentheater, später in größerer Besetzung viele Jahre lang bei den Shy Guys. Es war anfangs so, dass ich als Frau einfach gekämpft habe, mich durch­zusetzen, ohne mir über die Frauenrolle ­viele Gedanken zu machen. Wie auch. Ich war ja die Frontfrau unter einem halben Dutzend Männern. Später erst habe ich zu spüren ­bekommen, wie schwer es ist, sich gegen die Männer in diesem Geschäft durchzusetzen. Bis heute werden Frauen von vielen ­Veranstaltern und Kollegen nicht respektiert und mies behandelt.
Wie läuft das in der Praxis?
Vor elf Jahren habe ich meine erste Soloshow gemacht und erfahren, wie wir als Frauen eingeschätzt werden. Da heißt es dann einfach mal von Veranstaltern und sogar von Veranstalterinnen: „Frauen sind nicht ­lustig.“ Oder von einem TV-Juror kommt der Spruch: „Wenn du nackt auftreten würdest, wärst du vielleicht komisch.“ Natürlich sind solche Verhaltensweisen nicht nur in der ­Komik gang und gäbe, das erlebst du auch in allen anderen Bereichen der Kunst, des ­Kulturbetriebs. Wie generell im Alltag.
Hat sich das im Lauf der Zeit nicht zum ­Besseren verändert?
Nein, Männer, die Frauen blöd anmachen oder beleidigen, sterben nicht aus. Als ich vor 15 Jahren von Bayern nach Berlin gezogen bin, hat mich mein Vermieter ernsthaft gefragt, wann mein Mann nachkäme – und ob der für mich bürge. Das wollte ich erst nicht ­glauben, in Berlin. All die Klischees gelten nach wie vor: Einer Frau, die auf der Bühne arbeitet, sagt man ganz selbst­verständlich, sie sei zu alt für das Geschäft. Oder man wirft ihr auch vor, sie trage die ­falschen Klamotten. Ein ­uralter Kabarettist mit Doppelkinn und Bierbauch hat dieses Problem ganz sicher nicht.
Gibt es weiblichen Humor und männlichen Humor – oder nur guten und schlechten?
Zunächst einmal nur guten und schlechten. Unterschiede sehe ich in der Herangehens­weise. Nach meiner Erfahrung sind Frauen mit ihren Inhalten vorsichtiger und nachdenklicher, oft auch ängstlicher als Männer, bevor sie auf die Bühne gehen. Da fehlt das Selbstbewusstsein. Wenn Männer eine Show versemmeln, sagen sie: Das Publikum war schlecht. Frauen sagen: Ich war schlecht. Dabei sind Frauen in ihren Darstellungs­formen meist schräger und wesentlich ­vielseitiger als Männer.
Es gibt heute viel mehr Komikerinnen als ­früher, darunter sehr gute – und viele machen jetzt gemeinsame Sache.
Ja, wir haben das Projekt „Sisters of Comedy – Nachgelacht“ gestartet. 124 Kolleginnen machen mit. Ich gehöre mit zu den vier Organisatorinnen, die Grundidee stammt von der Kollegin Carmela De Feo aus dem Ruhr­gebiet. Am 12. November, zum 100. Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland, bespielen wir 22 Städte in Deutschland und der Schweiz. Jede Stadt hat eine Patin – ich übernehme das in Stuttgart für unsere Show mit acht Komikerinnen im Theaterhaus. Die Schirmherrschaft für den Abend hat Brigitte Loesch von den ­Grünen. Ein Teil aller Einnahmen geht an Frauenprojekte. Im Fall Stuttgart unterstützen wir die Mädchenschule von ­Marianne Frank-Mast im indischen Khadigram.
War es schwierig, diesen Akt der Solidarität trotz des Konkurrenzdenkens herzustellen?
Es war vor allem ein Haufen Arbeit, aber die Bereitschaft mitzumachen war sehr groß. Das ist ja keine Eintagsfliege, diese Sache geht in den nächsten Jahren weiter, und viele prominente Künstlerinnen machen bei ­dieser Initiative mit, etwa Stars wie Caroline Kebekus, Hazel Brugger, Lisa Eckhardt.
Was wollen Sie erreichen?
Wir sind kein bisschen larmoyant, wir pflegen nicht dieses Bindegewebe-Gewinsel – wir wollen einfach zeigen, was wir ­können. Und wir wollen Respekt! Es gibt nun mal keine Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft, in keinem Bereich, also müssen wir etwas tun. Zusammenhalt und Gemein­samkeit sind so notwendig wie lange nicht mehr angesichts der politischen Entwicklungen. Bewegungen wie Billion ­Rising und #meetoo sind enorm wichtig für uns Frauen im Kampf gegen Gewalt und Respektlosigkeit. Bei den „Sisters of Comedy“ wiederum, bei uns engagierten Weibern, geht es ­letztendlich auch um die unmissverständ­liche ­Botschaft: Frauen sind lustig. Punkt.
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