Patrick Angus in der Galerie Fuchs „Wir müssen uns selbst darstellen“

Von Nikolai B. Forstbauer 

Gemälde von  Patrick Angus:  „Hustler with white Socks“ (Ausschnitt) Foto: Galerie Fuchs
Gemälde von Patrick Angus: „Hustler with white Socks“ (Ausschnitt) Foto: Galerie Fuchs

„Schwule Männer“, sagte der amerikanische Maler Patrick Angus, "sehnen sich danach, sich selbst zu sehen und tun es nur selten. Offensichtlich müssen wir uns selbst darstellen. Und das sind meine Bilder.“ Das Werk des jung verstorbenen Malers ist nun in Stuttgart in der Galerie Fuchs zu entdecken.

Stuttgart - Ein abgedunkelter Raum, eine Halle eher, darin auf der rechten Seite eine Bühne, davor, kaum wirklich gruppiert, eine Handvoll Stühle. Ältere Männer sind zu erkennen, steif und unbeweglich sitzen sie da, ihre ­Mimik zeigt eine Spur Härte, aber auch Ungewissheit. Die Männer schauen auf die Bühne, im Lichtkegel bewegt sich dort ein halbnackter junger Mann.

Es ist eine typische Szene für einen New Yorker Homosexuellen-Club der 1980er Jahre, und es ist natürlich auch ein historischer Topos, den der Maler Patrick Angus hier aufruft. Ob Männer Frauen beobachten, ob Männer Männer beobachten – seit dem 19. Jahrhundert ist der Blick auf eine solche Szene, der ja der Blick auf die Beobachter ist, eine feste Bildgröße. Vielleicht auch deshalb haben die Szenen von Patrick Angus, unmittelbare Zeugnisse doch eigentlich einer schnellen und inzwischen legendenhaft verklärten (Club-)Welt etwas so Selbstverständliches, etwas so Souveränes – und damit auch etwas so Zeitloses.

Anfang 30 ist Patrick Angus, als er Bilder wie „Boys Do Fall in Love“ malt, aus Los ­Angeles ist der 1953 in Nord-Hollywood ­Geborene 1980 nach New York gekommen. Angus malt seine Welt. „20 Jahre nach Stonewall“, sagt er „haben homosexuelle Menschen noch immer wenig ehrliche Bilder von sich selbst, und die meisten von ihnen finden sich in unserer Literatur.“ Angus weiter: „Schwule Männer sehnen sich danach, sich selbst zu sehen und tun es nur selten. Offensichtlich müssen wir uns selbst darstellen. Und das sind meine Bilder.“

Junge Männer bieten sich an, alte Männer warten und hoffen

Und so blicken wir heute mit Angus in Clubs, in Hotelzimmer, auf junge Männer, die sich anbieten, auf alte Männer, die warten und hoffen. Eine eigene Einsamkeit ­bestimmt diese Szenen, eine Einsamkeit, die sich ebenso in den parallel entstehenden ­Ansichten typisierter US-amerikanischer Vorstadtidylle wiederfindet. Auch wenn Patrick Angus Gebäude malt, Räume, schafft er Porträts.

Mit 39 Jahren stirbt Patrick Angus 1992, die Mutter und der Nachlassverwalter halten das Werk zusammen. Ein Glück, denn so kann Patrick Angus, lange Zeit vor allem ein Künstler für Künstler, nun noch einmal neu entdeckt werden. Die Stuttgarter Galerie Thomas Fuchs hat daran wesentlichen ­Anteil. Der Kinofilm „An Englishman in New York“ (2009), biografische Verfilmung über die späten New Yorker Jahre des homosexuellen britischen Schriftsteller Quentin Crisp, gibt den Anstoß. Auch die Beziehung zwischen Crisp und dem ­jungen Maler ­Patrick Angus ist Thema des Films.

Thomas Fuchs engagiert sich, besucht die Mutter des Malers, die sorgsam die ihr anvertrauten Bilder hütet. Auch der Nachlassverwalter Douglas Blair Turnbaugh wird kontaktiert – und öffnet sein Archiv. Jetzt ist der Weg frei, und schon das Interesse an einer ersten Angus-Ausstellung in Stuttgart 2015 macht deutlich, was sich hier entwickeln kann. An diesem Freitag stellen die Galerie und der Kunstbuchverlag HatjeCantz in Berlin die erste umfassende ­Dokumentation zum Schaffen von Angus vor – vorab begleitet von Magazin- und Zeitungs-Veröffentlichungen, die Patrick Angus zum Virtuosen der Nacht ausrufen und zu einem Maler, der mit bis dahin noch nicht Gemaltem zu Lebzeit am Widerstand eines konservativen Kunstmarktes gescheitert sei.

Die Qualität dieser Bildwelten liegt in ihrer Zurückhaltung

Diese Sicht aber ist mit Blick auf Europa und Deutschland nicht nur falsch – wie der frühe Erfolg etwa der wesentlich härteren Szenen von Malern wie Salomé in den späten 1970er Jahren zeigt, sie verstellt auch den Blick auf die Qualitäten der Bildwelt von Patrick Angus. Sie liegt ja gerade nicht im Spektakulären, sondern im Leisen, im ­Zurückhaltenden .

Umso wichtiger ist es, dass der Band „Patrick Angus“ (198 Seiten, 45 Euro) die ­Haltung des Malers in der Gestaltung des Buches transportiert und etwa auch den Bleistiftzeichnungen entsprechend Raum gibt. Auf der Messe Positions im Postbahnhof am Berliner Ostbahnhof zeigt die ­Galerie Thomas Fuchs noch bis diesen Sonntag eine Auswahl zum Werk von Patrick ­Angus.

In Stuttgart gilt dem Maler der Auftritt zum Galerienwochenende Art Alarm am 24. und 25. September. „Your Own Life“ ist die Schau betitelt, eröffnet wird sie in der ­Galerie Thomas Fuchs (Reinsburgstraße 68a) am Freitag, 23. September, um 18 Uhr.

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