Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo wirbt den autofreien Sonntag: „So können wir zeigen, dass Paris ohne Autos funktionieren kann“. Foto: AP

Die Luftverschmutzung ist in Paris ein riesen Problem. Zwei Monate vor Beginn der Weltklimakonferenz will die französische Hauptstadt mit dem ersten autofreien Sonntag ein Zeichen setzen.

Paris - Einmal unbeschwert quer über die achtspurige Champs-Élysées laufen, ohne die Furcht, von einem Auto erfasst zu werden. Inline skaten auf den großen Pariser Boulevards oder ein Picknick mit Freunden organisieren – mitten auf der Straße. Solange die anderen auf ihren Fahrrädern oder Skateboards noch vorbeikommen, sollte das niemanden stören an diesem Sonntag: Frankreichs Hauptstadt rüstet sich für den ersten autofreien Tag und sperrt die Straßen im Zentrum für alle motorisierten Gefährte, auch Elektroautos.

Das Rathaus erklärt, es wolle die Stadtbewohner sensibilisieren und mit dieser symbolischen Aktion zeigen, dass „die Städte konkrete Situationen finden können und müssen, um den Gefahren für die Zukunft unseres Planeten zu begegnen“. Damit antwortet es auf einen Antrag des Bürger-Zusammenschlusses „Tag ohne Auto“, der seit mehr als einem Jahr für sein Anliegen kämpft.

Die Mitglieder zielen mit der Aktion darauf ab, einen Anreiz für die Bürger zu schaffen, ihr Verhalten auf grundsätzlichere Weise zu überdenken und eine lebenswertere „Stadt von morgen“ zu gestalten. „Jeder darf sich mit verschiedensten Aktivitäten engagieren“, erklärt Delphine Grinberg, eine der Organisatorinnen. „Das kann von der Siesta bis zum großen Sportwettbewerb reichen.“

Kritiker vermissen Ehrgeiz – Fahrverbot gilt nur im Stadtkern von Paris

Angeboten werden Fahrradtouren, Konzerte und Festivals rund um die Themen Umwelt- und Klimaschutz. Um den Verkehr zu steuern und für Sicherheit zu sorgen, mobilisiert die Präfektur 170 Polizeibeamte, die Stadt schickt 70 weitere, 200 ehrenamtliche Helfer kommen hinzu. Die Veranstalter haben sich vom Vorbild Brüssel inspirieren lassen, das bereits seit zehn Jahren einen jährlichen autofreien Tag organisiert.

Doch während dort das Fahrverbot inzwischen auch auf umliegende Gemeinden ausgeweitet wurde, bleibt es in Paris nur auf den Stadtkern beschränkt sowie einige ausgewählte Gebiete, wie das Marsfeld unter dem Eiffelturm, das Montmartre-Viertel im Norden, der Kanal Saint-Martin im Osten sowie die Stadtparks von Vincennes und Boulogne. In anderen Gebieten darf hingegen gefahren werden, wenn auch höchstens mit 20 Stundenkilometern. Ausgenommen vom Fahrverbot, das nur von 11 bis 18 Uhr gilt, sind zudem Taxis,Krankenwagen und Feuerwehrautos, aber auch Anwohner, Lieferwägen oder Personen, die umziehen – eine erholsame Stille wird in der hektischen Hauptstadt also kaum einkehren.

„Diesem autofreien Tag fehlt es bitter an Ehrgeiz“, moniert daher die Zeitung „Libération“: „Bei einem einmalig organisierten Ereignis hätte man sich etwas mehr Mut erwartet.“ Die Stadt hat allerdings angekündigt, eine Tradition einrichten zu wollen mit einem autofreien Tag pro Jahr.

Vor dem UN-Klimagipfel will sich Frankreichs Hauptstadt als Vorkämpferin für Ideen einer nachhaltigeren Stadtpolitik präsentieren

Dass der erste kurz vor dem Beginn der UN-Klimakonferenz am 30. November stattfindet, ist dabei wohl kein Zufall: Frankreichs Hauptstadt als Austragungsort will sich dabei als Vorkämpferin für Ideen einer nachhaltigeren Stadtpolitik präsentieren. Regelmäßig werden in Paris die erlaubten Feinstaubwerte deutlich übertroffen und einem Bericht des Senats zufolgebelaufen sich die Folgekosten der Gesundheitsrisiken durch Luftverschmutzung für Frankreich auf jährlich bis zu 100 Milliarden Euro.

„So können wir zeigen, dass Paris ohne Autos funktionieren kann“, wirbt die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo für den Aktionstag. „Seit ihrem Einzug ins Rathaus hat Madame Hidalgo einen echten Krieg gegen Verschmutzung und Diesel angefangen“, urteilte die Zeitung „Le Monde“ schon im Frühjahr. Die 2014 gewählte Sozialistin will alte Fahrzeuge Stück für Stück aus der Stadt drängen und hat den Kampf für eine umweltfreundlichere Stadt zu einer Priorität erklärt. Sie will die Fahrradwege von 700 auf 1400 Kilometer verdoppeln, eine generelle Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern einführen und einen Teil des Stadtzentrums zur Fußgängerzone umwandeln. Autofahren soll ungemütlich werden in Paris – nicht nur an diesemSonntag.

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