Dieses Papyrus-Dokument stellt wohl ein ärztliches Rezept dar. Foto: Uni Köln

An der Universität Köln werden auf Papyrus geschriebene Dokumente aufbewahrt. Wissenschaftler erforschen in mühevoller Arbeit das auf den Papieren verzeichnete Alltagsleben früherer Kulturen.

Köln - Für die Bank und die Bürger des Dorfes war es ein guter Tag. Am Sechsten des Monats zahlten sie eine Goldmünze bei der Bank ein, zudem 112 Silberdrachmen und 91 Talente aus Bronze. Ein Mitarbeiter notierte fein säuberlich, dass damit der Geldbestand auf elf Goldmünzen, 488 Silberdrachmen und 307 Talente gewachsen sei. Zudem überschrieb er ein Talent aus Bronze vom Konto des Herakleides auf das Konto des Peitholaos.

Wofür der Mann das Geld erhielt, steht nicht geschrieben. Aber immerhin wissen wir, dass schon in der Antike in Ägypten nicht jedes Geschäft bar bezahlt wurde. „Diese Dokumente stammen aus der Zeit etwa 130 Jahre vor Christus“, erklärt Jürgen Hammerstaedt, „sie erzählen von den Anfängen des Bankwesens und von der wirtschaftlichen Situation der Menschen.“ Die Uni Köln hütet diese mehr als 2100 Jahre alten Kontoauszüge, die auf Papyrus erstellt wurden. Sie gehören zur Sammlung der Kölner Papyri mit etwa 10 000 Objekten aus der Zeit von 400 vor Christus bis zum siebten Jahrhundert nach Christus.

Das zerbrechliche und meist löchrige Material lagert zwischen Glasscheiben in Holzschränken. Jede Schublade, die Hammerstaedt öffnet, umgibt ein Hauch von Ewigkeit. Die Schreiber haben ihren Text in schwarzer Tinte häufig auf wenig Fläche untergebracht. Mit feiner Feder ordneten sie kleine griechische Schriftzeichen in Reihen und Kolumnen an. Die meisten Papyri, die in Köln aufbewahrt werden, berichten vom Alltag der Menschen: Aufzeichnungen von Dorfschreibern oder eben die Geschäftsbücher einer Bank. Dazu gehören auch Mumientäfelchen aus Holz, die über Alter und Beruf der Verstorbenen Auskunft geben, oder Steuerquittungen auf Keramikscherben, weil man das Geld für teuren Papyrus sparen wollte.

Die Antike wird lebendig

So wird die Antike lebendig: „Wir blicken in die Augenblicke eines längst vergangenen Alltags“, sagt Charikleia Armoni, die Kustodin der Sammlung. „Das Ausmaß der Schriftlichkeit war damals sehr hoch, in Ägypten gab es viele Dörfer, in denen solche Dokumente angefertigt wurden.“ Ein Dorfschreiber berichtet über die Lage und die Pachtverträge für zusätzliche landwirtschaftliche Flächen, damit die wachsende Bevölkerung des Ortes ernährt werden kann. Ein Bürger hat eine Petition an den Statthalter geschrieben, weil der Tod seiner Tochter noch immer nicht aufgeklärt wurde. Ein anderer beklagt das betrügerische Verhalten von Geschäftsleuten.

Nicht immer warten die Dokumente mit so eindeutigen Informationen auf. „Wir lesen manchmal auch seltsame Texte“, erzählt Armoni. Papyrus war damals kostbar. „Man muss auch ungewöhnliche Niederschriften ernst nehmen, es gibt immer einen Grund, warum das aufgeschrieben wurde“, sagt die Kustodin. So enthält die Sammlung auch ein Blatt, auf dem der Dorfschreiber mehrfach eine Textzeile geübt hat, bis er sie fehlerfrei schreiben konnte: „Ich, Petaus der Dorfschreiber, habe eingereicht“. Ein anderes wurde vermutlich in der Schule beschriftet: Jemand hat immer wieder denselben Satz gekrakelt.

Papyri-Sammlung im Internet

Seit Kurzem ist die Kölner Sammlung über das Internet zugänglich: Fotos der einzelnen Stücke, eine Größenbeschreibung, manchmal auch eine Zusammenfassung des Inhalts. „Wir haben viel über Dokumentationsstandards nachgedacht, die hoffentlich auch in 100 Jahren noch gelten werden“, sagt Armoni. Das Angebot richtet sich vor allem an Forscher, die wissen wollen, ob die Kölner Sammlung interessante Dokumente für ihre Arbeit enthält.

Es gibt zwar nur ein paar Dutzend Papyrologen in Deutschland, aber die Forscher geben sich sehr selbstbewusst. „Wir bitten nicht um Artenschutz“ sagt Hammer­staedt, „die Papyrologie ist kein Luxus, sondern sehr wichtig, um Geschichte zu verstehen.“ Anders als in manchen Exotenfächern haben die Kölner Forscher keine Nachwuchsprobleme. Die Liebe zum Fach entstehe nicht durch die Schönheit der einzelnen Papyri. „Das mag zu Anfang so sein, aber die anhaltende Begeisterung entsteht während der Übersetzung und Interpretation, durch die Arbeit mit dem Text“, erklärt Armoni. Papyrologen entwickeln eine enge Beziehung zu den Schriftstücken, die sie untersuchen. Meistens zeichnen sie die einzelnen Schriftzeichen ab, damit sie für die Übersetzung nichts übersehen. „Das ist eine sehr disziplinierende Arbeit“, sagt Hammerstaedt.

Aufschlussreiche Alltagstexte

Selbst Alltagstexte können danach wissenschaftliches Aufsehen erregen. So wie die Niederschrift der Petition des Onnophris, die an einem 20. April angefertigt wurde. Der Mann wandte sich im Jahr 187 vor Christus an den Vorsteher des Dorfes Tanis, weil dieser gegen üble Verleumdungen einschreiten soll. Er wurde mit dem Tod mehrerer junger Katzen in Verbindung gebracht. Onnophris weist die Vorwürfe zurück und fühlt sich bedroht, denn damals galten Katzen als heilige Tiere. „Der griechische Historiker Herodot hat über den besonderen Schutz von Katzen in Ägypten geschrieben“, erklärt Hammerstaedt die Bedeutung dieses Papyrus, „aber lange Zeit war nicht klar, ob es sich dabei um literarische Fantasie oder eine historische Darstellung handelt.“ Die Petition des Onnophris hilft bei der Einordnung.

Nicht alles, was damals aufgeschrieben wurde, war für die Ewigkeit bestimmt. Wenn die Schreiber der Antike ihre Aufzeichnungen nicht mehr benötigten, haben sie die Papyri gern als kunstvoll verzierte Kartonagen für Mumien verwendet. Dafür wurden mehrere Schichten verklebt, entsprechend der Körperform modelliert und bemalt. Die Menschen konnten damals nicht ahnen, dass Forscher mehr als 2000 Jahre später Schicht um Schicht abtragen und den Inhalt der einzelnen Papyri lesen würden. So geschehen bei den Geschäftsbüchern der Bank im Herakleopolites.

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