Nicht einmal die Hälfte der Plastikabfälle wird hierzulande recycelt. Kleinste Kunststoffpartikel finden sich mittlerweile überall in der Natur. Doch nicht alle beworbenen Alternativen sind ökologischer. Ein Überblick. .
Stuttgart - Der Vorsatz, auf Plastik zu verzichten, kam quasi über Nacht. Annika Schulte hatte ein Video gesehen, in dem eine Youtuberin den Plastikmüll eines Jahres gesammelt hatte: Es war ein Einmachglas voll. „Ich habe beschlossen, das auch auszuprobieren – und es dann ein Jahr lang ziemlich konsequent durchgezogen“, sagt die 23-jährige aus Korntal. Sie begann sich zu informieren, auf sozialen Plattformen im Internet nach Inspiration zu suchen, Lebensmittel auf dem Wochenmarkt einzukaufen und Putzmittel und Kosmetika selbst herzustellen. Auf ihrem Blog berichtete sie von ihren Erfahrungen. Heute, drei Jahre später, macht sie beim Einkaufen auch mal Ausnahmen und füllt sich Spülmittel im Unverpackt-Laden ab, statt es selbst zu machen. „Aber ich könnte keine Plastikflaschen oder verpacktes Gemüse im Discounter mehr kaufen.“
Die Produktion von Plastik hat sich in den letzten 20 Jahren weltweit verdoppelt. Auch die Müllmengen wachsen: 2017 fielen laut Statistischem Bundesamt in Deutschland rund 226 Kilogramm Verpackungsmüll pro Person an, davon 38 Kilogramm Plastikabfall – ein Rekord. „Das erste Problem an Kunststoff ist, dass er fast ausschließlich aus Mineralöl gewonnen wird“, sagt Andreas Köhler, Forscher am Öko-Institut in Freiburg. Die Herstellung der Materialien könnte im Jahr 2050 deshalb für zehn bis 13 Prozent des gesamten CO2-Budgets verantwortlich sein, zeigt der Plastikatlas des Bunds für Umwelt und Naturschutz und der Heinrich-Böll-Stiftung. „Problematisch ist auch, dass sich das Material in der Umwelt nicht zersetzt – und dass es bislang schlecht recycelt wird“, sagt Köhler. So würden hierzulande nur etwa 15,6 Prozent der anfallenden Kunststoffabfälle zu Rezyklat verarbeitet, heißt es im Plastikatlas. Der Rest wird ins Ausland exportiert oder landet in der Verbrennung.
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Wie Annika Schulte suchen daher immer mehr Menschen nach Alternativen zur Plastikverpackung. Nur: wo ist das sinnvoll? „An manchen Stellen ist Kunststoff tatsächlich ökologischer als andere Verpackungsmaterialien“, sagt Andreas Köhler vom Ökoinstitut. Viele alternative Verpackungen sind in der Herstellung energie- oder ressourcenaufwendiger als Plastik. Hier lohnt ein näherer Blick.
Papier – gute Recyclingquote:
Da ist zum Beispiel Papier. Damit solche Verpackungen oder Tüten stabil sind, müssen sie aus besonders langen, reißfesten Zellstofffasern sein. Um die herzustellen, benötigt man neben dem Holz aus Wäldern auch viel Wasser, Energie und Chemikalien – insbesondere dann, wenn sie reißfest sein soll. Umweltexperten zufolge ist die Ökobilanz einer festen Papiertüte daher nicht unbedingt besser als jene einer Plastiktüte: Man müsste sie sogar drei bis viermal verwenden, damit sie besser abschneidet. Die Bilanz lässt sich verbessern, wenn Recyclingmaterial verwendet wird. Grundsätzlich sei der Vorteil bei Verpackungen aus Papier, dass sie gut recycelt werden könnten, sagt Andreas Köhler. Die Recyclingquote von Papier liegt laut Bundesumweltministerium hierzulande bei rund 85 Prozent.
Glas – sinnvoll mit Pfand:
Auch die Verwertungsquoten von Glas oder Weißblech sind mit mehr als 80 Prozent deutlich höher als jene von Kunststoff. Allerdings wird für das Wiedereinschmelzen viel Energie benötigt, zudem ist das Transportgewicht höher. Nur wenn die Flaschen mehrfach verwendet werden, fällt die Bilanz positiv aus. Eine Mehrwegflasche aus Glas kann bis zu 50 Mal wiederbefüllt werden. Stammt die Pfandflasche zudem aus der Region, verbessert sich auch die Transportbilanz.
Bambus – Müllproblem bleibt:
In vielen Läden tauchen vermehrt Produkte aus Bambus auf – etwa Einweg-Partygeschirr, Zahnbürsten oder Kaffeebecher. Bambuspflanzen wachsen schnell und können nach wenigen Jahren geschlagen werden. „Die zunehmende Nachfrage nach Bambus führt dazu, dass etwa in China große Flächen für den Anbau benötigt werden“, sagt Andreas Köhler. „Das geht zulasten der Biodiversität oder des Anbaus von Nahrungsmitteln.“ Ratsam sei deshalb auch hier, auf lediglich einmal genutzte Wegwerfprodukte zu verzichten.
Bioplastik – kaum abbaubar:
Unter Bioplastik werden Produkte verstanden, die entweder aus Biomasse hergestellt sind – etwa aus Mais oder Cellulose – oder solche Materialien, die unter bestimmten Bedingungen verrotten. Doch Umweltexperten sind eher skeptisch: Hinter Bioplastik verberge sich meist „eine Mogelpackung“, heißt es etwa vom Bundesumweltministerium. Denn: Die pflanzenbasierten Materialien lassen sich kaum recyceln, der Anbau von Pflanzen für die Kunststoffproduktion finde in Monokulturen statt. Auch Bioplastiktüten mit dem Aufdruck „biologisch abbaubar“ verrotten tatsächlich nur sehr langsam und etwa bei besonders hohen Temperaturen, aber nicht in der Natur oder in Kompostieranlagen.
Mehrweg – am nachhaltigsten
Für Annika Schulte ist neben der Ökobilanz der Materialien besonders wichtig, wie gut das Material recycelt wird – und ob es am Ende womöglich im Ozean landen könnte. Am nachhaltigsten, darin sind sich Umweltexperten einig, ist es deshalb, wenn Flaschen, Beutel oder Boxen mehrfach verwendet werden – und so auf Einwegprodukte ganz verzichtet wird, egal ob aus Papier, Plastik oder kompostierbaren Materialien.
Auch Andreas Köhler sieht in Mehrwegsystemen einen Schritt hin zur Lösung des Plastikproblems. Andererseits sei es durchaus nötig, dass Verbraucher beim Konsum umstellen würden und etwa auf bequeme, aber aufwendig verpackte Fertiggerichte verzichten. „Sinnvoll wäre zudem ein höherer Anteil von Verpackungen aus recyceltem Kunststoff“, sagt Köhler. Einige Hersteller setzen diese zwar ein, doch in der Praxis würden die gräulichen oder milchigen Recyklat-Verpackungen schlechter verkauft. „Da könnten Konsumenten mit ihrer Wahl im Supermarkt etwas bewirken“, sagt Köhler.
Tipps dazu, wie Sie im Alltag konkret Plastik sparen können, finden Sie in unserer Bildergalerie.