Sie meistern ihren Weg jetzt zu zweit: Maximilian Karl und sein Sohn bei einer Kur an der Nordsee. Foto: privat

Maximilian Karl und sein Sohn aus Ludwigsburg gehen bald ein Jahr lang mit dem Wohnmobil auf Reisen. Eigentlich sollten sie zu dritt sein. Doch ein Hirnaneurysma riss Karls Frau jäh aus dem Leben.

Der erste Schritt von der geräumigen Wohnung in den kleinen Camper, der ein Jahr lang ihr Zuhause sein soll, ist schon gemacht: Maximilian Karl und sein kleiner Sohn sind in eine WG umgezogen, mit weniger Platz, aber viel Garten und anderen Kindern. Wenn sie zur großen Reise aufbrechen, soll dieses Zuhause ihr kleiner Anker in Ludwigsburg bleiben, sagt Maximilian Karl. Er will an einen vertrauten Ort zurückkommen können. „Alles aufzugeben ist nicht mein Weg.“ Vieles hat er aber schon beim Verlassen der Wohnung weggegeben, in der sie zu dritt gelebt hatten. „Wenig Besitz, leichtes Gepäck: Das bedeutet mehr Zeit für mein Kind zu haben und für das, was das Leben uns präsentiert“, findet er.

 

Im August fahren der Berufsschullehrer, der am Ludwigsburger Römerhügel arbeitet, und sein Sohn los. Ohne Steffi. Ohne die Frau, mit der man Pferde stehlen konnte, die empathisch war, fürsorglich, geerdet, „das Leben feiernd, immer für andere da, ehrlich mit sich und mit anderen“, wie ihr Witwer sie zärtlich beschreibt. Die Frau von Maximilian und Mutter des gemeinsamen, mittlerweile fünfjährigen Sohnes ist im August 2020 an einem Hirnaneurysma gestorben.

„Time out“ war das letzte Lied, das sie gemeinsam hörten

Es geschah auf einem Campingplatz. Verwandte, die sie besucht hatten, waren abgefahren, sie hatten nach dem schönen Tag noch zufrieden und ruhig zusammen vor dem Wohnwagen gesessen. Das letzte Lied, das sie an dem Tag gemeinsam hörten, war ausgerechnet „Time out“ von Gentleman. „Drück mal kurz auf Stopp und halt’ alles an, bitte gib mir mal time out“, singt der Reggae-Musiker darin. Steffi ging dann mit dem Sohn zum Duschen. Max holte den Kleinen dort wieder ab, sie blieb, um sich in Ruhe fertig frisch zu machen. Es war das letzte Mal, dass sie einander bei Bewusstsein sahen: Bei den Duschräumen brach Steffi unvermittelt zusammen. Der Campingplatz war abgelegen; bis der Rettungswagen und schließlich der Hubschrauber da waren, ging viel Zeit verloren. Vier Tage später wurden bei der 36-Jährigen die Geräte abgeschaltet. „Alles“, sagt Maximilian Karl heute, „ist damals für mich zusammengebrochen.“

Noch in der Nacht, als es passierte – sie lag mittlerweile in der Uniklinik in Köln, er war bei seinem kleinen Sohn im Campingwagen, die Diagnose stand noch nicht fest – fing er über das Unfassbare zu schreiben an. „Damals war es noch an sie gerichtet“, erzählt er. „Der Tod war noch keine Option für mich.“ Rückblickend bezeichnet er ihr stundenlanges Ringen im Rettungswagen abseits des Campingplatzes allerdings als Todeskampf. „Eigentlich ist sie für mich dort gestorben.“ Aus den aus der tiefsten Verzweiflung geschriebenen Worten wurde ein Blog, auf dem Maximilian Karl seitdem sein Leben mit dem Verlust, mit der Trauer und Ohnmacht, seine Spiritualität und seine Werte, sein Mit-dem-Sohn-den-Weg-Gehen und sein Neu-ins-Leben-Finden öffentlich teilt.

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„Darüber zu schweigen würde der Sache weniger gerecht, als darüber zu sprechen und zu schreiben“, findet Maximilian Karl. Seinen Blog hat er „Pamaste“ getauft – ein seinem Sohn gewidmetes Wortspiel aus „Papa“, „Mama“ und „Namaste“, der hinduistischen Gruß- und Verbeugungsformel. Fernöstliche Spiritualität und Meditation halfen ihm, mit dem Verlust umzugehen zu lernen und das, was der Verstand lange nicht begreifen konnte, hin- und auch anzunehmen. Dass er mit seiner Frau zu Lebzeiten über den Tod gesprochen hatte, dass jeder vom anderen wusste, wie sie zu lebensverlängernden Maßnahmen, Organspende oder Beisetzungsformen standen, half ihm.

Der klein Sohn suchte den Feldahorn im Friedwald aus

Sehr offen erzählt Maximilian Karl im Blog unter Überschriften wie „Weinend tanzen“ oder „Kneipen-Picknick im Friedwald“ darüber, wie es ihm und seinem Kind seither geht. Auch auf Instagram teilt er unter max_pamaste seine Erfahrungen. Ein fast anderthalbstündiges Youtube-Interview („Plötzlich zu zweit“), das er dem Autor und Coach Veit Lindau gab, fand binnen kürzester Zeit fast 10 000 bewegte Zuschauerinnen und Zuschauer.

Klarheit prägte auch von Anfang seine Art, den Tod vor seinem Sohn nicht wegzuschweigen. Der Junge war noch in der Klinik bei seiner Mama. Er suchte auch den Feldahorn für sie im Friedwald aus. „In so einer Situation gibt es nur die absolute Offenheit“, findet Maximilian Karl. Dazu gehöre, die Zeit und Kraft aufzubringen, „heftigste emotionale Ausbrüche, Wut und Zorn auszuhalten“, aber zusammen Schritt für Schritt wieder um Freude zu ringen, selbst wenn die Schmerz-, Vermissens- und Sehnsuchtsschübe immer wieder mit Macht aufbranden und die Momente nicht aufhören, „in denen einem die Psyche von hinten das Messer in den Rücken rammt“, sagt Maximilian Karl. „Liebe heißt nicht, den Jungen zu verhätscheln oder alles von ihm fernzuhalten, sondern es ihm zu ermöglichen, dass er es selbst schafft.“

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Malen, spielen, tanzen, blödeln, schreien, über die Mama reden, aber auch mal Erinnerungsstücke in Schubladen legen, wenn sie schmerzen – all das gehört zur Bewältigung dazu. Und auch das Unterwegssein: Vater und Sohn waren mittlerweile schon mehrmals mit dem Camper auf Fahrt. Sie sind auch an den Platz zurückgekehrt, auf dem das Unglück passierte. „Anfangs waren wir zwei sehr eng miteinander verwoben, aber zum Glück lernt man bei dieser Art des Reisens auch andere Leute kennen, die ähnlich ticken wie man selbst“, erzählt er.

Und doch ist da die Einsamkeit ohne die geliebte Partnerin, die es zu ertragen und zu gestalten gilt. Er könne mittlerweile auch gut alleine vor dem Wohnmobil sitzen, wenn das Kind mit anderen spiele. „Ich musste aber lernen, Erlebnisse für mich alleine zu genießen und zu akzeptieren, dass ich manche Dinge jetzt nicht mehr teilen kann.“ Auch das Zurückkehren tat weh: „Man kommt heim, und es wird einem wieder bewusst: Es gibt nur noch uns zwei.“

„Spüren, wie kostbar das Leben ist“

Und jetzt also die große Reise. Ein Jahr lang – allerdings mit Zwischenstopps zuhause – will Maximilian Karl mit seinem Jungen unterwegs sein, bevor der in die Schule kommt. Im Gedenken an Steffi, mit der sich Maximilian diesen Traum zusammen hatte erfüllen wollen. „Aber auch als Teil des Prozesses, mit dem Verlust umzugehen, mehr über sich selbst zu erfahren und zu spüren, wie kostbar das Leben ist“, sagt der 34-Jährige. Er will Zeit haben, im Moment zu leben und mit seinem Sohn einfach zu machen, wonach ihnen der Sinn steht. Erst einmal geht es nach Spanien, dann sehen sie weiter.

Er hofft, dass die Reise auch Heilung und einen Neuanfang bringt. „Und dann“, meint er nachdenklich, „kommt vielleicht ein Punkt, an dem neue Menschen und Dinge auf einen zukommen, die man sich im Traum nicht hätte vorstellen können.“ Seine Frau, das weiß er, würde sagen: „Lebt so wild, ekstatisch und abenteuerlich wie möglich. Lebt das Leben für mich mit.“