Von der Vinzenz-Pallotti-Kirche, die bis 2018 am Rande von Birkach gestanden hatte, ist nur noch eine Kunst-Stele aus alten Kirchenfenstern geblieben. Jetzt wohnen dort in einem neuen Quartier ganz unterschiedliche Menschen. Foto: Leonie Schüler

In Birkach ist dort, wo früher die Vinzenz-Pallotti-Kirche war, ein neues Wohnquartier entstanden. Seit einem Jahr wohnen dort Studenten, Geflüchtete, Senioren und junge Familien in neuer Nachbarschaft. Wie gelingt das Miteinander?

Erika Fuentes erinnert sich genau: Es war der 26. April 2021, als sie zusammen mit ihrem Mann und den Kindern ihre neu gekaufte Wohnung im Pallotti-Quartier bezogen hat. „Wir waren die Ersten, die in unser Gebäude eingezogen sind, und vom ganzen Gebiet waren wir die Zweiten“, sagt die gebürtige Mexikanerin. „Zum Teil war um uns herum noch Baustelle.“ Doch das Areal füllte sich schnell: Zwischen April und August 2021 ist in die acht Gebäude, die auf der Fläche der abgerissenen St. Vinzenz-Pallotti-Kirche errichtet worden sind, nach und nach Leben eingezogen. Es sind ganz unterschiedliche Menschen: Senioren, Familien mit Kindern, Geflüchtete aus Ländern wie Syrien, Afghanistan oder der Ukraine, internationale Studenten sowie drei Ordensschwestern des Franziskanerinnen-Ordens von Sießen.

 

Längst ist das Leben im Pallotti-Areal für Erika Fuentes und ihre Familie Alltag geworden. „Wir haben die anderen Nachbarn schnell kennengelernt“, sagt die 40-Jährige und bezeichnet die Gemeinschaft als Ersatzfamilie. Und sie meint dieses große Wort genau so, denn „als Mutter weit weg von der Heimat zu sein, ohne die eigene Familie in der Nähe, das ist nicht einfach“, sagt sie. Doch als eines ihrer Kinder eine Woche ins Krankenhaus musste, habe sich gezeigt, dass auch in der Fremde Menschen da sind, die sich kümmern. „Mein Mann musste nie kochen, irgendjemand hat immer etwas vorbeigebracht“, erinnert sie sich.

Gemeinschaft entsteht nicht von selbst

Eine, die besonders häufig nach Erika Fuentes und ihrer Familie geschaut hat, war Mary Doetsch. Die 68-Jährige wohnt im selben Haus. „Vom Alter her war es an der Zeit, etwas zu suchen, wo ich möglichst lange selbstständig wohnen kann“, sagt die Rentnerin. Mit ihr zog der Wunsch ein, mit den neuen Nachbarn Kontakt zu knüpfen. Dass das nicht automatisch passiert, merkte sie schnell: „Es erfordert eigene Initiative.“ Anderen Senioren begegne sie wenig, ihr komme es so vor, als suchten sie eher Ruhe. „Die zeigen sich nicht so auf dem Hof. Aber das ist ihr gutes Recht.“

Mary Doetsch hofft, dass sich künftig noch mehr der etwa 250 Quartiersnachbarn für die Gemeinschaft öffnen. Die Grundstimmung sei da. „Alle waren gleichzeitig absolut neu hier. Alle waren neugierig, und es war eine große Aufgeschlossenheit da“, sagt die Seniorin. Wenn sich die pandemiebedingte Bremse, die das Aufeinanderzugehen erschwert hat, nach und nach löst, hofft sie auf mehr nachbarschaftliches Miteinander.

Doch auch wenn die Bewohner von verbindenden Erlebnissen berichten – da war die verletzte Taube, um die man sich gemeinsam kümmerte, oder die ungeplante Hausgeburt, die helfende Nachbarn auf den Plan rief, Foodsharing-Aktionen oder der lebendige Adventskalender im Innenhof –, so gibt es auch Reibungen. Etwa beim Müll. Manche Bewohner scheitern an der korrekten Trennung – zum Ärger jener Nachbarn, die viel Wert darauf legen. „Nein, da nicht!“, sei ein Schrei, der häufig aus dem Müllraum dringe, erzählt Mary Doetsch und lacht.

Lieblingsthema unter Nachbarn: Lärm

Zu einigem Ärger führt das Thema Lärm. Die Studenten seien mal laut gewesen, erzählt die Ordensschwester Marie-Pasquale, und auch die Geflüchteten hätten ein anderes Lautstärkeempfinden. „Eine afrikanische Party sieht anders aus“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Als bei einem Fest die Bässe lautstark gewummert hätten, habe sie darum gebeten, die Lautstärke zu drosseln – ohne Effekt. „Das war kein böser Wille, sie konnten es echt nicht einschätzen“, erzählt die Ordensschwester, und erkannte: „Lautstärke erklären, das funktioniert nicht.“ Deshalb gelte nun die Regel: keine Verstärker.

Insgesamt, sagt Schwester Marie-Pasquale, sei die neue Nachbarschaft ein stetiges „sich Gewöhnen“ – wie immer, wenn unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Interessen aufeinander träfen. „Es ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen.“ Sie habe sich zum Beispiel daran gewöhnen müssen, dass früh morgens deftige Gerüche aus den Wohnungen der internationalen Bewohner kriechen. „Ich erlebe es als unterwegs sein miteinander“, sagt Mary Doetsch. „Das ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Man wird sich immer wieder zusammensetzen, bei Problemen oder bei Schönem.“ Das Sommerfest sei so etwas Schönes gewesen. Jeder hätte Essen mitgebracht, auch die Geflüchteten. „Es war für sie total schön, ihr Essen präsentieren zu können“, erzählt Schwester Marie-Pasquale. „Sie haben extra Schildchen gebastelt.“

Das Pallotti-Quartier

Areal
2018 wurde am Ortsrand von Birkach die Vinzenz-Pallotti-Kirche abgerissen. Das Siedlungswerk errichtete auf der frei gewordenen Fläche acht Häuser mit 60 Eigentums- und sieben Mietwohnungen, fünf Wohngruppen für 35 Geflüchtete, die von der Caritas betreut werden, sowie zwei Wohngruppen für Studenten. In einem Haus ist eine Kindertagesstätte. Um trotz des Abrisses der Kirche geistliches Leben zu erhalten, gibt es einen Gemeinderaum der katholischen Gemeinde Sankt Antonius. Ordensschwestern des Franziskanerinnen-Ordens von Sießen wohnen und arbeiten vor Ort. Die Kosten des Neubauprojekts lagen bei circa 32 Millionen Euro.

Architektur
Die Gebäude variieren in Größe und Höhe und sind so platziert, dass öffentliche und private Zwischenbereiche entstehen. Besonders ist, dass alle Hauseingänge zum Innenhof liegen. „Auf diese Weise kann Architektur soziales Miteinander fördern“, sagt Freimut Jacobi vom Architekturbüro Schwarz Jacobi. Das Gebäude, in dem Geflüchtete und Studenten leben, stehe gleichberechtigt am Quartiersplatz. „Integration soll hier durch Gleichbehandlung gefördert werden.“ Das Quartier wurde ins Netzwerk der IBA 27 Stadtregion Stuttgart aufgenommen. lem