Palina Rojinski Der Kopf deutsch, das Herz russisch

Von Anja Wasserbäch 

Palina Rojinski fährt für die ARD zur Fußball-Weltmeisterschaft nach Russland. Das ist ein Glück für alle. Das Porträt einer Frau, die sich nicht festlegen lassen will.

Stuttgart - Die junge Frau schaut aus dem Fenster im SWR-Gebäude im Stuttgarter Osten: „Krass, da fährt eine Bahn nach Fellbach. Da war ich ja lange nicht mehr.“ Palina Rosjinski fühlt sich einen Moment lang um Jahre zurückkatapultiert. Zurück nach Fellbach-Schmiden. Vier Jahre war sie dort im Sportinternat. Zweimal wurde sie bei den Juniorinnen deutsche Meisterin in rhythmischer Sportgymnastik. Sie war zehn Jahre alt, als sie ins Internat nach Fellbach-Schmiden kam. Der Tagesablauf war immer derselbe: Schule, Mittagessen, Training bis abends. „Alleine eineinhalb Stunden Ballett täglich. Das fand ich furchtbar. Aber die Notwendigkeit habe ich verstanden.“ Am Wochenende fuhr Palina zu ihren Eltern nach Berlin. Mit 14 hörte sie auf mit dem Sport. Das Knie.

Palina Rojinski, 33 Jahre alt, ist vor allem Moderatorin und Schauspielerin. Sie wurde als sogenannter Sidekick, also als ständige Nebenrolle, bei den Comedy-Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bekannt. Zuerst noch bei der Fernsehshow „MTV Home“, später dann bei „Circus Halligalli“ . Seitdem ist viel passiert – und Rojinski nicht aus der deutschen Medienlandschaft wegzudenken. Als Jurymitglied der Castingshow „Got to dance“ hat sie den Deutschen Fernsehpreis gewonnen, spielte in Filmen wie etwa „Männerherzen“ von Simon Verhoeven, „Rubbeldiekatz“ von Detlev Buck oder auch „Willkommen bei den Hartmanns“ mit. Aktuell ist sie in der großartigen Serie „Jerks“ zu sehen.

Von Kritikern wird sie gerne als „Wunderwaffe“ bezeichnet. Böse Zungen würden behaupten, dass Palina Rojinski nicht viel kann – außer sich selbst vermarkten. Das stimmt aber nicht. Sie hat in ihrem Leben schon eine Karriere als Leistungssportlerin hinter sich und ist gerade mittendrin in Karriere Nummer zwei.

Wie würde sie selbst ihren Beruf bezeichnen? „Irgendwas mit Medien“, sagt sie und lacht über diese oft benutzte Floskel. Palina Rojinski stapelt tief. Sie spricht nicht gern über sich selbst. Sie lässt lieber andere erzählen. Während des Gesprächs nimmt sie immer wieder das altmodische Diktiergerät in die Hand, als wäre es ein Mikrofon. Sie trägt eine enge schwarze Hose, eine schwarze, enge Bluse, die Haare fließen wellig und offen.

Die Eltern gingen 1991 vor nach Deutschland. Palina kam nach.

Für die ARD wird Palina Rojinski aus Russland berichten. Über die Themen, die außerhalb der Spielfelder stattfinden. Das passt ganz gut: Sie wurde in Sankt Petersburg geboren, als das noch Leningrad hieß. „Ich bin ein Hybrid. Mein Kopf ist deutsch, mein Herz ist russisch“, sagt Rojinski. „Ich bin ganz gut darin, den Leuten das Land, die Menschen, die Absurditäten zu zeigen. Sachen, die nicht so gut laufen. Sachen, die gut laufen. Ich freue mich, eine relativ nackte Berichterstattung zu machen.“ Mit „nackt“ ist nicht gemeint, die Welt des russischen Präsidenten Wladimir Putin politisch zu sezieren. Zu ihm und der aktuell ziemlich belasteten Beziehung Deutschlands und Russlands äußert sie sich nicht. Ein touristischer Folklore-Kalender aber soll es auch nicht werden. Russland hat viele Gesichter.

Schon vergangenes Jahr war sie für eine Vorab-Reportage in Russland unterwegs (Ausstrahlung am 26. Mai, 19 Uhr, ARD). Mit ihrem Team besuchte sie auch Sankt Petersburg, ihre Heimat. Sie fuhr mit dem Russland-Korrespondenten Udo Lielischkies durch die Kanäle. „Schön, wa!“ sagt Palina Rojinski zu ihm. Da kommt sie raus, ihre Berliner Sozialisation. Die Eltern gingen 1991 nach Deutschland. Palina kam nach. „Wir wollten Joghurt und Cornflakes essen. Und freies Fernsehen haben. Und die Freiheit, das zu machen, was wir möchten“, nennt Palina die Beweggründe. In der ersten Zeit lebte die Familie Rojinski in einem Asylantenheim. Der Integrationsprozess ging schnell: Die Tochter ging in die Vorschule, die Eltern zum Deutschkurs.

„Ich wollte irgendwann etwas anderes sehen als jeden Tag die Sporthalle.“

Schon mit vier Jahren begann sie in Russland mit der rhythmischen Sportgymnastik. Damals waren diese Sportlerinnen regelrechte Superstars. Attraktiv genug für ein Mädchen, das lange Zeit keine Idee hatte, was es mit seinem Leben anstellen sollte. Trotz des enormen Leistungsdrucks ist sie heute froh über ihre Erfahrung als Leistungssportlerin. Aber: „Ich wollte irgendwann etwas anderes sehen als jeden Tag die Sporthalle. Gelernt habe ich dadurch vielleicht die Disziplin, auch wenn ich eigentlich faul bin.“

Faulheit ist etwas, das man sich bei den langen Arbeitstagen von Palina Rojinski schwer vorstellen kann. Sie schauspielert, modelt, legt in Clubs auf, moderiert, ist Werbegesicht. Sie macht nicht „irgendwas mit Medien“, sondern besetzt die eher unbesetzten Nischen. Ihre Stärke? „Ich habe ein gutes Gespür für Menschen, bin feinfühlig und sensibel. So war ich bereits als Kind. Ich hing mit den Skatern, den Punks, den Strebern und Ausländern ab“, sagt die Reporterin, die es mag, dass man sie nicht festlegen kann. „Es ist doch so ein Gewinn für uns alle, dass man nicht einen Beruf haben muss. Wir sind live bei der Globalisierung dabei, die unsere Berufe verändert“, sagt sie und hält inne: „Da, schau: schon wieder ne Fellbach-Bahn.“ Stuttgart kennt Palina Rojinski auch deshalb ganz gut, weil sie sechs Jahre mit Jean-Christoph Ritter, besser bekannt als Schowi von den Massiven Tönen, zusammen war.

„Die Russen hoffen wirklich, dass Deutschland Weltmeister wird.“

Ihr Privatleben schirmt sie professionell von der Öffentlichkeit ab. „Die sozialen Medien geben uns eine unglaubliche Freiheit. Als Person des öffentlichen Lebens kann ich mitgestalten, wie viel von mir nach außen kommt“ sagt Rojinski, die aktuell knapp 830 000 Fans auf Facebook und 980 000 Abonnenten auf Instagram hat. Wenn sie etwas virtuell vermarktet, dann macht sie das, weil sie es will. Weil sie es mag. Das kann auch der eigene Lippenstift sein. Feminismus und Weiblichkeit schließen sich für sie nicht aus. Und die Themen Schminke, Haare, Beauty sind keine Tabus. Hat sie Angst vor Oberflächlichkeiten? Schließlich kommt kein Artikel über sie ohne einen Hinweis auf ihre beachtliche Oberweite aus. „Da müssen wir Frauen auch mal ehrlich zu uns selbst sein. Es ist doch vollkommen okay, wenn wir uns über eine Lippenstiftfarbe freuen. Oder wenn die Haare toll liegen. Nur weil ich geschminkt bin, kann ich trotzdem für die Rechte der Frau einstehen“, sagt sie. Rojinski hat ein unverkrampftes Verhältnis zum Kapitalismus, was sich aus ihrer Herkunft und Sozialisation erklären mag. Sie genießt es durchaus, Werbung für Dinge zu machen, die sie gut findet. Und dafür bezahlt zu werden.

Jetzt wirbt sie für Russland, ihre Heimat. Da bricht vieles auf. Beim Besuch ihrer Geburtsstadt besucht sie die Oma in deren Ein-Zimmer-Wohnung in einer Arbeitergegend etwas außerhalb von Sankt Petersburg. Das sind rührende Szenen im Ersten. Die Kamera macht einen Schwenk über Erinnerungsstücke in der Vitrine, zeigt Palina Rojinski und ihre „Babuschka“ auf der Ausziehcouch, auf der sie schon als Kind schlief. Wenn sie von den Dreharbeiten erzählt, steigen ihr die Tränen in die Augen. Sie bringt ihrer Oma meist Hanuta, Cremes, ein paar schicke Sachen zum Anziehen und hübsche Schuhe mit.

„In Russland sind auf einmal meine zwei Leben aufeinandergetroffen“, erinnert sie sich. „Dort liegt meine Heimat, in Deutschland machte ich meine Fernsehkarriere.“ Vielleicht sind sich beide Kulturen ja doch näher, als es scheint. Als sie mit ihrem Team eine Teilstrecke mit der Transsibirischen Eisenbahn fuhr, sprach sie mit vielen Mitreisenden. Und eine Antwort war immer gleich: „Die Russen hoffen wirklich, dass Deutschland Weltmeister wird.“

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