Der Murrhardter Engel ist seit 1553 in Familienbesitz. Foto: Gottfried Stoppel

Im Engel am Murrhardter Marktplatz ruht der Betrieb. Das Gasthaus ist seit 1553 in Familienbesitz, damals erwarben Wolfgang Bunks Ahnen das stattliche Gebäude. Nun sucht der Besitzer für das älteste Restaurant der Stadt einen neuen Pächter. Er hat aber auch einen Plan B.

Murrhardt - Klaus Berger packt seine Habseligkeiten zusammen. Seine Zeit im Engel ist zu Ende. Leider, sagt der Mann Mitte fünfzig. Er hat das Traditionsgasthaus, das älteste in Murrhardt, erst vor drei Jahren übernommen. Die Geschäfte liefen offenbar gut. Doch dann starb sein Koch. Berger sagt, er selbst sei gesundheitlich angeschlagen. Er habe jetzt rund ein halbes Jahr lang einen neuen Koch gesucht, aber keinen gefunden. Also ist Schluss.

Jetzt muss sich Wolfgang Bunk wieder auf die Suche nach einem neuen Pächter machen. Bunk ist 73 Jahre alt. Er und seine Frau Hannelore haben den Engel, ein Gasthaus mit viel Geschichte, bis 2014 geführt, rund 50 Jahre lang. Der Engel ist seit 1553 in Familienbesitz, damals erwarben Bunks Ahnen das stattliche Haus direkt am Murrhardter Marktplatz. Früher, sagt Bunk an diesem trüben Tag im Mai, sei es möglich gewesen, dass so ein Gasthaus „allein von der Bevölkerung im Ort lebt“. Das sei schon lange nicht mehr so. Gastwirte seien darauf angewiesen, dass die Menschen auch von weiter her anreisten.

Hotel- und Gaststättenverband kritisiert Arbeitszeiten

Bunk hat den Engel jetzt zur Pacht ausgeschrieben. Er sucht jemanden, der schwäbisch kocht. Diese Tradition solle erhalten bleiben. Bis dato hätten sich zwar ein paar Interessenten gemeldet, „aber ich habe kein gutes Gefühl“. Der Engel in Murrhardt steht beispielhaft für viele sogenannte gastgewerbliche Betriebe im Land, sagt Daniel Ohl, der Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Baden-Württemberg. In den nächsten fünf Jahren suchten rund 4000 der knapp 31 000 Betriebe im Ländle einen Nachfolger. Oft seien die Kinder der Gastwirte nicht daran interessiert, den Laden zu übernehmen. Das war bei den Bunks auch so.

Bunk sagt, auch die grassierende Bürokratie sei schuld daran, dass so viele Gas­tronomen Probleme hätten. Von den aus seiner Sicht zu starr geregelten Arbeitszeiten zum Beispiel halte er gar nichts. Bunk sagt, die Betriebe müssten flexibel auf Anfragen regagieren können, mitunter müssten die Angestellten halt mehr arbeiten als die erlaubten zehn Stunden am Tag und dafür an anderen Tagen eben weniger.

Der Dehoga-Mann Ohl sieht das ähnlich. Er sagt, die zehn Stunden maximal zulässige Arbeitszeit am Tag seien speziell für Aushilfen ein Problem. Zum Beispiel für einen Koch, der eigentlich fest in einem Altenheim arbeite und gelegentlich in einer Gastwirtschaft mithelfen wolle. So ein Mann dürfe – wenn er bereits gearbeitet habe – am selben Tag nur noch etwa zwei Stunden im Nebenjob dranhängen. „Das macht keiner, weil es sich finanziell nicht lohnt.“ Personalknappheit sei eines der größten Probleme in der Gastronomie. Zigtausend Stellen seien unbesetzt. Viele Gaststätten, speziell auf dem Lande, müssten notgedrungen mehrere Ruhetage machen. Ein Teufelskreis beginnt. Der Gastronom arbeite immer mehr, weil er nicht an die Zehn-Stunden-Vorgabe gebunden sei. Dessen Kinder oder deren Lebenspartner würden abgeschreckt und entschieden sich gegen die Übernahme des Betriebs.

Reinhold Nägele hat im Engel das Licht der Welt erblickt

Wolfgang Bunk erzählt, dass seine Vorfahren nahezu ihr ganzes Leben in der Gaststube zugebracht hätten. Nur zum Schlafen seien sie ins Nebenzimmer ausgewichen. In diesem Nebenzimmer des Engels hat 1884 Reinhold Nägele das Licht der Welt erblickt. Nägele, ein weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannter Maler und Grafiker, war Bunks Onkel. Über seinen geschichtsträchtigen Engel und die mitunter berühmte Verwandtschaft sowie die illustren Gäste kann Bunk abendelang Anekdoten erzählen.

Vor einigen Jahrhunderten haben in dem stattlichen Gebäude trinkfeste Mönche ihre Viertele geschlotzt. Bis ins 16. Jahrhundert war der Engel in klösterlichem Besitz. In den vergangenen Jahrhunderten war in dem Fachwerkgebäude mitten in der Stadt mal eine Bäckerei, mal eine Metzgerei, mal eine Weinhandlung untergebracht. Stets wurden allerdings zugleich Gäste bedient, die zum Essen kamen. An den Wänden in der Gaststube hängen Radierungen von Reinhold Nägele und dessen Sohn Thomas Nägele, der heute hochbetagt in New York lebt.

Während des Zweiten Weltkriegs waren im Engelsaal die Amtsräume des aus Stuttgart ausgelagerten Innenministeriums eingerichtet. Gleich nach dem Krieg kam der spätere Bundespräsident Theodor Heuss ins Haus, der mit der Engel-Wirtin und mit Reinhold Nägele befreundet war.

Wolfgang Bunk sagt, an einen Verkauf der Immobile denke er nicht, noch nicht. Er fügt indes an: „Sag niemals Nie.“ Für den Fall, dass sich niemand finden sollte, hat Bunk bereits einen Plan B ausgeknobelt. Er könne sich vorstellen, aus dem Engel eine Alten-WG zu machen. Der bisherige Pächter, Wolfgang Berger, erklärt unterdessen, er wolle sich nun einen Job als Angestellter suchen. Gerne in der Gastronomie. Die Chancen, dass er einen neuen Arbeitsplatz findet, sind vermutlich ganz gut.

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