Auf seiner letzten Etappe lässt sich der Solopaddler Achim Zweygarth von einem Rennkanuten fotografieren.Foto: privat/ Foto:  

Vom Goldkanal, einem Baggersee bei Rastatt, bis nach Wesel: Der Stuttgarter Fotograf Achim Zweygarth paddelt über Deutschlands längsten Fluss.

Rrrrgrrgrgrgrrr rasseln die beiden Ankerketten des Tankers Fenne zum Flussgrund und durchbrechen die abendliche Stille auf der Ölganginsel, einem Angleridyll inmitten der Hafenanlage von Düsseldorf, meinem Schlafplatz. Der Schiffsführer regelt den Diesel herunter, die Fenne hängt schließlich für ein paar Stunden ruhig an den Ketten in der Strömung. Seine Abfahrt werde ich verpennen.

 

Ich bin mit einem Faltboot-Einer auf dem Rhein unterwegs, gestartet im Goldkanal, einem Baggersee mit Rheinverbindung bei Rastatt. Das Beladen des Faltboots ist spannend. Nichts vergessen? Schließlich ist der gesamte Lebensbedarf der nächsten Tage im Boot. Dafür gibt es eine überaus detailreiche dreiseitige Packliste, die Regen, Kälte, UV-Schutz berücksichtigt. Lebensmittel und Trinkwasser, Kocher, Tischchen und Klappstuhl, Schlafsack und Powerpacks samt Solarpanel. Wichtig ist zudem ein Tarp, das je nach Situation für Regenschutz oder für Schatten sorgen kann und das mit vier 2,50 Meter langen Teleskopstangen nebst Abspannschnüren und Heringen nahezu allen Situationen gerecht wird. Ein letzter Blick nach hinten zum Strand, blieb auch wirklich nichts liegen?

Der Start erfolgt gegen die Fließrichtung

Die Sonne brennt. Auf dem stehenden Wasser des Baggersees bis zum Rheinauslass ist es mühsam zu paddeln, das Boot ist schwer und träge wie ein nasser Schwamm. Die Strömung des Rheins ist schon von Weitem sichtbar: Wildbachartig schnell geht es an dieser Stelle zur Sache. Also starte ich wie beim Wildwasser-Kehrwasser in die Strömung, nämlich gegen die Fließrichtung. Gut, dass das niemand beobachtet hat. Der dächte leicht, dass ich mich wohl verfahren habe oder, ganz vermessen, nach Basel will.

Tatsächlich dreht mich die Strömung in die gewünschte Richtung nach Norden, und die wilde Fahrt geht los. Die Strömung ist hier sehr ordentlich, und es werden locker zwölf Kilometer pro Stunde erreicht – mit meiner Paddelunterstützung. Leider nimmt diese Geschwindigkeit schon sehr bald ab und wird sich auf einen Durchschnitt von 7,72 Kilometer pro Stunde reduzieren, wie sich am Ende der Tour herausstellt.

Am ersten Abend kann ich bei Flusskilometer 389,2 eine der Rampen benutzen, die zum Kanu-Club Philippsburg führen – in direkter Nachbarschaft zum ehemaligen AKW-Gelände. Ein freundliches Mitglied öffnet mir den Schlagbaum zum Zeltplatz: mit Restaurant, das ein leckeres Abendessen samt Sonnenuntergang ermöglicht.

Übernachtung im Bootshaus

An vielen Stellen des Rheins bieten der Deutsche Kanu-Verein und Wassersportvereine Schlafplätze für reisende Paddler. Üblicherweise kann man für kleines Geld (fünf Euro pro Nacht plus Duschmünze) einen Zelt- und Waschplatz finden. Oft ist auch eine Übernachtung im Bootshaus möglich, was bei schlechtem Wetter eine willkommene Alternative zum Zelt darstellt.

Das Problem für den Faltboot-Solofahrer wie mich ist die Schnittstelle zum Anlanden. Viele Kanustationen haben einen Bootssteg, der ist jedoch an dem schnell fließenden Rhein so exponiert den Wellen der Berufsschifffahrt ausgesetzt, dass man das Boot keine Minute aus den Augen lassen darf. Sonst läuft man Gefahr, dass es der heftige Wellenschlag gegen das Ufer oder die Anlegestelle donnert.

Die Morgenroutine sieht so aus: Nach dem Aufstehen, das meistens noch vor Sonnenaufgang geschieht, wird der Spirituskocher aufgestellt und Wasser für den Kaffee erhitzt, währenddessen ich ein Brötchen mit Margarine und Honig verdrücke. Das Brötchen ist natürlich niemals frisch, man kommt ja unterwegs nicht oft zum Einkaufen.

Eine saubere Dusche und ein griechisches Restaurant

Der nächste Tag bietet ausgiebig Gegenwind, als es durch Ludwigshafen und Mannheim geht: Eine endlos scheinende Gerade des Hafens, wo auch irgendwo unspektakulär der Neckar mündet. Jeden Meter muss man sich erkämpfen. Der Wind vermag es, die Geschwindigkeit des Bootes trotz Strömung auf null zu drücken.

In Worms angekommen, gönne ich mir einen Ruhetag. Auch hier optimale Bedingungen: saubere Dusche, ein griechisches Restaurant, eine Steckdose, um die Akkus zu laden und eine nahe gelegene Busstation. Dass der gegenüberliegende Portalkran um Viertel vor fünf in der Früh seine Arbeit aufnimmt, um ein Schiff mit Sand zu entladen, wäre allerdings nicht nötig gewesen.

Um halb neun geht es wie üblich wieder aufs Wasser, heute unter Beobachtung von drei Schwanendamen. Die zahlreichen Begegnungen mit der Berufsschifffahrt bringen eine willkommene Abwechslung in den monotonen Paddelbetrieb. Üblicherweise bewegen sich Schiffe innerhalb einer definierten Fahrrinne. Als Freizeitpaddler wird man von den Profis wie störendes Treibgut wahrgenommen, also weicht man den Schiffen bestmöglich aus. Auf eine klare Fahrtrichtung ist zu achten, die Fahrrinne auf kürzestem Weg zu queren. Die Berufsschiffer handeln bei entgegenkommenden Kollegen aus, ob sie sich im Rechtsverkehr begegnen, wie es üblich ist, oder eben nicht. Dies wird dann durch eine blaue Tafel neben dem Steuerhaus signalisiert. Nun gibt es aber auch Überholer. Damit sind plötzlich drei Schiffe nebeneinander, und die Fahrrinne wird bedrohlich eng. Da natürlich der Überholende möglichst schnell vorbeiwill, gibt er ordentlich Gas und erzeugt ebensolche Wellenhöhen, die für Paddler gefährlich werden können. Im Laufe der zahlreichen Schiffsbegegnungen hat man zwar Routine, aber Augen auf ist die Devise.

Bolognese-Nudeln aus der Tüte

Kilometer 483: Eine Anlandestelle wie aus dem Bilderbuch lädt mich ein. Keine Bebauung weit und breit und ein 20 Meter langer Sandstrand hinter der Buhne. Im Schatten der Bäume wird zu Abend gegessen, die dehydrierten Bolognese-Nudeln aus der Tüte (eigentlich für zwei Personen empfohlen) füllen meinen Magen. Zeltaufbau, um möglichst wenig zu stören, erst nach Sonnenuntergang. Hundebesitzer, die ihre Lieblinge ausführen und oder Menschen, die ein abendliches Bad im Rhein nehmen, finden sich nämlich an den einsamsten Stellen.

Weiter geht’s auf dem Mittelrhein, dem landschaftlich schönsten Teilstück mit zahlreichen Burgen, Weinbergen und Engtälern. Allerdings ist nach Wiesbaden erst mal ein langer gerader Abschnitt zu bewältigen, der bis Bingen reicht. Ich habe Rückenwind – eine Wohltat. Es folgt der touristischste Abschnitt des Rheins mit dem Schloss Pfalzgrafenstein bei Kaub und dem Loreleyfelsen. Hier finden sich auch die meisten Passagierschiffe – es ist also mit ordentlich Verkehr zu rechnen. Dazu verengt sich der Rhein von 800 Metern nach Mainz auf 130 Meter, wenn er sich durch die Felsen bei der Loreley durchquetscht und dabei auch 25 Meter Tiefe erreicht. Der Flussführer widmet dem Teilstück bis heute einige Warnungen, obwohl die historischen Schwierigkeiten weitgehend weggesprengt worden sind.

Nachdem der Rhein Koblenz passiert hat und das Moselwasser eingemischt wurde, wird die Landschaft flacher und offener, um dann nach Königswinter, das Siebengebirge hinter sich lassend, zum Niederrhein zu werden. Für den Paddler ändert sich dadurch nicht viel, die gute Strömung bleibt erhalten.

Nach 60 Kilometern schmerzt die Schulter

Vier Tage später, mein letzter Paddeltag: Heute will ich alles durchorganisieren. Ich rufe nach dem Start in Düsseldorf beim Kanu-Club in Wesel an und will mich für heute Abend anmelden, natürlich nur, wenn der Bootssteg bis zum Wasser reicht, was mir sofort versichert wird. Was ich nicht so sehr im Blick habe, ist die Distanz. Die besagte nämlich, dass es heute 75 Kilometer sein sollen. Unterwegs lasse ich mich von einem sportlichen Rennkanuten mit sehr schlankem Boot fotografieren – fotoaffine Solopaddler haben nun mal echte Schwierigkeiten, sich selbst zu dokumentieren.

Nach 50 Kilometern, meiner üblichen Tagesstrecke, denke ich: Jetzt reicht es eigentlich. Nach 60 beginnt die Schulter heftig zu schmerzen, und die Hände zeigen unerbittlich Blasen. Ich ziehe erstmals Handschuhe an. Das verteilt die Druckstellen anderswo hin, hilft aber leider nicht gegen Schulterschmerzen und schafft auch keine weitere Muskelenergie. Irgendwann taucht der Kirchturm von Wesel in der Ferne auf.

Zum Schluss geht’s durch Brackwasserschlamm

Bei Kilometer 816 kommt endlich die Einfahrt zur Marina in Sicht – das Ziel meiner Tour. Viele schöne Stege für Motorboote und den Ruderverein sind zu sehen. Der Steg des Kanu-Clubs endet aber, oh Schreck, gut einen halben Meter über der Wasserlinie und hängt traurig am Damm. Davor droht der wohlbekannte und gefürchtete Brackwasserschlamm. Letztendlich braucht es einen Gartenschlauch, um meine Beine von der braunen Matsche zu befreien. So endet mein kleines Abenteuer, das mich insgesamt 470 Kilometer über den Rhein geführt hat.

Epilog: Daheim in Stuttgart zeigt die Personenwaage dreieinhalb Kilogramm weniger an als vor meiner Paddeltour. Na, also!

Autor Achim Zweygarth, 70, ist seit 1987 als Fotograf für unsere Zeitung tätig.