Sigrid Klausmann, 61, stammt aus Furtwangen. Sie unterrichtete Modernen Tanz und war Choreografin. Seit 2001 widmet sie sich dem Dokumentarfilm. Walter Sittler, geboren 1952 in Chicago, kam vor 29 Jahren ans Stuttgarter Staatstheater. Bekannt wurde er durch TV-Serien wie „Nikola“. Foto: Gottfried Stoppel

Warum passen zwei Menschen zusammen? In unserer Serie sprechen besondere Paare über ihr Leben. Heute: der Schauspieler Walter Sittler und die Filmemacherin Sigrid Klausmann sind seit 31 Jahren verheiratet.

Stuttgart - Eine Altbauwohnung im Lehenviertel. Auf 170 Quadratmetern leben der Schauspieler Walter Sittler und die Dokumentarfilmerin Sigrid Klausmann, wenn sie nicht für das ZDF einen Kommissar spielen oder weltweit kleine Helden mit der Kamera begleiten. Stuttgarts vielleicht prominentestes Promi-Paar ist seit 31 Jahren verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und viel mehr zu erzählen, als auf eine Zeitungsseite passt.

Frau Klausmann, Herr Sittler, Sie scheinen ernste Geldsorgen zu haben. In der „Gala“ habe ich gelesen, dass Sie „völlig pleite“ seien.
Walter SittlerDieser Unsinn stand in vielen bunten Blättern. Dabei hatte ich lediglich in einem Interview mit der „Frau im Spiegel“ gesagt, dass unsere Produktionskasse für das Filmprojekt „199 kleine Helden“ nach Fertigstellung der ersten Staffel leer sei und dass wir erst mal schauen müssten, dass wieder ein paar Euro reinkommen. „Frau im Spiegel“ hat daraus eine Titelseite gebastelt, die die Realität verfälschte, und andere Medien haben das ungeprüft übernommen. Ich finde es bedenklich, dass kein Journalist es für nötig hielt, bei uns nachzufragen, ob wir tatsächlich pleite sind.
Regt Sie so etwas arg auf?
Walter S.Ach nein, das war ein vergleichsweise harmloser Vorgang. Ich habe einen Anwalt eingeschaltet, und wir einigten uns mit der „Frau im Spiegel“ darauf, dass die Zeitschrift einen Betrag für „199 kleine Helden“ spendet. Viel schlimmer waren die Anfeindungen, die wir ertragen mussten, weil ich mich gegen Stuttgart 21 engagiert habe. Uns schlug regelrecht Hass entgegen. Sehr ärgerlich fand ich zum Beispiel die Aussage eines CDU-Politikers im Bundestag: „Wo kommen wir denn da hin, wenn drittklassige Schauspieler anfangen, sich öffentlich zu äußern?“ Das heißt, ein Abgeordneter hat mir nicht einmal das Bürgerrecht auf freie Meinungsäußerung zugestanden.
Frau Klausmann, fanden Sie es gut, dass Ihr Mann zu einer Galionsfigur im Widerstand gegen den Bahnhofsneubau wurde?
Sigrid Klausmann Inhaltlich stand ich immer voll hinter ihm. Als wir 2013 das Fundraising für „199 kleine Helden“ starteten, wurde uns jedoch klar, dass sich unser Engagement gegen Stuttgart 21 negativ auswirkt. Als Produzenten von „199 kleine Helden“ und dem Kinofilm „Nicht ohne uns“ sind wir dafür zuständig, Sponsoren zu finden. Solange Walter Every­body‘s Darling war, standen ihm alle Türen offen. Plötzlich war das anders, denn es ist eine Tatsache, dass potenzielle Kapitalgeber in der Regel den Tiefbahnhof befürworten. Ich kenne kein großes Unternehmen in der Region, das sich gegen Stuttgart 21 ausgesprochen hat. Der Kampf, den ich als Dokumentarfilmerin ohnehin immer führen muss, wäre vermutlich leichter gewesen, wenn Walter bei S-21-Demos nicht in vorderster Reihe gestanden wäre.
Letztendlich hat Ihr Widerstand wenig bewirkt. Haben Sie mal erwogen, Stuttgart zu verlassen?
Sigrid K.Nein. Wir leben seit 29 Jahren in Stuttgart, wir hängen an dieser Stadt.
b>„Wir erwarten keine Dankbarkeit von unseren Kindern“
Sie haben hier drei Kinder großgezogen. Manche Eltern fallen in ein Loch, wenn der Nachwuchs flügge wird. Wie erging es Ihnen?
Sigrid K.Jeder Abschied macht einen etwas melancholisch. Aber es war auch ein Aufbruch, weil ich mehr Raum für meine Filme bekam.
Wie oft sehen Sie Ihre Kinder noch?
Sigrid K.Selten. An Weihnachten und meistens im Sommerurlaub. Benedikt kommt manchmal aus London, wo er bei Vivienne Westwood arbeitet, nach Gotland, wenn Walter auf der Insel weitere Folgen von „Der Kommissar und das Meer“ dreht. Jenny spielt in Erlangen am Stadttheater, dort besuchen wir sie ab und zu. Lea lebt als Musikerin in Göteborg.
Hätten Sie gerne einen engeren Kontakt?
Walter S.Es ist, wie es ist. Die Kinder kommen uns mit Freude in Stuttgart besuchen, aber es gibt eben nicht viele Möglichkeiten dafür. Aus der Ferne zu beobachten, was sie treiben und wie sich ihr Leben entwickelt, ist für uns auch sehr spannend.
Sie haben Ihren Kindern ermöglicht, sich selbst zu verwirklichen. Spüren Sie Dankbarkeit dafür?
Walter S.Darum ging es uns nie. Wir haben Benedikt, Jenny und Lea die Ausbildung finanziert, die sie sich gewünscht hatten. Das war unser Geschenk an sie. Wir erwarten nicht, dass wir dafür irgendetwas zurückbekommen.
Sigrid K.Ich glaube, dass bei allen Fehlern, die wir sicher auch gemacht haben, unsere Kinder den Zusammenhalt schätzen, der in unserer Familie herrscht. Aus meiner eigenen Jugend weiß ich, dass es nicht wichtig war, was mir meine Eltern gepredigt, sondern was sie mir vorgelebt haben. Der Geist, dass man für den anderen da ist, lebt in mir weiter und lebt nun in unseren Kindern weiter. Walter und mir ist es ganz gut gelungen, sie durch die Stürme des Lebens zu führen, etwa wenn Liebeskummer an ihrem Selbstwertgefühl genagt hat. In der Kindheit und Jugend entsteht ja das Fundament, das dafür sorgt, dass man später auch in schwierigen Zeiten nicht zusammenbricht.
Waren Sie sich in der Erziehung Ihrer Kinder einig, oder gab es auch mal Konflikte?
Sigrid K.Walter und ich haben in allen grundlegenden Dingen ähnliche Haltungen.
Und was unterscheidet Sie?
Sigrid K.Ich lege mehr Wert auf eine äußere Ordnung, mag es, wenn alles aufgeräumt ist. Das kommt vermutlich daher, dass ich mit sechs Geschwistern aufgewachsen bin und es bei uns manchmal aussah wie bei Hempels unterm Sofa. Walter ist eher für die unsichtbare Ordnung zuständig, also etwa für die Koordinierung unserer Termine. Er strebt auch noch mehr nach Harmonie als ich. Unsere Tochter Jenny wirft uns heute manchmal vor, dass in ihrem Elternhaus zu wenig gestritten wurde.

„Es gab immer das Gefühl der gegenseitigen Liebe und Treue“

Sie sind beide beruflich viel unterwegs. Wie viele Tage des Jahres sehen Sie sich nicht?
Walter S.Als ich „Nikola“ gedreht habe, war ich allein für diese Serie 60 Tage weg. Heute ist es anders: Wenn eine Folge von „Der Kommissar und das Meer“ entsteht, kommt meine Frau vier, fünf oder auch mal sechs Wochen zu mir nach Gotland. Die längste Zeit, die wir uns in den vergangenen Jahren am Stück nicht gesehen haben, waren jene vier Wochen, als Sigrid in der Ukraine eine Dokumentation gedreht hat.
Wer von Ihnen vermisst den anderen mehr?
Walter S.Dafür haben wir keine Skala.
Warum grinsen Sie, Frau Klausmann?
Sigrid K.Na ja, ich meine schon, dass ich Walter früher mehr gefehlt habe als er mir. Aber das ist ja auch logisch: Ich hatte die Kinder um mich, er war alleine im Hotelzimmer. Walter braucht die Wärme seiner Familie.
Walter S.Deswegen übernachte ich auch, wann immer es geht, zu Hause. Das ist für Produzenten manchmal anstrengend.
Sigrid K. Sie haben noch gar nicht die Standardfrage gestellt, ob ich Angst habe, dass Walter während seiner Dreharbeiten etwas mit anderen Frauen anfängt.
Das wüsste ich gerne! Wie lautet Ihre Antwort?
Sigrid K. In unserer Beziehung gab es immer das Gefühl der gegenseitigen Liebe und Treue. Wir haben einfach das große Glück, dass es zwischen uns gut passt.
Ich könnte mir vorstellen, dass Neider denken, dass Sie einen Mann haben, der als Fernsehstar viel Geld verdient und Ihnen damit ermöglicht, sich als Dokumentarfilmerin zu profilieren. Sigrid K. Wenn Leute das denken, dann haben sie keine Ahnung. Ich reise immer im Auftrag der Produktion. Und wir produzieren nur, wenn die Filme finanziert sind – inklusive Eigenanteil. Mir ist klar, dass man in diesem Genre nur wenig verdient, aber ich brenne für den Dokumentarfilm.
Walter S. Das Geld, das ich als Schauspieler verdiene, ist nicht mein Geld, sondern unser Geld – schließlich gehören wir seit 32 Jahren zusammen. Und Sigrids Projekte sind auch meine Projekte. Ich habe immer mitgewirkt, mal als Mädchen für alles, mal als Fahrer, jetzt als Produzent. Als Schauspieler mache ich manchmal Sachen, von denen ich im Nachhinein denke, dass ich sie nicht unbedingt hätte machen müssen. Bei unseren „199 kleinen Helden“ ist es hingegen so, dass das, was wir tun, genau das ist, was wir tun wollen.
Kritisieren Sie Ihre Arbeit gegenseitig?
Sigrid K. Ich bin nicht am Set dabei, wenn Walter dreht. Aber wenn ich den fertigen Film sehe, sage ich ihm meine ehrliche Meinung. Und wenn ich Walter einen Rohschnitt von einer Doku zeige, will ich, dass er mir klipp und klar mitteilt, was er davon hält. Seine konstruktive Kritik ist für mich ganz arg wichtig.
Sie gehen auf das offizielle Renteneintrittsalter zu. Machen Sie sich darüber Gedanken?
Walter S. Ich werde diese gesetzlich vorgegebene Schwelle zwar bald überschreiten, aber dadurch wird sich überhaupt nichts ändern. Wir sind gerade dabei, Geld für weitere Folgen von „199 kleine Helden“ zu sammeln. Die nächsten zehn Länder, in denen Sigrid Kinder filmen wird, stehen bereits fest.
Hat so ein Mammutprojekt nicht den großen Nachteil, dass es einen vollkommen absorbiert?
Walter S. Das ist eine typisch deutsche Sichtweise. Wenn man in den USA in einer guten Serie die Hauptrolle spielt, heißt es: „Wow, du hast es geschafft!“ Hierzulande heißt es: „Oh weh, jetzt kannst du nichts anderes mehr machen.“ Warum sollten wir denn etwas anderes machen, wenn das, was wir machen, toll ist?
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