Die Wassertemperatur im Mittelmeer ist mit 28,71 Grad so warm wie nie zuvor. Sogar der Atlantik vor den Küsten Europas ist ungewöhnlich warm. Weltweit nehmen solche heißen Episoden unter Wasser zu – mit dramatischen Folgen für die Ökosysteme.
Blob, das englische Wort für Fleck oder Klecks, klingt fast harmlos. Ist es aber nicht, denn es bezeichnet ungewöhnliche Hitzewellen im Meer. Solch ein Blob hat sich in den letzten Monaten vor Europa entwickelt. Tiefrot ist der Nordatlantik über weite Strecken in der Karte eingefärbt, welche der Klimawandel-Service des europäischen Erdbeobachtungsprogrammes Copernicus zur Verfügung stellt. Das zeigt, dass dort die Wassertemperaturen zwei bis drei Grad wärmer sind als in der Referenzperiode von 1991 bis 2020. In der Nordsee sind es bis zu fünf Grad.
Im Mittelmeer ist die Wassertemperatur mit 28,71 Grad so warm wie nie seit Aufzeichnungsbeginn. Und auch auf der anderen Seite des Atlantiks ist das Wasser vor der Küste Floridas mit 32 Grad fast so warm wie die Luft. Im Pazifik sieht es nicht besser aus. Er ist vor der US-Küste in Äquatornähe sowie im Norden in Richtung Alaska in weiten Regionen um zwei bis drei Grad zu warm. Und auch das Wedellmeer in der Antarktis war im letzten dortigen Sommer ungewöhnlich warm. So ist um den Südpol herum das Meereis auf ein neues Allzeitminimum zusammengeschmolzen.
Die Temperaturen der Weltmeere sind so hoch wie noch nie
„Global sind die Oberflächentemperaturen der Weltmeere so hoch wie noch nie“, stellt Nicolas Gruber von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich fest. Sein Kommentar: „Dies ist in erster Linie eine Folge der menschengemachten globalen Erwärmung.“ Zwar hinke diese derjenigen an Land hinterher, sie werde aber immer deutlicher sichtbar. Andere Fachleute stimmen ihm zu. Für Till Kuhlbrodt von der britischen University of Reading sind die hohen Oberflächentemperaturen „außergewöhnlich und unerwartet hoch“. Er weist darauf hin, dass die jetzige Erwärmung etwa im Nordatlantik doppelt so hoch ist wie im bis dahin wärmsten Jahr.
Wie gravierend die Folgen eines lang anhaltenden Blobs auf das marine Ökosystem sein können, zeigt die Analyse der legendären Hitzewelle im Pazifik vor der amerikanischen Küste in den Jahren 2015 bis 2016. Diese Superblase – die Forschenden bezeichneten sie damals erstmals als Blob – reichte von Alaska bis Mexiko und bis hinaus nach Hawaii. Sie führte zum Tode von unzähligen Meerestieren: Innerhalb knapp eines Jahres wurden allein bei den Seevögeln 60 000 sterbende oder schon tote Trottellummen gefunden. Sie waren verhungert. Hinzu kommen noch weitaus mehr tote Tiere, die nicht registriert wurden.
Berühmt-berüchtigt sind auch die marinen Hitzewellen vor Australien
Damals hatte ein so riesiges wie hartnäckiges Hochdruckgebiet arktische Stürme ferngehalten. Damit aber konnte sich der nordöstliche Pazifik nicht wie üblich durchmischen. So gelangte auch kein kühles, nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche, weshalb es weniger Planktonalgen und Kleinkrebse gab. Damit aber war die Nahrungskette im Meer unterbrochen. Seevögel starben, Wale suchten an der Küste nach Nahrung. Viele von ihnen verfingen sich in den Fanggeräten der Fischer. Manche konnten sich losreißen, andere ertranken. Schlecht war der Blob auch für die Krabbenfischer. Die Hitze begünstigte das Wachstum bestimmter giftiger Algen. Deren Gift reicherte sich in den Krabben an, die unverkäuflich wurden.
Berühmt-berüchtigt sind auch die marinen Hitzewellen vor Australien, weil sie den dortigen Korallenriffen massiv zusetzen. Wenn das Wasser am Great Barrier Reef über Wochen 33 bis 34 Grad hat, leiden diese Minitiere massiv. Dann produzieren die Algen, die in Symbiose im Innern der Korallen leben, Giftstoffe – mit der Folge, dass sie abgestoßen werden und die Korallen ausbleichen. Damit aber haben diese sich auch ihres wichtigsten Nahrungslieferanten entledigt. So müssen sie verhungern, wenn die Situation zu lange anhält. Zwar können sich die Riffe erholen, aber inzwischen verkürzt sich der Abstand zwischen den marinen Hitzewellen immer mehr. Studien zufolge sind sie heute doppelt so häufig und doppelt so lang wie noch Anfang des 20. Jahrhunderts. Damit wächst die Gefahr, dass diese wichtigen Ökosysteme in vielen tropischen Meeren auf Dauer verschwinden.
Gerade in den wärmeren Ozeangebieten sind die Rückzugsmöglichkeiten für die Meeresbewohner ziemlich begrenzt. Zum einen sind sie an recht gleichmäßige Temperaturen gewohnt, tolerieren also Hitzewellen weitaus weniger gut als Landtiere. Zum anderen können sie kaum in tiefere und damit kältere Regionen ausweichen. Entsprechende Studien zeigen, dass dort die Meeresbewohner doppelt so schnell auf Dauer verschwinden wie die Landtiere.
Es gibt gewaltige Umbrüche in den regionalen Ökosystemen
In den gemäßigten Regionen ist dagegen die Abwanderung gen Norden oder Süden noch für viele Fische, Seevögel und Quallen eine Option. Doch das führt zu gewaltigen Umbrüchen in den regionalen Ökosystemen. Bei höheren Temperaturen gibt es zum Beispiel weniger Kleinkrebse, weil deren Fortpflanzungsrate dann sinkt. Damit steht für andere Meerestiere, darunter auch Wale, Robben und Pinguine, weniger Nahrung zur Verfügung – insgesamt eine bestandsbedrohende Kettenreaktion.
Problematisch an den derzeit in vielen Regionen der Welt deutlich zu hohen Wassertemperaturen ist, dass die Gründe hierfür nur teilweise bekannt sind. Im Pazifik lässt sich diese besorgniserregende Entwicklung noch recht gut mit dem sich derzeit anbahnenden El-Niño-Ereignis erklären. Doch warum sich der Nordatlantik so stark erwärmt, das ist den Fachleuten noch nicht wirklich klar. Für Dietmar Dommenget von der Monash University im australischen Melbourne ist aber eines offenkundig: „Man kann ausschließen, dass die relativ warmen globalen Oberflächentemperaturen des Wassers oder auch im Nordatlantik allein durch natürliche Schwankungen entstanden sind.“ Für die meisten Meeresbewohner bedeutet diese Entwicklung nichts Gutes.