Beschäftigte der katholischen Kirche, die sich als homosexuell oder transgender geoutet haben, wollen sich nicht länger verstecken. Der Marbacher Pfarrer Stefan Spitznagel berichtet zwar von positiven Reaktionen – doch es herrsche auch Angst.
Marbach - Eine Kirche ohne Angst: Das ist es, was sich die 125 Mitarbeiter der katholischen Kirche – von der Ärztin über den Religionslehrer bis hin zum Priester - wünschen, die sich am Montag in einer ARD-Dokumentation und auf ihrer Homepage outinchurch.de als homosexuell oder transgender geoutet haben. Einer davon ist Stefan Spitznagel, Pfarrer der Katholischen Gemeinde zur Heiligen Familie in Marbach am Neckar.
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Der 63-Jährige, der schon in der Vergangenheit kein Blatt vor den Mund genommen hat und auch seit gut 20 Jahren gleichgeschlechtliche Paare segnet, betont allerdings, dass die Priester nicht die wichtigste Gruppe in der Aktion seien: „Ich gehe davon aus, dass die Bischöfe das alles mit dem Hinweis auf das Zölibat abtun werden – wir dürfen unsere Neigung ja ohnehin nicht ausleben.“ Vielmehr gehe es um all die anderen, die diskriminiert würden und um ihren Arbeitsplatz fürchten müssten. „Und die Leute werden oft unter falschen Vorwänden entlassen.“ Auch da seien die Priester im Vorteil: „Wir sind als einzige verbeamtet, und die katholische Kirche kann es sich ohnehin nicht leisten, auf uns zu verzichten,“ sagt Spitznagel lapidar.
Keine Konsequenzen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
Vom Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, ist zu dem Thema keine Stellungnahme zu erhalten. Ein Pressesprecher teilt mit, für die Verwaltung der Diözese und damit das Arbeitsrecht sei der Generalvikar Clemens Stroppel zuständig. Dieser erklärt, er sei berührt gewesen von dem Mut und dem Anliegen der Interviewten; ihnen gelte sein und der Diözesanleitung Respekt. Und weiter: „Dies gilt auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Diözese, die den Personalverantwortlichen auch in ihrer sexuellen Identität bekannt sind. Die Diözese erwägt keine Konsequenzen für deren Beschäftigungsverhältnisse und hat mindestens seit 2005, so weit reicht meine Amtszeit zurück, wegen der sexuellen Identität von Mitarbeitenden keine Kündigung ausgesprochen und es wurde auch keine Trennung in gegenseitigem Einvernehmen vollzogen.“
Zur konkreten Anfrage, wie sich der Bischof zu der Forderung stellt, Kirchenleitende sollten für die unzähligen Leiderfahrungen von LGBTIQ+ Personen in der Kirche die Verantwortung übernehmen und die Schuldgeschichte der Kirche aufarbeiten, gab es keine Antwort. Spitznagel berichtet von einer Vielzahl an Reaktionen auf sein Outing, „alle super positiv, bei manchen hat man Tränen in den Augen“. Auch Menschen, die er gar nicht kenne, hätten ihm aus den unterschiedlichsten Gründen geschrieben.
Kirche soll Vorreiter sein gegen Diskriminierung
Unterstützung erfährt er mehrheitlich auch vom Kirchengemeinderat: „Wir sind beeindruckt von den persönlichen Zeugnissen und dem Mut der Beteiligten. Eine Kirche, die sich auf Jesus und seine Botschaft beruft, muss jeder Form der Diskriminierung entschieden entgegentreten und eine Kultur der Diversität fördern. Dafür setzen auch wir uns ein - gemeinsam mit unserem Pfarrer Stefan Spitznagel.“
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Alexander König, der dem des katholischen Dekanats Ludwigsburg vorsteht, findet es „hilfreich, wenn die Vielfalt dessen, wie Menschen insgesamt leben, auch bei den Mitarbeitern der Kirche abgebildet ist.“ Aus seiner Sicht würde das viele Gräben überwinden. Und er frage sich, ob nicht die Kirche Vorreiterin sein müsse gegen Diskriminierung und die Türen für alle offen halten solle. Natürlich sei es gerade sehr viel, was auf die katholische Kirche zukomme. Das verunsichere viele Gläubige: „Aber die Kirche ist in einem Reformstau, wir verstricken uns interne Debatten.“ Dabei gehe es doch um die Frage: „Wie entwickelt sich die Kirche, damit sie Menschen in ihrer Zeit helfen kann?“
Manche halten lieber den Mund
Dass stattdessen unter den queeren Mitarbeitern Angst herrscht, wird auch daran deutlich, wie die ganze Aktion überhaupt vorbereitet wurde. „Wir haben uns in den letzten elf Monaten vorgetastet, über Zoom-Konferenzen vernetzt – wir wollten ja keine ‚U-Boot-Leute’ dabeihaben,“ so Stefan Spitznagel. Der Film und die Homepage seien auch nur ein Baustein, ein Buch und ein Auftreten beim Katholikentag würden folgen. „Wir wollen uns nicht mehr verstecken.“
Dieser Meinung seien jedoch nicht alle, berichtet Spitznagel: „Viele haben im Vorfeld quergeschossen und gesagt ‚Mach doch kein Fass auf, wir haben doch alle unsere Nische gefunden.’ Da vermisse er Solidarität. Wenn aber schon Betroffene lieber den Mund halten, ist es auch nicht verwunderlich, dass ein als konservativ geltender katholischer Priester aus dem Kreisgebiet auf Anfrage dieser Zeitung mitteilen ließ, er wolle sich zu dem Thema nicht äußern.