Komikerlegende: Otto und ein Ottifant Foto: imago/Sven Simon

Otto Waalkes wird 75 – und ist und bleibt, was er war: Kindskopf, Witzbold, Blödelbarde. Pünktlich zum Geburtstag hat er nun sogar den Sprung an die Spitze der Single-Charts geschafft – und es ist weiterhin mit ihm zu rechnen.

Im kollektiven Gedächtnis der Babyboomer spielen sich seltsame Szenen ab, wenn die Sprache auf Otto kommt. „Holladihiti“ schallt’s aus dem Wald, und im nächsten Moment hoppelt ein Außerfriesischer mit Flügelkappe auf dem Kopf und angewinkelten Armen vor der Brust im Känguru-Style durchs Bild.

 

Das könnte ganz real heute noch so wie vor fünfzig Jahren passieren, denn anders als einem sich mit der Zeit ernster gebenden Dieter Hallervorden – „Palim! Palim!“ – ist in Würde altern Ottos Sache nicht. Nein, der am 22. Juli 1948 in Emden geborene Otto Gerhard Waalkes, der an diesem Samstag 75 Jahre alt wird, ist und bleibt, was er war: Kindskopf, Witzbold, Blödelbarde, wobei man in altersmilden Feuilletons inzwischen auch vor dem Begriff Genie nicht zurückschreckt.

Irgendwas mit Elefanten – das wusste man sogar in Hollywood

Das mag etwas hochgegriffen sein, ein Multitalent ist dieser Otto allemal. So wie er singt und lacht, Verrenkungen und Grimassen macht, dichtet und blödelt, jodelt und knödelt, bei jeder Gelegenheit zur Gitarre greift, um etwas musikalisch zu kommentieren. Und dies alles in genau dem atemberaubenden Tempo, in dem er seine Cartoons aufs Papier schmeißt, wenn er nicht gerade, etwas zurückgelehnter, auf Leinwand Ottifanten in Settings von Salvador Dali oder Edward Hopper hineinmogelt.

Nicht zu vergessen die Schauspielkunst. Obwohl, dem „Spiegel“ gestand er anlässlich seiner „Catweazle“-Filmpremiere im Sommer 2021: „Was ich kann, ist, eine Figur um Ottotypisches zu ergänzen.“ Das geht auch nur mit der Stimme: In Hollywood, so erzählt Otto im Interview, kannte man ihn als deutschen Comedian, „der irgendwas mit Elefanten zu tun hat“. Also lag für die Macher des Animationsfilms „Ice Age“ nahe, dass er Manni, das Mammut, spricht. Otto aber entdeckte das Faultier Sid für sich – mit der Folge, dass auch in anderen Synchronfassungen des Welterfolgs die Fistelstimme mit der feuchten Aussprache nachgeahmt wurde.

Die ersten Fans werden also nicht die letzten sein, denn Otto hat immer wieder neue Generationen für sich gewonnen und dabei spielend den Medienwechsel von Langspielplatte bis hin zu Tiktok geschafft. Über Humortheorien und zielgruppenorientiertes Arbeiten möchte er sich aber keine Gedanken machen, denn: „Alles, was ich durchschaue, geht verloren.“ Wie konnte es dann nur so weit kommen?

Mit Udo Lindenberg in einer Männer-WG

Im Alter von sechs Jahren griff der Sohn eines Malermeisters und einer Baptistin im Bibelkreis das erste Mal zur Gitarre. In der Schule war er – na klar – der Klassenclown und karikierte die Lehrer. In Hamburg studierte er acht Semester lang Kunst und trat als Entertainer in Szenekneipen wie Onkel Pö auf. Über das Leben in der „Villa Kunterbunt“, einer 14-köpfigen Männer-WG mit unter anderem Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen, sagt er vielleicht nur halb im Scherz: „Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll – den Rest der Zeit haben wir Party gemacht.“

Zur lokalen Berühmtheit geworden, reichte es noch nicht zu einem Plattenvertrag, aber die erste Langspielplatte auf den selbst gegründeten Rüssl Räckords verkaufte sich gleich 500 000-mal. 1973 gelang Otto der Sprung ins Fernsehen. Was dann folgte, ist heute nur schwer vorstellbar. Die im Jahrestakt ausgestrahlten zehn „Otto-Shows“ erreichten bis zu zwanzig Millionen Zuschauer – wir hatten ja damals nichts anderes. Die daraus entstandenen Schallplatten mit auch schlüpfrigen Sprüchen landeten in den Giftschränken der Eltern – und fanden dennoch ihren Weg in die Köpfe der Kinder. Auf den Schulhöfen der Bonner Republik wurden, so gut es eben ging, Lektionen aus „English for Runaways – Englisch für Fortgeschrittene“ mit Übersetzungen wie „I’m hungry – Ich bin Ungar“ weitergesponnen.

Völlig unpolitisch, aber nicht nur doof

1985 dann „Otto – der Film“, mit 15 Millionen Zuschauern in West und Ost der bislang größte Kinohit der Nachkriegsgeschichte, der 2020 ein Nachspiel hatte, als er durch einen Streamingdienst eine inzwischen ganz andere Öffentlichkeit fand. Mit einem Mal stand wegen des N-Worts der Rassismusvorwurf im Raum. Die groteske Szene mit dem Fassbinder-Schauspieler Günther Kaufmann, der einen G. I. verkörpert, stammt vom Autorenteam Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Peter Knorr, Vertreter der Neuen Frankfurter Schule, satirische Wegbereiter von „Titanic“ und über jeden Rassismusverdacht erhaben.

Diese Sensibilität ist kein neues Phänomen. Schon unter Kanzler Helmut Schmidt wäre ein Witz über den Papst beinahe zur Staatsaffäre geworden. Doch trotz Reimereien wie „das Wasser ist trüb, die Luft ist rein, Franz Josef muss ertrunken sein“ war Otto in seiner infantilen Harmlosigkeit eigentlich völlig unpolitisch, aber eben nicht nur doof. Denn wie schrieb sein Wegbegleiter Robert Gernhardt („Mein Sechser im Lotto war Otto“)? „Nonsens ist kein schlichter Unsinn, sondern regelmäßig verweigerter Sinn, richtiger: nach einer Regel verweigerter Sinn.“

In Emden gibt es Ottifanten-Ampeln

Ja, es gab Phasen, in denen nur wenige Intellektuelle gesagt hätten: „Otto? Find ich gut!“ Bei den Sieben-Zwergen-Werken etwa muss man schon kräftig ins Sofakissen beißen. Und der Vorwurf, er würde immer wieder alte Witze aus der Mottenkiste herauskramen, begleitet Otto ein halbes Bühnenleben lang. Dabei vermostet er nicht nur eigene und entliehene Klassiker – man erinnere sich an „Dänen lügen nicht“ –, sondern er wird auch selbst von anderen reproduziert. Jüngst hat sein „Friesenjung“, im Ursprung eine Version von „Englishman in New York“, in einem von Ski Aggu und Joos überdrehten Techno-Rap-Mix die Spitze der Single-Charts erklommen. Aber es gibt noch höhere Weihen wie das 2018 verliehene Bundesverdienstkreuz. Und Emden mit seinen Ottifanten-Ampeln ist bereits seit 1987 mit Dat Otto-Huus eine Pilgerstätte für die Fans. Begegnen würde man dem Ostfriesen aber eher in Blankenese, wenn er nicht gerade in seiner Villa in Florida überwintert.

Trotz oder wegen des Erfolgs: Privat lief es nicht nur rund. Zwei Scheidungen sind zu verbuchen, was in Interviews selbstkritisch betrachtet einerseits mit Konfliktunfähigkeit zu tun habe. Andererseits mit Gefallsucht, wie schon zum Siebzigsten in „Kleinhirn an alle. Die große Ottobiografie“ zu lesen war, mit der gereiften Erkenntnis, dass sich das Aufhören jetzt auch nicht mehr lohne. Nach zuletzt wegen Corona abgesagten Auftritten hat Waalkes schon „Otto live – Die erste Abschiedstournee“ angedroht. Im Ernst? Na, dann: Holladihiti again!

Jubiläumsangebot

TV-Abend
ZDF Neo sendet am Samstagabend von 20.15 Uhr an vier Otto-Filme hintereinander. Empfehlenswerter aber ist wohl Otto auf der Bühne: Der WDR hat kurzfristig die ersten beiden „Otto-Shows“ von 1973 und 1974 ins Programm genommen. Vor den 45-Minütern wird von 22.30 Uhr an eine Hommage von Guido Cantz an „den größten Komiker Deutschlands“ gezeigt, eine Wiederholung von 2017.

Ausstellung
Wer seinen Urlaub nicht in Ostfriesland, sondern am Starnberger See verbringt: Bis zum 5. November ist im Buchheim-Museum in Bernried „Otto. Die Ausstellung“ zu sehen. Die Jubiläumsschau umfasst 200 Gemälde und Zeichnungen, ergänzt durch Schallplattencover, Filmplakate und Requisiten aus Ottos Universum.