Otto Rehhagel, Meister mit dem Aufsteiger 1. FC Kaiserslautern Foto: dpa

Der unterhaltsamste unter den besten Trainern hat wieder einen Grund zum Feiern. Wir gratulieren.

Bremen - Einer der Großen des Fußballs wird an diesem Donnerstag 80, dabei sieht er aus wie 60. Jedenfalls ist er rüstiger, als er es mit ungefähr 40 befürchtet hat – damals, als er mit dem Satz berühmt wurde: „Du musst als Trainer genug verdienen, um mit 50 in der Klapsmühle Erster Klasse liegen zu können.“

Wir haben Otto Rehhagel als Leibhaftigen erstmals erlebt, als er halb so alt war. 1979 gastierte er mit Arminia Bielefeld in Stuttgart, und vor dem Spiel gesellten wir uns zu ihm, als er an der Seitenlinie die VfB-Jungstars um Hansi Müller, Dieter Hoeneß und die Förster-Brüder beim Warmlaufen bewunderte. Vermutlich ahnte er schon, dass sie ihm gleich mit 5:1 den Kasten vollhauen würden. So eine Truppe wolle er auch einmal trainieren, schwärmte Rehhagel. „Wissen Sie“, sagte er, „mein Vater war Bergmann in Essen, immer am gleichen Ort, Zeche Helene. Nach 25 Jahren bekam er eine goldene Uhr, und dann ist er früh gestorben. Ich will mehr als die Schornsteine sehen.“

In Bremen schwebte er über allem

Er hat sich alle Träume erfüllt. Sein runder Geburtstag ist jetzt jeden Tusch wert, und vermutlich gratuliert Rehhagel sich zu seinem Ehrentag als Erster. Alles andere würde ihm als falsche Bescheidenheit ausgelegt, und diesem Vorwurf hat er sich nie ausgesetzt. In Bremen, dem Ort seiner größten Wunder, erzählt man sich noch heute folgenden Schwank über eine hitzige Sitzung der Werder-Bosse. „Der Chef bin immer noch ich!“, fauchte Präsident Böhmert. „Moment mal“, unterbrach ihn Manager Willi Lemke, „ich schmeiße hier den Laden, das hat mir der liebe Gott persönlich gesagt.“

„Was soll ich gesagt haben?“, fragte darauf Rehhagel.

Wenn der Kanzler um Erlaubnis fragt

Der Scherz kam der Wirklichkeit ziemlich nahe – denn sicher ist, dass Altkanzler Willy Brandt anlässlich einer Meisterfeier einst höflich fragte: „Herr Rehhagel, darf ich jetzt gehen?“ Neben dem gleichnamigen Komiker, der neulich 70 wurde, war Rehhagel der größte Otto im Land. Er hat so gut wie alles gewonnen – nicht einmal die höchste Niederlage hat er sich nehmen lassen, das 0:12 mit Dortmund gegen Gladbach anno ’78, mit dem er sich lange vor „Big Otto“ oder „Rehakles“ seinen ersten Spitznamen verdiente: „Otto Torhagel.“ Die Dortmunder haben ihn auf der Stelle entlassen, aber das gehört jetzt nicht hierher – nicht an seinem Geburtstag.

Schicken Sie ihm übrigens keine Blumen. Diesem Frieden hat Rehhagel nie getraut, sondern als Realist stets gesagt: „Wenn ich ein paar Spiele verliere, lassen die Leute an den Blumen, die sie mir zuwerfen, plötzlich die Töpfe dran.“ Das Misstrauen hat sich gelohnt: Europameister, Europacupsieger, DFB-Pokalsieger, dreimal Deutscher Meister. Zum Denkmal, behaupten seine Feinde, habe Otto nur die Einsicht gefehlt, dass nicht er den Fußball erfunden hat. Kritiker beschied er gerne: „Mit Ihnen diskutiere ich nicht über Taktik!“. Ende der Durchsage, gute Nacht.

Mit kugelsicherer Weste auf der Bank

So war er. Schon als junger Verteidiger. In den alten Schriften ist überliefert, dass seinetwegen auch die Zuschauer in den vorderen Reihen noch Schienbeinschützer trugen. „Bei mir zählen als Verletzungen nur glatte Brüche“, sagte er später, und 1982 hat er sogar Morddrohungen getrotzt, indem er sich bei einem Spiel in Biefelefeld mit einer kugelsicheren Weste auf die Trainerbank setzte.

Big Otto hasste Heckenschützen. Vor allem wir Griffelspitzer bekamen sein Erfolgsrezept („Ich bin ein erfahrener Cowboy, mir pinkelt keiner in die Satteltasche“) sauer zu spüren. Den ZDF-Reporter Ploog giftete er einmal an: „Schwachsinnige Frage.“ Ploog entgegnete: „Es gibt auch schwachsinnige Antworten.“ Interviews mit Rehhagel waren eine Mutprobe, und sein Streitgespräch mit dem TV-Reporter Fritz von Thurn und Taxis hat unter Feinschmeckern Kultstatus.

„Ich bin der erfahrenste Trainer der Bundesliga“, grätschte Rehhagel den Frager gleich eingangs ab, „mir brauchst Du hier nichts zu erzählen.“

„Aber Otto“, wehrte sich der Adlige, „Sie wissen doch, ich bin selbst auch schon lange dabei.“

„Aber Du hast nie Fußball gespielt“, schlug ihn Rehhagel an die Wand wie eine Stubenfliege.

„Doch“, widersprach Thurn und Taxis, „ich habe gespielt.“

„Ja, wo denn?“, gab ihm Otto den Fangschuss.

„Auch Basketball hab’ ich gespielt“, stammelte der TV-Mann und taumelte vollends groggy in die Seile, als ihn der Erfolgstrainer mitleidig musterte wie einen verarmten Adligen.

Journalisten haben einen schweren Stand

Wenn ihn ein Journalist nur nach der Uhrzeit fragte, witterte Rehhagel schon ein Komplott. Ein solches ergab sich dann irgendwann auch, als Rehhagel in Fachgespräche immer öfter seinen Hang zu nobler Kultur und schönen Gemälden einfließen ließ, Rilke zitierte und seine Neigung zu Mozart betonte, oder seine Freundschaft zu Placido Domingo. Der Schreiber hier gibt kleinlaut zu, dass er sich als Lästergosche damals auch schuldig gemacht hat und Rehhagels Schilderung eines Besuchs im Louvre mit dem unangemessenen Satz kommentierte: „Früher hat er für die Malerei noch eine Bockleiter gebraucht.“

Denn Maler und Anstreicher hat Rehhagel ursprünglich gelernt, als Arbeiterjunge in Essen. Dort lernte er auch seine Beate kennen, eine belesene Frau, und wusste bald alles über Sylt und Fifth Avenue, Romeo und Julia, er zitierte auch zusehends Hamlet, krönte später neben Franz Beckenbauer und Hansi Müller im Frack sogar den Wiener Opernball – und viele schwärmen noch heute davon, wie er seine Türklingel mit dem Namen „Rubens“ versah, als er den FC Bayern trainierte.

König Otto beim FC Hollywood

Sein Glück hat er beim FC Hollywood, wo man als Trainer gezwungen wird zur Duldung anderer Götter, nicht gefunden. Umso mehr hat er als selbsternannter „demokratischer Diktator“ mit der Philosophie „Bei mir kann jeder sagen, was ich will“ fast überall sonst gezeigt, dass er ein grandioser Trainer war und ein lodernder Motivationskünstler, der notfalls gellend durch die Finger pfiff. Weil er seinen Schwur gegenüber den Spielern („Ich kritisiere Sie als Fußballer, als Mensch sind Sie mir heilig“) stets eisern befolgte, gingen sie mit ihm durch dick und dünn.

Rehhagel ist übers Wasser gewandelt und hat daraus Wein gemacht. Kein normaler Trainer wäre mit dem 1. FC Kaiserslautern aufgestiegen und gleich Meister geworden. Oder mit den Griechen Europameister. Ottos Motto hieß: Hinten dicht, vorne hilft der liebe Gott – und an der Seitenlinie dessen Stellvertreter im Basislager des Fußballs, also er. Erst als er sich mit 73 noch Hertha BSC antat, begann der Otto-Motor zu stottern, was aber seiner Lebensleistung keinen Abbruch tut.

Legendäre Heimkehr

Otto Rehhagel hat sich seine Träume erfüllt. Er war ein Trainer von Welt. „Heute“, verriet er in einem seiner jüngeren Interviews, „kann ich mir alles Erster Klasse erlauben.“ Ohne Klapsmühle. Als Ständchen zum runden Geburtstag lassen wir deshalb den Jubelschrei nochmal aufleben, mit dem sich der ZDF-Reporter Rolf Töpperwien anno ’92 bei der Heimkehr der frischgebackenen Bremer Europacupsieger vom Flughafen meldete: „Jetzt! Jetzt betritt Otto Rehhagel deutschen Boden!“

Er war König Otto.

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