Gisela Kindleb bleiben nur noch wenige Tage in ihrer Wohnung. Nach der Räumung bangt die Rentnerin um ihre Existenz. Foto: Ines Rudel

Weil sie Tauben gefüttert haben soll, muss Gisela Kindleb ihre Vonovia-Mietwohnung in der Parksiedlung bis zum 15. Juli räumen. Die Rentnerin weiß nicht, wo sie dann leben soll, denn sie findet keine bezahlbare Unterkunft.

Ostfildern - Gisela Kindleb sitzt die Angst im Nacken:­ Angst vor der Obdachlosigkeit, Angst vor dem Existenzverlust und die Angst vor dem drohenden sozialen Totalabsturz. Die Sorgen der 68-Jährigen, die zu 80 Prozent schwerbehindert ist, sind berechtigt – und jeder Tag, der sie dem 15. Juli näher bringt, führt ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation vor Augen. Denn danach wird die Kündigung ihrer Mietwohnung in einem Wohnblock in der Ostfilderner Parksiedlung wirksam – ausgesprochen durch die Vonovia, Deutschlands größtem Wohnungsunternehmen.

Sollte sie die Wohnung bis dahin nicht geräumt haben, droht ihr die Zwangsvollstreckung – und das nur, weil sich die Tierliebhaberin eigenem Bekunden nach des Schutzes der Singvögel im Grünstreifen zwischen den Mehrfamilienhäusern angenommen hat. Die Vonovia und diverse Gerichtsinstanzen­ sehen es anders: Die Rentnerin habe es trotz mehrfacher Ermahnungen und Verbote nicht unterlassen, über Jahre hinweg Tauben zu füttern, so lautet der Vorwurf.

„Eine unglaubliche Unverhältnismäßigkeit“

Maria Nestele will Gisela Kindleb vor der Wohnungslosigkeit bewahren. Sie lebt ebenfalls in der Parksiedlung, wo sich die Frauen zufällig kennengelernt haben. Dass Maria Nestele beim Caritasverband Stuttgart den Fachdienst Hilfen für benachteiligte Frauen verantwortet, ist gleichfalls Zufall – ein glücklicher für Gisela Kindleb. In der täglichen Arbeit hat Maria Nestele schon viel erlebt: „Aber dieser Fall stellt selbst für mich eine unglaubliche Unverhältnismäßigkeit dar.“

Wie viele solcher Geschichten beginnt auch jene von Gisela Kindleb mit einem Nachbarschaftsstreit, der irgendwann eskalierte­. Eine Frau, die auf demselben Stockwerk wohnt, schwärzte sie über Jahre bei der Hausverwaltung und anderen Mietern damit an, dass sie Tauben füttere und damit maßgeblich für deren Vermehrung verantwortlich sei. „Dabei habe ich nur Meisenknödel aufgehängt und Vogelhäuschen mit Futter gefüllt“, beteuert Kindleb. Der Streit uferte aus, die Verwaltung – damals war das Haus just vom Unternehmen Gagfah in den Besitz der Vonovia übergegangen – schickte der 68-Jährigen mehrere Mahnungen und kündigte ihr schließlich Ende Mai 2016 fristlos die Wohnung – wegen­ Taubenfütterns.

Das Unternehmen Vonovia, das seien Sitz in Bochum hat, wirft Gisela Kindleb vor, sie habe die Tauben – unbeeindruckt von sechs Aufforderungen und Abmahnungen – „in größerer Form“ gefüttert und damit sogar Ratten angelockt, sagt die Konzernsprecherin Bettina Benner. Dass die 68-Jährige nun ihre Wohnung räumen müsse, sei „bedauerlich, denn uns ist nicht daran gelegen, gerichtliche Auseinandersetzungen mit unseren Kunden zu führen“. Aber in diesem Fall habe das Unternehmen „die Gesundheitsgefahren, auch für andere Kunden, sowie auch Schäden an den Gebäuden nicht tolerieren“ können.

Zum Leben bleiben noch 30 bis 40 Euro

Gisela Kindleb versteht indes nicht, wie es so weit hat kommen können. Sie habe sich nichts vorzuwerfen. „Ich habe keine Mietschulden und halte mich an die Hausordnung“, sagt Gisela Kindleb, die seit 25 Jahren in ihrer Wohnung lebt, die inzwischen 805 Euro Miete kostet: „Mit meiner Rente von 1000 Euro kann ich sie gerade so bezahlen.“ Zum Leben blieben ihr monatlich lediglich 30 bis 40 Euro, rechnet sie vor. Schon seit Jahren suche sie für sich, ihre Katze und ihre beiden Wellensittiche eine andere Wohnung. Vergeblich, inzwischen sei sie völlig verarmt. Zudem leide sie an Asthma, Bluthochdruck und Herzproblemen. Und durch den jahrelangen Streit sei sie „psychisch und körperlich am Ende“. Momentan wünscht sie sich nur noch, „dort wohnen bleiben zu dürfen, bis ich etwas­ anderes gefunden habe“, sagt Gisela Kindleb und fügt resignierend hinzu: „Aber etwas anderes zu finden, das für mich bezahlbar ist, ist nahezu unmöglich.“

Das weiß auch Maria Nestele. Mit 1000 Euro Rente habe man auf dem leer gefegten Wohnungsmarkt in der Region Stuttgart „schlechte Karten“. Selbst eine kleine Bleibe sei nicht zu ergattern: „Günstiger Wohnraum für Menschen, die in Armut leben, ist nicht existent“, sagt sie.

Zunächst gab sich Gisela Kindleb noch kämpferisch. Gegen die Kündigung hatte sie am Amtsgericht Esslingen Widerspruch eingelegt, vertreten wurde sie durch eine Rechtsanwältin, die ihr der örtliche Mieterbund vermittelt hatte. Zunächst bekam sie recht, aber in der zweiten Instanz siegte die Vonovia. Im Zuge einer weiteren, von ihr angestrengten Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Stuttgart habe sie ihren Einspruch schließlich „auf Druck“ zurückgezogen. „Ich hatte keine Wahl“, klagt Gisela Kindleb, ihre Rechtsvertreterin habe ihr klargemacht, dass sie keine Prozesskostenhilfe zu erwarten habe und wenig Aussicht auf eine für sie erfolgreiche Berufungsverhandlung bestehe.

Vonovia gewährt keinen Aufschub für die Räumung

Maria Nestele weiß, dass Menschen, „die kein Geld haben und keine Beziehungen“ in solchen Fällen meist chancenlos sind. Deshalb will sie Gisela Kindleb helfen. Doch „juristisch ist die Sache durch“, erklärt die Caritas-Fachdienstleiterin. Das habe ein Anwalt bestätigt, den sie kürzlich gemeinsam mit der 68-Jährigen aufgesucht habe. Nur wenn die psychische Belastung eine Gefährdung für Kindlebs Leib und Leben darstelle, „könnte eventuell ein Räumungsschutz gewährt werden“, so die Einschätzung des Juristen.

Die Vonovia-Sprecherin Bettina Benner sagt, der Konzern könne Gisela Kindleb keinen Aufschub für die Räumung gewähren. Doch man habe am Dienstag Kontakt zum sozialen Dienst der Stadtverwaltung Ostfildern aufgenommen. Dieser wolle „der Frau nun helfen“. Maria Nestele versteht das nicht. Ihrer Ansicht nach wäre es für die Vonovia „ein Leichtes, auf eine Räumung der Wohnung zu verzichten, bis Frau Kindleb eine Alternative gefunden hat“.

Sollte Gisela Kindleb obdachlos werden, „ist die Stadt verpflichtet, sie unterzubringen“, erklärt der Oberbürgermeister Christof Bolay (SPD), der den Fall kennt. In eine Fürsorgeunterkunft Haustiere mitzubringen, sei allerdings „nicht so einfach“. Doch nichts wünscht sich Gisela Kindleb sehnlicher, als ihre Tiere behalten zu können – und „dort zu leben, wo ich verwurzelt bin“.

Das Geschäftsgebahren der Vonovia löst Ärger aus

Konzern
Mit knapp 400 000 Einheiten ist die Vonovia das größte deutsche Wohnungsunternehmen. Der Konzern mit Verwaltungssitz in Bochum­ wurde 2001 gegründet und ist seit 2013 börsennotiert. Vonovia beschäftigt rund 8400 Menschen.

Geschäfte
Die Vonovia kauft preiswerte Wohnungen von Gesellschaften oder anderen Unternehmen auf und saniert sowie modernisiert diese, was meist mit einer Mieterhöhung für die Kunden einhergeht. Im vergangenen Jahr meldete die Vonovia einen Gewinn von rund 921 Millionen Euro.

Kritik
Auch in Esslingen, Stuttgart oder Konstanz hat der Vermieterkonzern Ärger verursacht, weil er Sanierungen seiner Wohnungen angekündigt hat. Die Kunden werfen Vonovia unter anderem vor, zu hohe Mieten zu verlangen, undurchsichtige Nebenkostenabrechnungen zu stellen sowie überzogene Betriebskosten zu verlangen und teure Modernisierungen durchzuführen.

Videobotschaft
Jüngst hat der Konstanzer Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) eigens­ ein Protestvideo veröffentlicht, in dem er das Vorgehen der Vonovia in Wohnungen in Konstanz-Wollmatingen als unangemessen und unanständig kritisiert.

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