Für 13 Oscars nominiert: „Shape of Water – Das Flüstern des Wassers“ von Guillermo del Toro mit Sally Hawkins, die darin einen Amphibienmann liebt Foto: Twentieth Century Fox

Rund ein Dutzend angloamerikanische Filme machen auch in diesem Jahr das Rennen um die Oscars unter sich aus, starke Frauen und ein Fokus auf Minderheiten prägen das Bild. Fatih Akins Traum vom Auslands-Oscar ist geplatzt: Sein NSU-Drama „Aus dem Nichts“ ist nicht nominiert.

Stuttgart - Die schlechte Nachricht zuerst: Fatih Akin ist mit seinem NSU-Drama „Aus dem Nichts“ nicht für den Auslands-Oscar nominiert. Das liegt natürlich vor allem an der starken Konkurrenz: Ins Rennen gehen unter anderen die schwedische Satire „The Square“, das chilenische Transgender-Drama „Eine fantastische Frau“ und das ungarische Schlachthaus-Drama „On Body and Soul“, das 2017 den Goldenen Bären der Berlinale gewonnen hat.

Das freilich ist nur ein Nebenaspekt bei der Verleihung der wichtigsten Filmpreise der Welt. In den Hauptkategorien konkurrieren wie immer rund ein Dutzend substanzieller Filmkunstwerke miteinander, die sich Amerika jedes Jahr leistet – jenseits des Blockbuster-Einerleis aus Hollywood. Diesmal sind alle wirklich wichtigen Werke auch als bester Film nominiert.

Die Regie-Debütantin Greta Gerwig ist als beste Regisseurin nominiert

Zu den großen Favoriten zählt Martin MacDonaghs („Brügge sehen . . . –und sterben?) schwarze Südstaaten-Tragikomödie „Three Bilboards outside Ebbing, Missouri“, der Regisseur ist auch für sein Drehbuch nominiert, außerdem Frances McDormand als unbeugsame Mutter einer ermordeten Tochter sowie in Nebenrollen Woody Harrelson als Sheriff und Sam Rockwell als dessen Deputy. In insgesamt 13 Kategorien tritt Guillermo del Toros Fantasy-Liebesdrama „Shape of Water“ an, eine Hommage an die Goldene Ära Hollywoods über die Liebe zwischen einer stummen Frau und einem Amphibienmann aus dem Amazonas. Auch del Toro ist für sein Drehbuch nominiert, dazu die Britin Sally Hawkins („Happy Go Lucky“) als Hauptdarstellerin sowie Octavia Spencer und Richard Jenkins in tragenden Nebenrollen.

Regie-Debütantin Greta Gerwig („Frances Ha“) geht mit ihrer Highschool-Tragikomödie „Ladybird“ sowohl in der Kategorie Originaldrehbuch wie auch gleich für ihre Regie ins Rennen, Saoirse Ronan für ihre Rolle als unangepasstes Mädchen als beste Hauptdarstellerin, Laurie Metcalf als Mutter. Damit nicht genug der Frauenpower: Wie gefühlt eigentlich immer ist Meryl Streep nominiert, die in Steven Spielbergs Drama „Die Verlegerin“ die Erbin der Washington Post spielt, die sich in den 60er Jahren aus ihrer Komfortzone wagt und alles riskiert, als ihre Redaktion brisante Verstrickungen zum Vietnamkrieg auftut.

Christopher Plummer, der Kevin Spacey ersetzt hat, geht ins Rennen

Unberechtigt wäre es indes, die starke weibliche Präsenz im Oscar-Feld zu stark mit der #Metoo-Debatte zu verknüpfen. Alle Genannten haben ihre Nominierungen allein für ihre bemerkenswerten Leistungen verdient. Eine Wahl allerdings ist schon von pikanter Symbolik: Christopher Plummer darf mit dem Getty-Entführungsdrama „Alles Geld der Welt“ als bester Nebendarsteller antreten – Regisseur Ridley Scott hatte ihn kurzfristig zum Nachdreh verpflichtet, um den #Metoo-belasteten Kevin Spacey aus dem Film herausschneiden zu können.

Ein bemerkenswertes Paar bilden die Weltkriegsdramen „Dunkirk“ und „Die dunkelste Stunde“: Sie erzählen von unterschiedlichen Seiten des Ärmelkanals aus, wie die bei Dünkirchen von deutschen Truppen umzingelte britische Armee gerettet wurde. Christopher Nolan („Inception“), auch als Regisseur nominiert, erzählt die Geschichte aus Sicht der Soldaten zur Musik des bereits zum elften Male berücksichtigten deutschen Komponisten Hans Zimmer, Joe Wright („Abbitte“) aus Sicht des britischen Premierministers Winston Churchill, der die Appeasement-Politik gegenüber Hitler beendete. Gary Oldman zeigt in der Hauptrolle eine starke Leistung und ist folgerichtig ebenfalls im Oscar-Rennen.

Ins London der Nachkriegszeit entführt P.T. Anderson in „Der seidene Faden“, in dem eine Frau einen Star-Schneider gründlich durcheinanderbringt. Anderson ist auch für die Regie nominiert, außerdem Daniel Day-Lewis („Lincoln“), der als einziger Schauspieler überhaupt bereits drei Hauptrollen-Oscars hat. Dies könnte sein letzter werden: Er hat 2017 verkündet, nicht mehr als Schauspieler arbeiten zu wollen.

Daniel-Day ist womöglich zum letzten Mal dabei

Zur Oscar-Balance gehört seit den Protesten von Afroamerikanern, die sich zurecht unterrepräsentiert fühlten, dass mindestens ein Film aus ihrer Sphäre berücksichtigt wird. 2017 wurde das Unterschicht-Drama „Moonlight“ gleich zum besten Film gekürt, diesmal nun geht der Afroamerikaner Jordan Peele mit dem satirischen Mystery-Horror-Thriller „Get Out“ an den Start, auch in der Kategorie beste Regie. Ebenfalls nominiert ist sein Hauptdarsteller Daniel Kaluuya.

Eine Art Geheimfavorit in der Konkurrenz um den besten Film dürfte das schwule Drama „Call me by your Name“ des italienischen Regisseurs Luca Guadagnino sein. Seine mit James Ivory verfasste Drehbuch-Adaption des Romans von André Aciman ist ebenso nominiert wie sein heute 22-jähriger Hauptdarsteller Timothée Chalamet, der auch in „Ladybird“ zu sehen ist und nun wohl richtig Karriere machen wird.

Deutschland steuert immerhin einen Kurzfilm bei

Beim Animationsfilm ist – wie eigentlich jedes Jahr – Pixar/Disney nominiert, mit dem mexikanischen Ausflug ins Reich der Toten in „Coco“ völlig zurecht. Nicht minder verdient in die Konkurrenz berufen wurde „Loving Vincent“ von Dorota Kobiela und Hugh Welchman, die real gedrehte Szenen in akribischer Kleinarbeit in fließende Gemälde im Stil Vincent van Goghs verwandelt haben.

Neben Hans Zimmer gibt es weitere gute Nachrichten aus deutscher Sicht: Jakob Schuh und Jan Lachauer, Absolventen der Ludwigsburger Filmakademie, sind mit ihrer Roald-Dahl-Adaption „Revolting Rhymes“ nominiert, in der bekannte Märchenfiguren wie Schneewittchen, Rotkäppchen und der böse Wolf aufeinandertreffen. Katja Benrath aus Lübeck, die 2017 bereits einen Studenten-Oscar gewann, ist mit ihrem Kurzspielfilm „Watu Wote/All of us“ nun in der Kategorie bester Kurzfilm dabei. Und die SWR-Kino-Koproduktion „Die letzten Männer von Aleppo“ des syrischen Regisseurs Feras Fayyad ist in der Kategorie Dokumentarfilm nominiert. Der Film zeigt die Arbeit der freiwilligen Ersthelfer im Bürgerkrieg.

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