Hollywood widerlegt alle Vorurteile, kürt das harsche Sklaven-Drama „12 Years A Slave“ zum besten Film und ehrt Alfonso Cuarón dafür, dass er in „Gravity“ die Möglichkeiten des Mediums voll ausspielt. Die Gewinner der Oscars 2014 sind die Kunstform Film und ihr magischer Ort, das Kino.

Hollywood widerlegt alle Vorurteile, kürt das harsche Sklaven-Drama „12 Years A Slave“ zum besten Film und ehrt Alfonso Cuarón dafür, dass er in „Gravity“ die Möglichkeiten des Mediums voll ausspielt. Die Gewinner der Oscars 2014 sind die Kunstform Film und ihr magischer Ort, das Kino.

Los Angeles – „Es gibt zwei Möglichkeiten“, sagt mit triefender Ironie Moderatorin Ellen DeGeneres gleich zu Beginn der Oscar-Show: „Entweder ,12 Years A Slave‘ wird der beste Film, oder ihr seid alle Rassisten.“ Auch wenn noch niemand das Ergebnis kennt: Die politisch gerne so korrekte Hollywood-Prominenz kann über sich selbst lachen – und dem Film ohne Wenn und Aber applaudieren.

Ohne jede Weichzeichnung zeigt Regisseur Steve McQueen die menschenverachtende US-amerikanische Sklavenhaltung nach Solomon Northups gleichnamigem autobiografischem Roman. Es ist die Geschichte eines freien Afroamerikaners im Jahr 1941, der in die Südstaaten gelockt und von Menschenhändlern verkauft wird.

Und gerade weil „12 Years A Slave“ so umbarmherzig die schmutzige Vergangenheit zeigt, ist der Film nicht nur ein historisches Dokument, sondern ein Nachweis für die Relevanz des Kinos der Gegenwart. Dass die rund 600 Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences diesem Werk den Oscar zuerkannt haben, zeugt von Mut und Selbstbewusstsein. Sie hätten es sich leichter machen können, etwa mit „American Hustle“ oder „The Wolf Of Wall Street“.

Steve McQueen hüpft vor Freude auf der Bühne im Dolby Theatre, er dankt speziell seinem Produzenten Brad Pitt, „ohne den dieser Film einfach nicht gemacht worden wäre“, und erklärt: „Jeder Mensch hat es verdient, nicht nur zu überleben, sondern zu leben!“ Fürs beste adaptierte Drehbuch wurde zudem John Ridley ausgezeichnet, Lupita Nyong’o als beste Nebendarstellerin für ihr herzzerreißendes Auftreten als junge Sklavin. Aus den Händen von Christoph Waltz nimmt die junge Kenianerin die goldene Statuette entgegen, sie ist ehrlich überwältigt von den Ovationen, weint und formuliert dann das amerikanische Credo: „Egal, woher ihr kommt, eure Träume gelten etwas!“

Hauptdarsteller Chiwetel Ejiofor ging leer aus, wie schon bei den Golden Globes ging der Preis an Matthew McConaughey („Der Mandant“), der im Charakterfach angekommen ist. Er hat sich 15 Kilo abgehungert und spielt in „Dallas Buyers Club“ einen aidskranken Rodeoreiter in den ­1980er Jahren, der mangels medizinischer Hilfe zur Selbstmedikation greift – noch so ein harter Stoff mit autobiografischer Basis, brillant inszeniert von Jean-Marc Vallée. Und mit einem glänzend aufgelegten Jared Leto als transsexuellem Pierrot namens Rayon, der sich mit McConaugheys zunächst homophober Figur die Bälle zuspielt – und nach dem Golden Globe dafür nun auch den Oscar für den besten Nebendarsteller bekommen hat.

Eine der weiblichen Hauptrollen des Jahres war die in Woody Allens „Blue Jamine“. Cate Blanchett spielt darin eine derangierte Luxusfrau, die nach der Inhaftierung ihres Investoren-Mannes ins Unterschicht-Dasein ihrer Schwester geschleudert wird. Blanchett füllt die Leinwand als gespaltene Persönlichkeit, die vor sich hin redet, potenzielle Neu-Gatten zielsicher ortet, aber ein menschliches Wrack ohne echte Identität it. Den Oscar hat sie verdient – auch in einem starken Feld mit Amy Adams, Judi Dench und Meryl Streep. Für Blanchett gilt die Unschuldsvermutung: Sie dankt Woody, der Applaus ist eher verhalten – dabei ist er für die im Raum stehenden Missbrauchsvorwürfe noch nicht einmal angeklagt.

Besonders viel Leinwand-Magie versprühte 2013 der Mexikaner Alfonso Cuarón („Children Of Men“) in seinem Weltraum-Drama „Gravity“, für das er nun den Regie-Oscar bekommen hat. Er zeigt, wie verletzlich die menschliche Technik im All ist, er bleibt in Bild und Klang hart an seiner Protagonistin Sandra Bullock, blickt mal aus ihrem Blickwinkel auf die Erde und beobachtet sie dann wieder von Ferne als winziges Pünktchen. Zudem ist „Gravity“ einer der ganz wenigen Filme neben „Avatar“, die zeigen, dass Stereoskopie nicht nur Geldmacherei ist, sondern dem Film einen neue Dimension verleihen kann. Cuarón macht die Tiefe des Raumes physisch spürbar und die Enge der Kapseln, er lässt Helme, Werkzeuge, Funkenbälle und Blutstropfen durch die Schwerelosigkeit treiben – und einmal eine Träne.

Auch die Oscars für Kamera, Schnitt, Ton, Filmmusik, Tonschnitt und visuelle Effekte gingen an „Gravity“ – womit einmal mehr bewiesen wäre, dass die sogenannten technischen Kategorien eben auch künstlerische sind.

Die Show ist nahezu perfekt wie immer. Kevin Spacey imitiert seine Politiker-Rolle in der TV-Serie „House Of Cards“, Jim Carrey verkündet, fliegende Elefanten und tanzende Pinguine gäbe es nur dank LSD – bis er seine Brille aufsetzt und korrigiert: „Animation ist es, Animation!“ Moderatorin ­DeGeneres tummelt sich gerne im Saal, macht ein Star-Gruppenfoto mit Meryl Streep im Zentrum, mit dem sie Twitter lahmlegt, bestellt Pizza und verteilt sie („Julia (Roberts) wants cheese!“) und sammelt später mit Pharell Williams’ Wildhüter-Hut Geld dafür ein.

Dass Willliams seinen Welthit „Happy“ aus „Ich, einfach Unverbesserlich 2“ zwar mit vielen Tänzern live zelebrieren darf, den Oscar für den besten Song aber nicht bekommt, zählt zu den Überraschungen der Oscar-Night. Auch die deutschen Hoffnungen der Ludwigsburger Filmakademie-Absolventen Max Lang und Jan Lachauer („Room On The Broom“) gingen nicht in Erfüllung: Zum besten animierten Kurzfilm wurde die französische Produktion „Mr. Hublot“ gekürt, eine wunderbare Parabel über Menschlichkeit in einer durchtechnisierten Welt. Im Zweifel für das größere Thema – nicht das schlechteste Motto für eine sich selbst feiernde Unterhaltungsbranche.