Im Kollektiv gegen die ungleiche Verteilung von Eigentum: Szene aus „Oratorium“ Foto: Benjamin Krieg/HAU

Das Publikum macht die ganze Zeit mit: Die Berliner Theatertruppe She She Pop hat mit „Oratorium“ im Kammertheater gastiert.

Stuttgart - Während zum Fußballspiel zwischen Deutschland und Schweden draußen vor dem Kammertheater die Nationalflaggen an den Autos und in den Händen der Passanten flatterten, wehten drinnen auf der Bühne viele Fahnen und ein ganz anderer Wind. Mit „Oratorium“, einer Koproduktion von zehn Bühnen, brachte die experimentierfreudige Berliner TruppeShe She Popeine „Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis“ auf die Bühne – und zwar im Bund mit dem Publikum.

Um das Geheimnis gleich zu lüften: Es ging ums Geld. Um Besitz, ums Erben und dezidiert um Wohneigentum. In einer Stadt mit massivem Mangel an bezahl­barem Wohnraum ein heißes Eisen. Für Bezüge zur Situation vor Ort sorgte die Einbindung von sechs „lokalen Delegierten“. Die einheimischen Laien ergänzten das siebenköpfige Team aus regieführenden Darstellern mit heiligem Ernst. Doch zunächst war das Publikum gefordert. Den eingeblendeten Aufforderungen auf der Bühnenrückwand folgend, las es den Prolog laut ab. Mal waren die Mütter mit mangelhafter Altersvorsorge an der Reihe, mal die Selbstständigen, die Kommunisten und Sozialisten, dann die Skeptiker und immer wieder: alle. Das muss man erst einmal hinbekommen, dass die Zuschauer als vielstimmiger Chor agieren und Akteure bleiben, wenn das eigentliche Spiel beginnt.

Nach dem Aufmarsch des erweiterten She-She-Pop-Ensembles als Fahnen- und Standartenträger wird zunächst die Rollenaufteilung verhandelt. Das Publikum liest: „Wer seid ihr?“ und „Wer spricht für wen?“ Die auf der Bühne antworten: „Wir sind der Protagonist.“ Live begleitet und rhythmisch getaktet vom Vibrafon und einer Trompete geht es mit politischer Aufklärung weiter. „Katechismus vom Eigentum“ und die „Lüge von der Leistungs­gesellschaft“ lauten die Kapitel.

Jeder muss seinen Weg finden, ob arm oder reich

Die darin enthaltenen Zitate aus der bundesdeutschen Politik werden zeitlich und namentlich kenntlich gemacht. Wenn es so etwas wie eine Handlung gibt, puzzelt sich diese in der dreiteiligen „Fabel von der Entmietung“ zusammen. Passend, dass die Fahnen nun Umhänge sind, zeltartige Behausungen. Nur eine Standarte mit dem Emblem einer Überwachungskamera bleibt in ihrem Gestänge.

Es geht um Gentrifizierung, um den Zwiespalt zwischen persönlichem Vorteil und Gewissen. Auch das tritt auf. Als sei’s eine Figurine aus Oskar Schlemmers „Triadischem Ballett“. Dass beim Thema Besitz und Güterverteilung niemand unbeteiligt bleibt, ist nur folgerichtig. Auf der Bühne oder im Zuschauerraum – jeder muss einen Weg finden, mit seinem Eigentum umzugehen, ob reich oder arm. Schade nur, dass das Spiel bei allem Mitmachspaß letztlich vorhersehbar verläuft, vom Publikum mittels eingeblendetem Text längst ausgesprochen. Es macht brav alles mit. Da keimt der Wunsch, einer möge ausscheren, seinen eigenen Text hinausprusten oder mindestens ein Darsteller den Rahmen sprengen. Nichts dergleichen. Und so mündet der Dialog nach der politisch korrekten Utopie, der einzige Besitz mögen die Gedanken sein, in einen Epilog, den erwartungs­gemäß das Publikum bestreitet. Summend, leiser werdend bis zur Stille!

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