Opernpremiere in Basel Von der Harmonie des Lebens

Von Susanne Benda 

Stets in Bewegung: die Kompanie Eastman im Theater Basel Foto: Sandra Then/Theater Basel
Stets in Bewegung: die Kompanie Eastman im Theater Basel Foto: Sandra Then/Theater Basel

Kann es gelingen, ein zentrales Opernwerk der Minimal Music fast vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung mit neuen Leben zu erfüllen? Ja, es kann! Dem Theater Basel gelingt dank der Regie des Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui ein echter Coup.

Basel - Fallen und aufstehen. Immer wieder: fallen und aufstehen. Rund um die quadratische Spielfläche auf der Bühne des Basler Theaters, die später eine Schräge ist und sich auch einmal wirkungsvoll hebt, sitzen Chorsänger, Tänzer und Solisten. „Erachte als gleich Vergnügen und Schmerz, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage“, fordert Gandhi. Gesungen werden Sätze aus der „Bhagavad Vita“, der heiligen Schrift des Hinduismus, und in ihrer Mitte beginnen drei Tänzer mit der Bewegung, die den dreieinhalbstündigen Abend prägen wird.

Fallen und aufstehen. Das tut auch die Musik, die der US-amerikanische Komponist Philip Glass komponierte: Am Pult des Sinfonieorchesters Basel steht Jonathan Stockhammer, ein hochkompetenter und profilierter Dirigent selbst stark komplexer zeitgenössischer Musik. Er sorgt dafür, dass die aneinandergereihten Dreiklänge und die mal ganztönigen, mal chromatischen Skalen von Glass Oper „Satyagraha“ präzise fallen und wieder aufstehen, dass die Harmonie- und Farbwechsel der Musik ebenso auf den Punkt kommen wie die kleinen Veränderungen und Verschiebungen. Denn sonst bliebe ja der Sog aus, das Trancehafte, all das, was dieses Werk der Minimal Music braucht und was sie auszeichnet.

Es gibt ein paar Momente, in denen die Bewegungen der Streicher ein wenig zerfasern, es gibt auch Passagen, in denen die Bläser sehr rasche, kleinteilige Tongruppen nicht in vollständigem Konsens in eine Endlosschleife treiben. Dass Stockhammer sie alle immer wieder zusammenbringt, ist ein bewundernswerter Akt der Konzentration, und mit ihrer Hilfe schafft er die Basis für ein kleines, kaum für möglich gehaltenes Wunder theatralischen Wiederbelebung.

Die Augen des Publikums bekommen reichlich Futter

Weil deren szenischer Sachwalter ein Choreograf ist, erobert „Satyagraha“ in Basel den Raum. Dort wird es zum Schau-Stück: Sidi Larbi Cherkaoui lehrt Glass’ klingende Bilder über Lebensstationen Mahatma Gandhis das Laufen. Die Augen des Publikums bekommen reichlich Futter, ständig ist auf der Bühne irgendetwas los. Im Gegensatz zu seinem legendären Regisseurs-Vorgänger Achim Freyer 1981 in Stuttgart schafft Cherkaoui keine visuellen Entsprechungen zur Statik des musikalischen Minimalismus, sondern greift mit zwölf Tänzern vielmehr das musikalische Prinzip der subtil variierten Wiederholungen auf. Mit weichen, fließenden Bewegungen, in denen besonders der ausdrucksstarke Einsatz der Hände und Arme auffällt, spiegeln die Mitglieder von Cherkaouis Eastman-Kompanie auf der Bühne den wellenförmigen Charakter der aufgelösten musikalischen Akkorde wider.

So wie der Komponist sich im Rückblick ästhetisch auf konventionellem Terrain bewegt, so fußt auch Cherkaouis Bewegungsvokabular auf dem klassischen Ballett, und so wie Glass Klangfarben wechselt und pathetische Steigerungen konzipiert, so zeigt auch der inszenierende Choreograf seine Figuren mal einzeln, mal in wechselnden Gruppenkonstellationen.

Bretter werden herumgetragen, sie formen Räume. Meldebescheinigungen werden verbrannt, bunte Farbe wird schreitend auf den Boden getropft; das mag das Salz von Gandhis berühmtem Salzmarsch sein. Cherkaoui nötigt „Satyagraha“ keine Geschichte auf, die das Stück tatsächlich ja auch gar nicht erzählen will, sondern unterfüttert szenisch die assoziative Szenenfolge, und manchmal verlässt er dabei sogar kurz augenzwinkernd den tiefen Ernst der Vorlage. „Ah!“, steht auf einem Schild, das die wunderbare Sopranistin Cathrin Lange als Miss Schlesen einmal hochhält, und so singt sie dann auch: „Ah!“, mit schlanker, präziser, strahlende Höhe.

Die Askese Achim Freyers, die deutlich auch das Thesenhafte der zitierten hinduistischen Lebensweisheiten hervorhob, ist dem Choreografen fremd. Auch um Konkretisierung geht es ihm nirgends. Seine Deutung will eigentlich keine sein, sondern Darstellung in Bild und Bewegung. Darin liegt etwas durchaus Kulinarisches, manchmal sogar etwas vom unterhaltenden Zuviel eines Musicals. Mit guten Gründen kann man sich aber auch hineinfallen lassen in den hermetischen Klang- und Bewegungskosmos des Abends, und tatsächlich gehört das Kulinarische ja auch zu Glass’ Musik.

Lesen Sie jetzt