Claudia Mahnke und Falk Struckmann bei der Probe (v. oben). Die verkohlten Bäume kommen aus der Spraydose. Das Boot wird auf die Bühne gerollt. Elektriker haben an der Hallendecke 60 Scheinwerfer installiert. Foto: Staatsoper Stuttgart/(c) Matthias Baus

Die Stuttgarter Interimsoper zieht nicht ins Alte Paketpostamt. Trotzdem wird dort Oper gemacht. Eine Herausforderung für alle.

S-Nord - Der Ort liegt im Niemandsland – ein gutes Stück von der nachts hell erleuchteten Stadt entfernt. Die Halle ist groß: so groß, dass man kaum vom einen Ende zum anderen sieht. Das Alte Paketpostamt an der Ehmannstraße ist wie geschaffen für „Herzog Blaubarts Burg“. Dorthin verlegt Installationskünstler und Regisseur Hans Op de Beeck Béla Bartóks Oper. Für alle Mitwirkenden ist die Inszenierung an dem noch nie bespielten Ort eine enorme Herausforderung.

Die Bühne in der riesigen Halle wurde abgetrennt – und immer noch ist sie riesig und vor allem schwarz: die Felsen sind schwarz, der Sand ist schwarz, die Boote und die laublosen Bäume. Schwarz ist das Wasser und schwarz der Steg dorthin: Eine Szenerie, so düster wie im schlimmste Albtraum. Und in die tauchen die Zuschauer ein, werden Bestandteil des großen Ganzen: Von den Statisten wird das Publikum in Gruppen durch den düsteren Raum geführt. Um zu den Plätzen zu gelangen, muss durch Wasser gewatet werden. Damit das trockenen Fußes passiert, gibt es Überschuhe. Damit niemand friert, werden Decken verteilt.

Ursprünglich sollte die Inszenierung an dem ungewöhnlichen Ort ein Testlauf sein für den Fall, dass die Interimsoper ins Paketpostamt zieht. Die Idee ist vom Tisch, die geplanten vier Aufführungen von „Herzog Blaubarts Burg“ finden trotzdem dort statt. Für den Aufbau sind seit Oktoberbeginn täglich zwei Lkw der Staatstheater Stuttgart beim Paketpostamt vorgefahren, haben unter anderem acht Tonnen Sand, das Material für den Holzsteg und die Boote, die gesamte Licht- und Tontechnik mit vielen Kilometern Kabeln und mehr als 60 Scheinwerfern angeliefert.

Fällt die Routine weg, wächst das Miteinander

Das Kernteam, das später mit Bravos oder Buhs vom Publikum für seine Arbeit bedacht wird, ist relativ klein. „Mit nur zwölf Leuten eine Oper auf die Beine zu stellen, das ist eine ganz neue Herausforderung. Sonst sind wir etwa doppelt so viele“, sagt Philine Tiezel. Sie ist Regieassistentin und Produktionsleiterin in einer Person. Damit alles läuft, macht einer auch mal Jobs, die nicht zu seinen Aufgaben gehören. Und wenn es soweit ist, wird Tiezel mit anpacken, um die 444 Stühle für die Zuschauer aufzustellen.

In dem ungewohnten Umfeld könne man sich nicht auf die Routine verlassen. Dadurch wachse der Zusammenhalt, stellt Andrea Holländer fest. Sie ist für die 16 Statisten und Statistinnen zuständig. Eine davon ist Ilse Rucki. Sie steht seit 48 Jahren am Staatstheater Stuttgart meist schweigend im Hintergrund auf der Bühne. Diesmal ist es anders: Sie und ihre Kollegen bekommen eine Stimme und erzählen ihrer Zuschauergruppe, was in „Herzog Blaubarts Burg“ auf sie zukommt: Eine Frau und ein Mann fühlen sich unwiderstehlich zu einander hingezogen – und ahnen doch, dass es kein Glück für sie gibt. „Klar werde ich Lampenfieber haben, wenn ich vor Publikum reden muss. Aber ich freu mich drauf“, sagt Ilse Rucki.

Hinter dem durch schwarze Vorhänge abgetrennten Bühnenraum singt sich Falk Struckmann für seinen „Blaubart“ warm. Bühnenpartnerin Claudia Mahnke, die die Judith singt, spricht mit den Statisten. Die lernen ihren Text. Dirigent Titus Engel fährt mit dem Fahrrad durch die Halle zur Bühne: eine Probe ohne Orchester, nur mit Begleitung am Flügel. „Es ist toll mit dem Orchester so nah am Publikum zu sein“, sagt er. Denn nicht nur das Publikum auch das Orchester ist ins Bühnenbild integriert. Die Aufführung im Paketpostamt unterscheidet sich für Engel von Aufführungen in Opernhäusern dadurch, dass er sich auf die andere Akustik einstellen muss. „Durch die Auskleidung des Raums mit Holz und Molton klappt das “, sagt er.

Die Akustik macht auch Tiezel zu schaffen. Sie bittet auch außerhalb des Bühnenraums um Ruhe, da selbst sehr leise Gespräche die Probe stören. „Man hört alles, was in der Halle passiert “, stellt sie fest. Sobald es ernst wird, werden die Mitarbeiter des Restaurantbetriebs deshalb ermahnt, erst mit Gläsern und Tellern zu hantieren, wenn das Publikum applaudiert. Und das wird es vermutlich begeistert tun. Denn es bekommt einen spannenden Opernabend in außergewöhnlicher Umgebung geboten. Eigentlich schade, dass es im Alten Paketpostamt mit der Interimsoper nichts wird.

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