Opernhaus Stuttgart mit herabgestürzten Dachteilen Foto: dpa/Marijan Murat

500 Quadratmeter Dach abgedeckt, 10000 Liter Wasser im Gebäude – so geht es im Opernhaus Stuttgart nicht weiter, kommentiert „Stuttgarter Nachrichten“-Titelautor Nikolai B. Forstbauer.

Stuttgart - Fassungslos und ratlos hat man Marc Oliver Hendriks, Geschäftsführender Intendant der Staatstheater Stuttgart, noch nie gesehen. Im Gegenteil, das jahrelange Ringen um die längst überfällige Generalsanierung des Stuttgarter Opernhauses und die Erweiterung des Staatstheater-Areals um 10 000 Quadratmeter Nutzfläche schien ihn zu befeuern, immer wieder neu für die Zukunft von Oper, Ballett und Schauspiel im Herzen der Landeshauptstadt zu werben.

 

Doch am Dienstag dieser Woche zeigten die Fernsehkameras dem ARD-„Tagesthemen“-Millionenpublikum einen buchstäblich zersausten Theater-Lenker. Fast trotzig summierte Hendriks auf seine immer höfliche Art die Schäden des Unwetters am Montagabend. 500 Quadratmeter Dach abgedeckt, 10000 Liter Wasser im Opernhaus, Feuchtigkeit in allen Zwischendecken und in den Wänden, der oberste, der dritte Zuschauerrang, auf längere Sicht nicht nutzbar. Ein Fiasko. Und doch eines mit Ansage.

Sturm zerstört den schönen Schein

Seit mehr als zehn Jahren warnt Hendriks, seit mehr als zehn Jahren sind Politikerinnen und Politiker fassungslos, wenn sie bei Führungen über Wassereimer und freiliegende Leitungen stolpern oder die Mehrfachnutzungen eigentlich gesperrter Kleinsträume erleben. Seit mehr als zehn Jahren geschieht – nichts. Strahlen Oper und Ballett nicht auch so? Hat sich das Schauspiel nicht auch so in die Herzen des Publikums zurückgekämpft? Wind und Wasser haben nun binnen Minuten den schönen Schein zerstört.

Starke Signale des Balletts

Und doch ist es mehr als der Mut der Verzweiflung, wenn das Stuttgarter Ballett – verschoben nur um drei Tage – an der Premiere seines Abends „Höhepunkte“ an diesem Samstag im Opernhaus festhält. Intendant Tamas Detrich und die Kompanie senden ein kompromisslos starkes Signal: Wir sind da für Euch und wir geben alles – für das Publikum, für das Land, für die Metropolregion Stuttgart, für die Landeshauptstadt.

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Was aber kommt zurück? Zuletzt gar ein Raunen durch die personell erneuerten Fraktionen im Landtag, ob denn das wirklich sein müsse mit der Generalsanierung des Opernhauses, dem Einbau einer die technischen Abläufe endlich ins 21. Jahrhundert hievenden Kreuzbühne und der Erweiterung des Staatstheater-Areals zu einem nahezu 24 Stunden nutzbaren Ort der Begegnung und Bildung. Man kann das alles kenntnisfrei fragen. Spätestens seit den Unwetterschäden muss man aber andere Fragen aus dem Landtag wie aus dem Stuttgarter Gemeinderat erwarten: Wie können wir die Entscheidungswege beschleunigen? Wie können wir in der Bürgerschaft werben für tatsächlich immense Kosten von jeweils bis zu 500 Millionen Euro für Land und Stadt?

Die Stadt muss nachziehen

Am 12. Juli trifft sich der Verwaltungsrat der Staatstheater Stuttgart, am 21. Juli steht das Herbeiführen eines Grundsatzbeschlusses auf der Tagesordnung des Gemeinderates. Alles andere als die Entscheidung Sanierung jetzt wäre ein Skandal. Das Land hat längt vorgelegt, finanziert aktuell die Vorplanungen. Die Stadt muss nachziehen – verwaltungsrechtlich, aber viel mehr noch in einem begeisterten und die Bürgerschaft bis hin zu einem möglichen Beteiligungsfonds begeisternden „Ja!“ zur Zukunft der Staatstheater.

Zögern verschärft die Lage

Das Opernhaus als Herz des mit 1400 Beschäftigten größten Dreispartenhauses der Welt und als Taktgeber in einem national einmaligen innerstädtischen Kulturquartier steht in seinem bautechnischen Unzustand am Abgrund. Jedes weitere Zögern politischer Entscheiderinnen und Entscheider verschärft die Situation. Jetzt hilft nur noch: Sanierung marsch!

nikolai.forstbauer@stuttgarter-nachrichten.de