Sprachakrobaten auf der Waldau: Jason Bartsch beim Poetry Slam Foto: Lichtgut - Oliver Willikonsky

Endlich wieder Jubel auf den Rängen des Gazi Stadions, wo die Stuttgarter Kickers im Mai aus der dritten Liga abgestiegen sind: Beim Stuttgarter Open Air Poetry Slam, mit mehr als 2200 Fans der Performance-Literatur ausverkauft, herrschte am Sonntag beste Stimmung.

Stuttgart - . Sie wollen erzählen, was alle schon wissen, und trotzdem dafür beklatscht werden? Treten Sie bei einem Poetry Slam auf! Diese geringfügig polemische, dabei oft, wenn auch nicht immer zu Unrecht geäußerte These konnte am Sonntag im Gazi-Stadion auf der Waldau abermals widerlegt werden. Zuletzt flossen hier Tränen: Die Kickers vergeigten es im Mai gegen den Gast aus Chemnitz. Wegen der 0:1-Niederlage und verweigerter Schützenhilfe der anderen Stuttgarter Amateurtruppe spielen die Blauen fortan in der vierten Liga.

Doch Thomas Geyer sei Dank vernimmt man nun wieder Jubel auf den Rängen. Der Veranstalter des Stuttgarter Open Air Poetry Slams verkaufte alle seine Karten, mehr als 2200 Fans der Performance-Literatur hatten sich auf der Haupttribüne niedergelassen. Im vorigen Jahr feierte dieser zweitgrößte Slam Deutschlands Premiere.

Von ein paar Schwierigkeiten hätte man also bereits wissen können: Etwa, dass der Kameramann wahrscheinlich mangels Display am Aufnahmegerät selbst nicht sehen konnte, welchen Teil der auf dem Rasen platzierten Bühne er auf die beiden LED-Leinwände übertrug – anfangs waren die Rednerköpfe dort nur zur Hälfte zu sehen. Diese Bemerkung eines wohlwollenden Berufsnörglers aber nur am Rande.

Abgestimmt wird mit Fan-Gesängen

Denn es geht ja zuvörderst ums Akustische, um die vorgetragenen Texte. Zudem ergibt sich der genussstiftende Anblick jenseits der Bildschirme, wenn dieser himmlische Feuerball hinter der Gegengerade versinkt und da unten ein Einzelner auf weiter Flur vor zweitausend Lauschern steht. Genusslindernd: Das Fehlen einer Sonnenbrille.

Ein hochkarätiges Team aus Verfassern aller Herren Bundesländer hatte sich um Conférencier Hanz formiert – ein Kerl wie er braucht keinen Nachnamen. Der Ludwigsburger erwies sich bei seinem laut eigenen Angaben tausendsten Bühnenauftritt als fähiger und flexibel agierender Slam-Leiter. In der Pause habe sich ein gewisser Ryan via Facebook beschwert: Hanz rede zu schnell. Selbiger gelobte Besserung und versprach, dem Krittler ein Bier zu spendieren. Allein: Nach dieser Einladung hörte das halbe Stadion auf den Namen Ryan.

In drei zuvor ausgelosten Gruppen slammten je drei Poeten um den Einzug ins Finale. Das Zeitlimit: 6:30 Minuten. Abgestimmt wurde mit fußballtypischen Fangesängen: Die Anhänger brüllten etwa „Jason Bartsch – kämpfen und siegen!“ und den Bochumer damit eine Runde weiter. Sein Text „Im Kleinen fängt es an, im Großen hört es auf“ spielt auf die geringe (physische) Größe des Urhebers an und erinnert daran, dass Kleinvieh auch Mist macht. Ihm unterlagen die aus Kiel angereiste Mona Harry und der kürzlich von Esslingen nach Mannheim umgesiedelte Träger des Nightwash Talent Awards Tino Bomelino.

Frank Klötgen schmäht die Ränge

Zur zweiten Finalistin avancierte die Schweizerin Hazel Brugger, die jüngst im Auftrag der ZDF-heute-Show auf der AfD-Wahlparty in Sachsen-Anhalt aufschlug. Tapfer, so als Ausländerin. Von noch mehr Mut zeugte indes ihr Auftritt: Im Grunde gab sie lediglich einen für Urlaubspostkarten geeigneten Zweizeiler zum Besten, dem sie eine sechsminütige Ankündigung voranstellte: „Das Wetter ist hier, ich wünschte du wärst schön.“ Konkurrent David Friedrich prangerte die Ignoranz des Menschen in puncto Globuszerstörung an. Frank Klötgen ließ sich prophylaktisch ausbuhen. Er nutzte die Redezeit, sich selbst zu verherrlichen und die Ränge zu schmähen: „Nun schont euch doch, Häschen, vor diesem Vergleich: Ihr seid nun mal bräsig und käsig und bleich.“ Originell, doch den Bräsigen wohl zu ironisch.

Der dritte im Endrundenbunde hieß Julian Heun. Der Berliner kann gut mit Schwaben, erreichte er doch 2010 beim Kabarettwettbewerb „Stuttgarter Besen“ den ersten Platz und holte den Publikumspreis noch dazu. Mit einer Ode an seine Oma kitschte er sich vorbei am Nonsense-Text von Andy Strauß und den Zivildienstchroniken des sich nach und nach ins Comedy-Geschäft verabschiedenden Felix Lobrecht.

Am Ende konnte auf der beleuchteten Bühne im mittlerweile dunklen Rund allerdings kein Urteil gefällt werden. Elfmeterschießen gibt‘s beim Slam ja nicht. Wiederholten Abstimmungsdurchläufen zum Trotz erklangen die Namen Bartsch, Brugger und Heun in gleicher Lautstärke. Da die Zeiger schon auf 23 Uhr standen, entschied man sich schließlich für die Methode „Waldorfschule“: Alle drei wurden zu Siegern gekürt. Bis zu den Deutschen Meisterschaften, die im November in Stuttgart ausgetragen werden, muss das hiesige Publikum also nicht mehr am Enthusiasmus arbeiten, wohl aber noch an seiner Entscheidungsschwäche.

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