Rassismusbekämpfung müsse ein fester Bestandteil des Unterrichts werden, fordert eine Petition. Foto: imago images/Panthermedia

Anfangs wollten drei junge Frauen vor allem erreichen, dass der Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit in den Lehrplänen fest verankert wird. Mittlerweile geht es dem Trio um mehr: Sie schmieden eine landesweite Allianz gegen jedwede Form der Diskriminierung.

Stuttgart - Vor ein paar Wochen kam Samrawit Arayas Tochter von der Schule nach Hause. Die Drittklässlerin war begeistert. Ihre Klasse hatte sich im Unterricht mit Christoph Kolumbus beschäftigt. „Der hat Amerika entdeckt!“, berichtete sie ihrer Mutter aufgeregt. „Da gingen bei mir alle Lampen an“, sagt Samrawit Araya. Die 39-Jährige setzte sich hin und erklärte ihrem Kind, dass die indigenen Völker die Erstbesiedler des Kontinents waren – und die so genannte Entdeckung kein Abenteuerroman ist, sondern eine Kolonialisierungsgeschichte, in deren Verlauf viele Menschen versklavt oder ermordet wurden.

Die Ravensburgerin hat zusammen mit Teresa Heinzelmann aus Biberach und der Reutlingerin Yasmin Nasrudin im Land die Online-Petition „Black History in Baden-Württemberg – Anti-Rassistische Überarbeitung des Lehrplans in Baden-Württemberg“ auf den Weg gebracht. Die drei Frauen wollen erreichen, dass die deutsche Kolonial- und Migrationsgeschichte und ihre Auswirkungen bis heute verpflichtend im Lehrplan verankert werden. Zudem soll das Thema Rassismus ebenso fester Bestandteil des Unterrichts sein wie Anti-Rassismus-Programme für Schüler und Lehrer. Zusammen mit ähnlichen Initiativen in anderen Bundesländern hat der Vorstoß inzwischen fast 98 000 Unterstützer bekommen.

„Mir haben in der Schule die Vorbilder gefehlt“

Teresa Heinzelmann ist 24, studiert Kulturwissenschaften und ist weiß. Von ihr ging vor einem Jahr der Impuls aus, als sie in der Weihnachtszeit Bücher von Toni Morrison gelesen hat. Sie trage für sich selbst die Verantwortung, sich mit ihrem eigenen Rassismus auseinanderzusetzen. „Damit kann man nicht früh genug anfangen.“

Ihre Mitstreiterinnen sind in Deutschland aufgewachsen, aber als Töchter von eritreischen und äthiopischen Eltern sind sie schwarz. „Mir haben in der Schule immer die Vorbilder gefehlt“, sagt Yasmin Nasrudin – nicht nur bei den Lehrern. Vermisst hat sie Identifikationsfiguren von Schwarzen und Menschen anderer Hautfarbe (BPoC) auch im Unterricht. „Mein Wissen über Rassismus und Kolonialismus habe ich mir selbst angeeignet“, sagt die 32-Jährige, die in Reutlingen dem Integrationsrat angehört.

„Uns wurde abgesprochen, dass wir das schaffen“

Araya erging es ähnlich. „Wären die Geschichten und Werke von BPoC etwa in Deutsch, Musik oder Kunst einbezogen worden, hätte ich mich viel leichter wieder finden können.“ Sie erinnert sich an Lehrer, die ihr empfohlen haben lieber nicht zu studieren: „Uns wurde abgesprochen, dass wir das schaffen“, sagt sie. Heute studiert sie soziale Arbeit.

Die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hat dem Trio auf einen Brief hin zügig geantwortet. Es sei ihr ein großes Anliegen, jede Form von Populismus, Extremismus und Rassismus schon in den Schulen entschieden entgegen zu treten. Die Ministerin verweist auf die Einführung eines Leitfadens für Toleranz und Akzeptanz und Vielfalt der seit 2016 in den Bildungsplänen verankert ist, allerdings nicht verpflichtend. „Trotz der breiten Verankerung der Themen in den Bildungsplänen teile ich lhre Sorge um aktuell bedenkliche antidemokratische und rassistische Tendenzen in Teilen unserer Gesellschaft“, schrieb Eisenmann weiter. Deshalb arbeite das Zentrum für Lehrerbildung und Schulqualität derzeit an einer Handreichung für Schulen, wie sie diverse Diskriminierungs- und Rassismusformen im Unterricht aufgreifen können.

Bündnis soll dem Kampf gegen Rassismus eine Stimme geben

Teresa Heinzelmann, Yasmin Nasrudin und Samrawit Araya reicht das nicht mehr aus. Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten vor vier Jahren, das Erstarken der AfD in Deutschland und der Populisten in Europa insgesamt, auch der gewaltsame Tod des US-Amerikaners George Floyd im Frühjahr treibt die Frauen um. In den vergangenen Monaten, während sie unter anderem mit diversen Social-Media-Aktionen die Trommel rührten für ihre Petition, haben sie sich auch mit anderen Gruppen zusammengetan, die sich ebenfalls dem Kampf gegen Rassismus verschrieben haben. In Baden-Württemberg gebe es ein vielfältiges Engagement. Diesen Gruppen fehle aber eine starke Stimme.

Zurzeit werden Wahlprüfsteine erstellt

Die soll es schon ab Januar geben. Dann soll das landesweite „Bündnis gegen Rassismus und Diskriminierungen“ offiziell gegründet werden.

„Den Bedarf gibt es auf jeden Fall“, sagt Teresa Heinzelmann. „Wir wollen dann nach den Wahlen Mitte März gemeinsam die Gespräche mit den Politikern und Politikerinnen suchen.“ Schon vor den Wahlen aber will das Bündnis sich Gehör verschaffen und die Positionen der Landtagsfraktionen zu Rassismus abklopfen, kündigt Heinzelmann an: „Wir haben schon angefangen, Wahlprüfsteine an die Fraktionen zu stellen.“

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