In diesen Wochen rollen die Erntetraktoren durch Spaniens Olivenplantagen. Foto: /Martin Dahms

Fast die Hälfte der Weltolivenölproduktion kommt aus Spanien. Durch die scheinbar unendlichen Baumreihen schieben sich derzeit die Erntemaschinen. Immer mehr Produzenten stellen um – auf Öko.

Ein Traktor nähert sich dem Baum. Mit einem vorgeschnallten Greifarm, einer gewaltigen Zange, deren Backen sich um das untere Ende des Stammes legen und ihn zu schütteln und zu rütteln beginnen. Das sieht aus, als gingen Stromstöße durch den Baum, zehn Sekunden lang und noch ein paar Sekunden und wieder ein paar Sekunden. Der Baum gibt her, was er hat. Für alle Fälle helfen zwei Männer mit langen Stöcken nach, mit denen sie, während die Maschine schüttelt, auf die Äste schlagen. Aus den Zweigen prasseln die Früchte. Ein engmaschiges Netz fängt die Ernte am Boden auf: etwa 40 Kilogramm grüne und tiefviolette Oliven pro Baum. Arbeiter raffen das Netz zusammen, während der Trecker zum nächsten Baum fährt. Zweihundertmal wird er seine Rüttelei heute wiederholen.

 

So wie hier in Madridejos in der kastilischen Provinz Toledo schieben sich gerade Tausende Erntemaschinen durch die spanischen Olivenhaine, um die Welt mit Olivenöl zu versorgen. Baum um Baum wird, von Ende Oktober bis Anfang Februar, geschüttelt und geschlagen, um ihm seine kleinen, zwei Gramm schweren Früchte zu nehmen.

Die Olivenbauern lernen, dass es sich lohnt, der Natur entgegenzukommen

Es gibt viel zu tun. In Spanien stehen etwa 300 Millionen Olivenbäume auf 2,77 Millionen Hektar Fläche: etwas weniger als die Fläche Belgiens und 5,5 Prozent der Gesamtfläche Spaniens. Das sind keine lauschigen Olivenhaine, sondern Ölfabriken. Ein eher unbedeutender Teil, weniger als ein Zehntel der gesamten Olivenproduktion, landet auf Käseplatten oder in Martini-Gläsern. Der Rest ist Rohstoff fürs Öl. Und immer bleiben ein paar Früchte am Baum, trotz allem Schütteln und Rütteln. „Die Vögel müssen auch essen!“, sagt Rubén Gómez, der in Madridejos für den Olivenölproduzenten García de la Cruz erntet.

Dass sich hier Vögel zu Hause fühlen, ist nicht selbstverständlich. Spanien hat seine Landwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten industrialisiert, was der Handelsbilanz zugutekam, nicht aber der Ökobilanz. Die klassischen Olivenplantagen sind nackte Erde und schnurgerade Reihen von Bäumen. Das ist ganz beeindruckend anzusehen, hat aber alle Nachteile von Monokulturen: Artenarmut, Anfälligkeit für Krankheiten, Bodenerosion. Wie die Gemüsebauern in den Gewächshäusern von Almería oder die Orangenbauern in Sevilla lernen jetzt auch die spanischen Olivenbauern, dass es sich lohnt, der Natur entgegenzukommen – als weiterer Schritt auf dem Weg der Professionalisierung.

„Wir sind selber überrascht, wie schnell das Leben zurückkehrt“

Manche Olivenbauern sind schon vor etlicher Zeit auf Ökolandbau umgestiegen. So weit können oder wollen andere nicht gehen. Um auch in die konventionell bewirtschafteten Plantagen Leben zu bringen, startete vor einigen Jahren im andalusischen Jaén, der Welthauptstadt der Olivenölproduktion, das Projekt „Olivares Vivos“ („Lebendige Olivenhaine“). „Unser Hauptziel ist die Wiederherstellung der Artenvielfalt“, sagt Carlos Ruiz von der Sociedad Española de Ornitología, der das Projekt leitet.

Alles beginnt damit, das Gras wachsen zu lassen, so wie hier auf den Plantagen des Produzenten García de la Cruz, der sich an dem Projekt beteiligt. Das Gras ist Heimat für Insekten, die wiederum Nahrung für Vögel und für Igel, Siebenschläfer, Wildkatzen, Marder oder Wiesel bieten. Wenn das Unkraut zu hoch wächst und den Olivenbäumen Kraft nehmen könnte, wird es umgepflügt und nicht mit Gift bekämpft. Wo Platz ist, an Straßen- und Plantagenrändern, werden blühende Büsche gepflanzt, dann sind nach ein oder zwei Jahren wieder Bienen und andere bestäubende Insekten da. Für Vögel werden Nistkästen aufgehängt und für andere Tiere Tränken aufgestellt. Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung. „Wir sind selber überrascht, wie schnell das Leben zurückkehrt“, sagt Carlos Ruiz.

Schlechte Ernte weil der Regen ausbleibt

Seit diesem Mai bekommen die am Projekt beteiligten Bauern ein Zertifikat, mit dem sie Werbung machen können: „Olivares Vivos“ als Gütesiegel. Das ist der Lohn für die Mühen der Umstellung. Für den Ökobetrieb García de la Cruz ist diese Umstellung keine gewaltige, für andere schon. „Die bauen ihr Leben lang Oliven an“, sagt Projektleiter Ruiz, „die haben immer gehört, dass Unkraut schlecht ist“ – und lassen sich jetzt nicht auf einmal von Stadtleuten vom Gegenteil überzeugen. Dazu brauchen sie das Beispiel anderer Olivenbauern. „Die Kommunikation zwischen den Landwirten ist viel effektiver“, sagt Ruiz. „Jemanden wie Rubén sehen sie jeden Tag, morgens in der Bar beim Frühstück oder wenn sie die Kinder von der Schule abholen, sie sprechen die gleiche Sprache, und er kann ihnen Informationen aus der täglichen Arbeit geben, die ich ihnen nicht geben kann.“ Die bisher 39 Betriebe, die bei den „Olivares Vivos“ mitmachen, sind ein Samen, der gerade aufzugehen beginnt. Hunderte andere haben Interesse angemeldet. Aber das Projekt zielt auf alle 350 000 spanischen Olivenbauern. Wenn die auf ihren 2,77 Millionen Hektar wieder etwas Natur zwischen den Bäumen zuließen, wäre der Gewinn für die Artenvielfalt „spektakulär“, glaubt Ruiz. Ein Anfang ist gemacht.

Was die Olivenbauern zurzeit aber besonders umtreibt, ist der ausgebliebene und der ausbleibende Regen. Olivenbäume halten Trockenheit zwar gut aus. Wenn es so wenig regnet wie in den letzten beiden Jahren, schadet das dem Baum nicht, aber der Ernte sehr wohl. In der vergangenen Saison gaben die Bäume gerade gut die Hälfte einer durchschnittlichen Ernte der vier Vorjahre her, und in dieser Saison wird es nur leicht besser aussehen. Ernteausfälle bedeuten gewöhnlich auch Einnahmeausfälle. Dass Spaniens Olivenbauern nicht vor dem Ruin stehen, verdanken sie einem selbst erarbeiteten Privileg: Sie dominieren den Weltmarkt und damit auch den Preis. In der vergangenen Saison ist die Weltproduktion von Olivenöl um 893 000 Tonnen, gut ein Viertel der Vorjahresproduktion, gesunken, wofür Spanien mit einem Rückgang um 829 000 Tonnen fast ganz allein verantwortlich war. Die gewaltigen Ausfälle in Spanien konnten alle anderen Produzenten – vor allem Italien, Griechenland, der Türkei und Portugal – nicht wettmachen, zumal auch Portugal und Italien schlechte Ernten einfuhren. Also stieg der Weltmarktpreis, und zwar auf Rekordwerte. Das ist für die Kunden ein Ärgernis, aber für Spaniens Olivenbauern ein Glück. Sie ernteten weniger Oliven und nahmen doch etwa so viel ein wie immer.

Reiner Olivensaft, bereit zum Verkauf und bereit zum Verzehr

Vom Feld kommen die Oliven am selben Tag in die Ölmühle. Dort werden die Oliven nicht gepresst, sondern gemahlen, mit Haut und Kern und allem, was dran ist, und was dabei rauskommt, wird nicht etwa kalt, sondern bei 25 bis 27 Grad zu einem appetitlichen grünen Teig verrührt. Eine Schleuder trennt den Teig in eine flüssige und eine trockene Masse, eine weitere Schleuder trennt die Flüssigkeit in Wasser und Öl. Die Schleudern lärmen. Aber am Ende fließt das Öl, warm und golden. Der Genossenschaftspräsident Antonio Cañadilla hält seinen Finger in den Strom, probiert und lächelt zufrieden: reiner Olivensaft, bereit zum Verkauf und bereit zum Verzehr.

Draußen, unter einem grauen Winterhimmel, erholen sich die Bäume vom Maschinenrütteln. Ende April, Anfang Mai werden sie blühen. Spaniens Olivenbauern hoffen, dass es bis dahin ordentlich geregnet hat – und auf eine großartige Ernte im kommenden Jahr.