Die Perspektive ist düster: Das Angebot an Fachkräften in Baden-Württemberg wird dramatisch abnehmen. IHK-Regionspräsidentin Majorke Breuning hält mehr Zuwanderung für unerlässlich.
Im Schatten von Coronapandemie und Ukraine-Krieg hat sich in der deutschen Wirtschaft ein an sich bekanntes Problem weitgehend unbemerkt zu einer Zeitbombe entwickelt: der Fachkräftemangel. Im ersten Quartal dieses Jahres hat es bundesweit eine neue Rekordzahl von 1,74 Millionen offenen Stellen gegeben, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in seiner Stellenerhebung ermittelt hat.
Damit wurde der Rekord vom Vorquartal noch übertroffen. Gegenüber dem ersten Quartal 2021 stieg die Zahl der offenen Stellen um 612 500 oder 54 Prozent – obwohl der demografische Wandel erst in einigen Jahren mit voller Wucht über die Republik hinwegrollen wird.
„Die Lage auf dem Fachkräftemarkt hat sich dramatisch zugespitzt“, sagte die Präsidentin der IHK Region Stuttgart, Marjoke Breuning, unserer Zeitung. Nach Erkenntnissen der jüngsten Konjunkturumfrage, des IHK-Fachkräftemonitors für Baden-Württemberg, sei für fast 60 Prozent der teilnehmenden Unternehmen der Fachkräftemangel eines der drängendsten Probleme für ihre wirtschaftliche Entwicklung.
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Besonders betroffen ist die Gastrobranche: Dort sehen derzeit mehr als 71 Prozent der Unternehmen die Personallücken als größtes Geschäftsrisiko an. Wenn Sommerfeste abgesagt werden müssen, weil den Gastronomen das Personal fehlt, oder wenn in der Branche bereits über einen zusätzlichen Ruhetag nachgedacht wird, „ist es schon fünf nach zwölf“, warnt Breuning.
Die Perspektiven sind düster: Laut dem IHK-Fachkräftemonitor wird das Angebotspotenzial im Land von 2022 bis 2035 um etwa 27 Prozent abnehmen. Absolut betrachtet stehen den Unternehmen 2035 voraussichtlich etwa 1,12 Millionen Fachkräfte weniger zur Verfügung als noch in diesem Jahr. Derweil beträgt das Durchschnittsalter der Fachkräfte derzeit über alle Wirtschaftszweige hinweg 45,6 Jahre und steigt binnen 13 Jahren um 4,4 auf 50 Jahre.
Der Fachkräfteüberschuss von 2019 hat sich 2022 in einen Mangel von 97 000 Leuten gedreht. Bis 2035, so die Hochrechnung, wird er sich auf 910 000 vergrößern. Bei beruflich Qualifizierten wächst die Lücke auf 835 000 an. Der größte absolute Mangel zeigt sich 2035 mit 600 000 bei den beruflich qualifizierten kaufmännischen Fachrichtungen, technische Fachrichtungen kommen auf 235 000.
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Momentan entfällt der Großteil der nachgefragten Fachkräfte auf das Gesundheits- und Sozialwesen mit 563 000 sowie die beratenden und wirtschaftsnahen Dienstleistungen mit 424 000 Personen. Auch 2035 werden diese beiden Branchen mit 509 000 und 461 000 weiterhin am meisten Fachkräfte nachfragen, so die Prognose. An dritter Stelle liegt der Einzelhandel mit einer Fachkräftenachfrage von 382 000. V on den nicht-akademischen Berufsgruppen werden bis 2035, absolut betrachtet, Büro- und Sekretariatsberufe mit mittlerer Qualifikation den größten Engpass aufweisen mit einem Anstieg um 56 000 auf 81 000. Den größten Sprung machen die Verkaufsberufe. Während bei höheren Qualifikationen bereits heute ein Mangel herrscht, dreht auch bei den mittleren Qualifikationen die Entwicklung bis 2035 von einem Überschuss in einen deutlichen Mangel.
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Breuning zufolge müssen alle verfügbaren Potenziale genutzt werden, um den Lücken entgegenzuwirken. Neben der Ausbildung neuer Fachkräfte müsse das bestehende Personal weitergebildet werden. Zudem gelte es, die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen, die Qualifizierung ungelernter Arbeitskräfte sowie die Zuwanderung voranzutreiben.
Bundesweit 400 000 Zuwanderer netto pro Jahr
Laut dem Vorstandsvorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, braucht Deutschland 400 000 Zuwanderer netto pro Jahr. Über das Fachkräftezuwanderungsgesetz der vorherigen Bundesregierung sind aber höchstens 25 000 im Jahr nach Deutschland gekommen. Die Ampel hat sich auch aus diesem Grund darauf verständigt, Deutschland zu einem „modernen Einwanderungsland“ zu machen. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) will ein erstes Migrationspaket noch vor der Sommerpause auf den Weg bringen.
„Deutschland muss viel attraktiver werden für ausländische Fachkräfte“, fordert Breuning, die auch Vizepräsidentin des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) ist. Auch mahnt sie weniger Bürokratie und mehr Digitalisierung bei den Behörden an, zudem Investitionen in Wohnungsbau und bessere Mobilitätsangebote.