Es geht steil bergauf: Martin Kaymer hat mit seinem Sieg bei den US Open die deutschen Golfer begeistert Foto:  

Es wird immer schwieriger, neue Golfspieler zu finden, die Mitgliederzahlen beim Verband steigen kaum noch. Der unerwartete Erfolg von Martin Kaymer bei den US Open kommt da gerade recht. Doch schon einmal schafften es die Golfer nicht, von seinen Erfolgen zu profitieren.

Stuttgart - Maßnehmen, abschlagen, einlochen. Und schnell weiter, es ist viel los. Offene Golfwoche nennt sich das, was die Golfer gerade zum Stuttgarter Club Solitude nach Mönsheim zieht. Während die Sportler ihre Taschen hinter sich her ziehen, dreht sich alles nur um eins: Martin Kaymer (29) und sein Triumph bei den US Open. „Die Euphorie ist groß“, sagt Simon Schmugge, Geschäftsführer des Stuttgarter Golfclubs.

Das war in den vergangenen Monaten nicht immer der Fall. Im Januar hatte der Deutsche Golfverband (DGV) seit langem mal wieder keine Super-Zahlen zu vermelden. Nur 0,4 Prozent mehr Mitglieder sind im vergangenen Jahr dazu gekommen. Es fehlt nicht mehr viel zum Minus. Der Verband hat das Problem erkannt, will am Image des Sports arbeiten: Golf soll jünger wirken, sportlicher, kurzum attraktiver. Dass Kaymer überraschend als erster Deutscher die US Open gewonnen hat, passt wunderbar ins Konzept. Kaymer, so die Hoffnung, könnte der Mann sein, der in Deutschland eine ähnliche Golfbegeisterung auslöst wie einst Boris Becker und Steffi Graf im Tennis oder wie Michael Schumacher im Motorsport.

„Martin ist ein echter Glücksfall für den deutschen Golfsport“, sagt Marco Paeke, Geschäftsführer der Vereinigung clubfreier Golfspieler (VcG). Fast alle Golfplätze hätten schon tolle Angebote für Einsteiger. „Den Leuten muss nur noch Lust darauf gemacht werden, den Sport mal auszuprobieren.“ Nicht nur der Funktionär setzt auf den Kaymer-Schwung, auch Simon Schmugge hofft, dass der Rheinländer zum Imagewandel beitragen kann, damit noch mehr junge Golfer zum Schläger greifen. „Wir hoffen, die Leuten sehen, dass Golf nicht elitär ist“, sagt Schmugge.

Martin Kaymer soll’s richten. Er ist jung, noch keine 30 Jahre alt. Schlecht sieht er ebenfalls nicht aus. Er ist sympathisch und seit einigen Wochen auch wieder richtig erfolgreich. „Kaymer hat das Zeug zum Idol“, meint auch Rainer Gehring, Geschäftsführer des Baden-Württembergischen Golfverbands (BWGV). Doch schon einmal war Martin Kaymer ganz oben. Das war 2010. Damals gewann er sein erstes Major-Turnier, die PGA Championship, wenige Monate später kletterte er an die Spitze der Weltrangliste. Aber wahrgenommen wurde er in Deutschland kaum. Noch heute ist zum Beispiel sein Facebook-Seite nicht gerade der Renner. Ein bisschen mehr als 34 000 Menschen verfolgen, was Kaymer im sozialen Netzwerk von sich gibt. Zum Vergleich: Der deutsche Skirennläufer Felix Neureuther hat mehr als 380 000 Fans, gar nicht zu reden vom deutschen Fußballnationalspieler Mesut Özil. Dem folgen über 20 Millionen Facebook-Nutzer. Es gibt noch Nachholbedarf.

Aber Martin Kaymer hat dazugelernt. Er pflegt inzwischen eine eigene Homepage, spricht auch mal in Interviews und er schirmt sich bei Turnieren nicht mehr komplett ab. Nur ein großes Problem existiert immer noch, meint Rainer Gehring: „Die Zeitungen haben groß über Kaymers Erfolg berichtet, in den Nachrichten war davon zu hören. Das war spitze, aber Live-Bilder im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gab es leider nicht“, sagt der BWGV-Geschäftsführer. „Dabei war endlich mal nur Kaymer, Kaymer, Kaymer zu sehen.“ Aber eben nur bei einem Bezahlsender. Ob sich das so schnell ändern wird, ist fraglich. Die Rechte von allen Major-Turnieren hält Sky. Als Kaymer die Nummer eins der Welt war, gab es zwar Verhandlungen mit der ARD, doch am Ende soll es am Geld gelegen haben, dass Golf weiterhin nur einem kleinen Teil der Fernsehzuschauer vorbehalten bleibt. Ändern könnten das wohl nur weitere hochkarätige Erfolge.

Kaymer jedenfalls hat in diesem Jahr noch viel vor. „Es sind noch zwei Majors zu spielen, und dann kommt der Ryder Cup“, sagt er und „ich hoffe, dass der Erfolg bei den US Open ganz Deutschland stolz macht.“ Die Golfer auf jeden Fall: „Er ist viel stärker als noch vor zwei Jahren“, sagt Marco Paeke: „Er ist eine coole Socke. Ich bin gespannt, was dieses Jahr noch alles kommt.“ Alles sei möglich. Und Rainer Gehring ergänzt: „Dieser Sieg ist wie Balsam für den deutschen Golfsport, der so oft im Schatten der anderen großen Sportarten steht!“ Die begeisternde Vorstellung Kaymers lässt die Hoffnung auf neue Zeiten keimen – nicht nur bei der Golfwoche in Stuttgart.

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