Statt der geplanten drei Monate muss Dietmar Seybold ein halbes Jahr auf Madagaskar bleiben. Die Insel im Indischen Ozean war im Corona-Rückholprogramm des Auswärtigen Amtes nicht vorgesehen. Mehr als tausend Kilometer von Hauptstadt und Flughafen entfernt beginnt seine Odyssee.
Stuttgart - Wo ist Dietmar? Immer wieder hört Uli Preu, Ober im Teehaus, diese Frage von Gästen. Tritt er doch sonst nur im Doppelpack mit Dietmar Seybold auf: als Kellner-Duo auf dem Frühlingsfest, auf dem Sommerfest, am Teehaus, am Weindorf und am Volksfest auf dem Wasen. Zuverlässig seit Jahren. Wo steckt jetzt der zweite Mann? „Auf Madagaskar“, gibt Uli Auskunft. Ach herrje, Corona! So geht das seit Mai. „Immer noch nicht da?“ „Nein, immer noch auf Madagaskar.“ Bis zur erlösenden Nachricht am 20. Juli: Dietmar ist zurück.
„Daran habe ich erst geglaubt, als ich im Flugzeug saß“, versichert der 57-Jährige jetzt. Er ist ein erfahrener Reisender. Jeden Winter kehrt er Stuttgart den Rücken und düst ab. Weit weg. In die Sonne. In 110 Ländern sei er schon gewesen, erzählt er. Das macht gelassen, auch wenn mal was nicht klappt. Geplant war alles bestens: Am 15. Januar ist er in Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar gelandet. Mit einem Drei-Monats-Visum bis zum 14. April und dem Rückflug-Ticket der Turkish Airline, die ihn am 13. April über Istanbul direkt nach Stuttgart bringen sollte. Um pünktlich am 18. April beim Frühlingsfest im Grandl-Zelt mit Uli Preu den Dienst anzutreten.
Da kam aus Stuttgart die Nachricht: Frühlingsfest gestrichen
Bis dahin waren nur Sonne und Strand, frischer Fisch und Rum-Drinks in Port Dauphin, ganz im Süden der Insel, angesagt. Sie ist als viertgrößte Insel der Erde 587 000 Quadratkilometer groß und misst von Nord nach Süd 2000 und von Ost nach West etwa 400 Kilometer. „Ich war jetzt zum vierten Mal dort, denn die Landschaft ist wunderbar und die Menschen sind freundlich und nett“, schwärmt Seybold und kann eine Menge über die Insel erzählen: Dass dort fast 20 verschiedene Ethnien leben, Kaffee, Kakao, Tabak angebaut werden, Gewürze wie Vanille, Zimt, Nelken, Pfeffer und Muskatnüsse wachsen, und aus Zuckerrohr ein herrlicher Rum destilliert wird.
Natürlich habe er über das Internet die Meldungen über Corona verfolgt: „Da saß ich vor meinem Bungalow und habe gelacht. Das ist so weit weg, habe ich mir gedacht, und hier geht es mir gut.“ Doch dann kam aus Stuttgart die Nachricht: Das Frühlingsfest ist gestrichen. Mist! Und in der Hauptstadt, kurz Tana genannt, traten kurz darauf die ersten zwei Corona-Fälle auf.
Drei Tage später wurden alle Flüge gecancelt
Nervös geworden? „Noi“, grinst der gebürtige Cannstatter. Genau genommen hatte er sogar ziemlich die Ruhe weg: „Als am 18. März angekündigt wurde, dass für Ausländer vom 19. bis 21. März eine Ausreisemöglichkeit besteht, habe ich das einfach ignoriert. Was sollte ich jetzt schon in Stuttgart, wenn das Frühlingsfest ausfällt? Komme ich eben Mitte Mai nach Stuttgart, rechtzeitig fürs Teehaus.“ In die Hauptstadt zog ihn auch nichts: „Die Zahl der Infektionen stieg schlagartig an, Läden und Kneipen machten schon mittags dicht. Da bin ich lieber in Port Dauphin geblieben.“
Ziemlich cool. Aber auch ziemlich leichtfertig. Denn drei Tage später wurden alle Flüge gecancelt. Da sei ihm klar geworden: „Irgendwie muss ich von hier, mehr als tausend Kilometer von Hauptstadt und Flughafen entfernt, wegkommen.“ Aber das Transportwesen dort sei ein Problem. Es wurde eine Odyssee mit vielen Etappen und Zwangspausen. Für 230 Kilometer an die Ostküste habe er 40 Stunden gebraucht, weil dazwischen zehn Flussüberquerungen notwendig sind. In der nächsten Stadt Manakara saß er statt den geplanten fünf Tagen zwei Monate fest, bis ihn eine Madagassin in ihrem gemieteten Auto mitnahm. Und in der übernächsten Station, 170 Kilometer von Tana entfernt, wurde aus einer Woche ein Monat. „Ich habe vier Mal das Visum verlängern lassen müssen.“ Von der Hauptstadt blieb er bewusst fern, „die war und ist immer noch ein Corona-Hotspot“. Und aus Stuttgart wusste er mittlerweile, dass auch Sommerfest, Weindorf und Volksfest gestrichen waren.
Ein Rückflugticket für 968 Euro
Ging ihm nicht allmählich das Geld aus? Ein Freund in Stuttgart hat dafür gesorgt, dass die EC-Bankomaten auf Madagaskar die Scheine der Währung Ariary ausspuckten: „4000 Ariary sind 1 Euro“, erklärt Seybold. „Und allein die Gebühren kosten ein Vermögen. Zum Glück lebt man dort billig.“ Es habe auch keinerlei Versorgungsschwierigkeiten gegeben. Aber sein Reisebudget habe er um 40 Prozent überzogen. Anflüge von Verzweiflung? Dazu ist er zu entspannt. Höchstens mal genervt.
Am 30. Juni war er endlich in Tana eingetroffen: „Alle Reise- und Airline-Büros geschlossen.“ Als Hoffnungsschimmer nur das Gerücht, dass die Air France einmal in der Woche, am Sonntag, einen Flug nach Paris anbietet. Aber wo ist die Warteliste?
„Ich könnte einen Roman schreiben“, sagt Seybold. Mit Happy End, denn der Entschluss, sein Glück direkt am Flughafen zu probieren, brachte Seybold ein Rückflugticket für den 19. Juli nach Paris. „Dafür habe ich 968 Euro auf den Tisch gelegt.“ Am 19. Juli um 21 Uhr landete er tatsächlich auf dem Airport Charles-de-Gaulle und stieg am nächsten Morgen am Gare de L’Est um 6.40 Uhr in den TGV nach Stuttgart: „Um 12 Uhr bin ich angekommen. Und sofort zum Teehaus.“ Der Wirt Tadija Zelenika hätte ihn gern gleich am nächsten Tag wieder im Service gesehen. Aber erst musste Seybold den Test absolvieren. „Am 24. Juli hatte ich mittags das Ergebnis: negativ. Und abends war ich wieder im Teehaus.“ Das Duo war wieder komplett. Zur Freude der Gäste.
Ist ihm die Lust auf solche Reisen vergangen? Nein, beteuert Dietmar Seybold entschieden. Auch nach Madagaskar wolle er dringend wieder. Er kenne ja noch nicht alles. Aber zuerst muss die Reisekasse aufgefüllt werden.