Real Madrid Cristiano Ronaldo und das Tor zur Ewigkeit

Von Tobias Schall 

Mit seinem tollen Fallrückzieher hat Cristiano Ronaldo die Fußballfans weltweit verzückt. Ist es eines der schönsten Tore der Fußball-Geschichte? Eine Ode an das Tor.

Stuttgart - Dann erheben sich die Zuschauer. Cristiano Ronaldo hat soeben getroffen. Mitten ins Herz der Tifosi. Ausgerechnet der affektierte Star des Gegners. Von Fans verhasst, in gegnerischen Arenen immer ausgepfiffen. Aber darum geht es nicht. Nicht jetzt, nicht in diesem Moment, in dem jeder im Stadion spürt, dass er Zeuge von etwas Großem ist. Dass er später wird sagen können: Ich war live dabei, als Ronaldo eines der schönsten Tore der Geschichte erzielt hat. Für Real ­Madrid. Gegen Juventus in Turin. Einen Fallrückzieher, der die Fußball-Welt verzaubert.

Ein Tor.

Ein Kunstwerk.

Nach einer wunderbaren Flanke liegt Ronaldo, diese Jahrhundertbegabung des Sports, im Strafraum waagerecht in der Luft, exakt 141 Zentimeter über dem Boden. Perfekt erwischt er den Ball in 2,20 Meter Höhe mit dem rechten Spann – und die Kugel schlägt unhaltbar im Gehäuse von Gianluigi Buffon ein. Regungslos steht der Keeper da. 2:0 für Real. Für vielleicht eine Millisekunde ist Stille. Dann Applaus. Und dann stehen 40 849. „So etwas habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt, dass man mir auf des Gegners Platz zujubelt. Was die Juve-Fans gemacht haben, ist unglaublich“, sagte Ronaldo. Auf Italienisch bedankte er sich: „Grazie!“ Danke. Danke für dieses Tor.

Das Tor der Tore? „Dies ist eines der schönsten Tore in der Geschichte des Fußballs“, sagt Reals Trainer Zinédine Zidane.

Gerd Müller war auf eine andere Art ein Künstler

Das Tor zur Ewigkeit.

Schöne Tore haben keine Nationalität oder Vereinsfarbe. Jeder Fan erkennt sie, auch wenn sie gegen das eigene Team fallen. Er mag sie in dem Moment nicht, aber er anerkennt die Kunst dahinter. Ein wundervoller Fallrückzieher, ein Kracher aus der Distanz in den Winkel, eine Volley-Abnahme aus 25 Metern oder ein einzigartiges Solo sind der gemeinsame Nenner all derer, die dieses Spiel lieben.

Wie jenes Kunstwerk, das viele Fans und Experten für den schönsten Moment der Fußballgeschichte halten. Der Lauf des Diego Armando Maradona im WM-Achtelfinale 1986 gegen England ist ein Beispiel für die Unvergänglichkeit von Toren. Sein Laufweg auf dem Rasen ist so einzigartig wie Picassos Pinselstriche auf Leinwand. Der Treffer wurde von Fans zum „Tor des Jahrhunderts“ gewählt.Oder der Fallrückzieher des Schweden Zlatan Ibrahimovic 2012 gegen England aus 40 Metern.

Tor ist Tor im Fußball, kann man einwenden. Theoretisch stimmt das, und praktisch und regeltechnisch erst recht. Ronaldo hat die Welt verzaubert. Bayern hat mit zwei Stolper-Toren in Sevilla gewonnen. Beide sind auf dem Weg ins Halbfinale der Königsklasse. So what? Der Jahrhundert-Treffer von Klaus Fischer in Stuttgart gegen die Schweiz 1977 zählt nicht mehr als jeder Gurkentreffer, den kleines, dickes Müller über die Linie gestolpert hat.

Gerd Müller war auf eine andere Art ein Künstler. Seine Kunst bestand darin, immer dort zu sein, wo der Ball war, abzustauben oder sich mit dem Rücken zum Gehäuse schnell zu drehen. Ein Abstauber. Unbezahlbar. Die meisten seiner Tore hat man vergessen. Geblieben sind aber die, die wichtig waren. Im WM-Finale 1974 zum Beispiel. Tore leben ihrer Bedeutung wegen für die Ewigkeit – oder wegen ihrer Schönheit. Der Elfmeter von Andy Brehme im WM-Finale 1990 war halt ein Elfmeter, schnörkellos und drin, aber niemand, der ihn sah, wird ihn je vergessen. Gleiches gilt für Helmut Rahn aus dem Hintergrund und Mario Götzes Treffer (der wichtig und schön war). Das ist und bleibt natürlich die schönste Kombination. Und die seltenste.

Ein Tor wie das von CR7.

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