Die Stuttgarter Kickers hatten den höchsten Etat der Oberliga und die besten Fans – und sind dennoch nicht aufgestiegen. Nun taumeln die Blauen wieder wie ein angeschlagener Boxer am Abgrund. Ein neuer Trainer wird die Neuausrichtung vornehmen.
Stuttgart - Die Zwei-Mann-Band in ihrem schrillgelben Outfit schmettert unverdrossen Gassenhauer wie „Griechischer Wein“, „Hulapalu“ und „Waterloo“, die Spieler und die überschaubare Anzahl der Fans des FC Bayern Alzenau tanzen dazu und feiern in der Main-Echo-Arena den Aufstieg in die Regionalliga. Ein paar Meter weiter stehen vor der Kabine immer noch die Spieler der Stuttgarter Kickers. Abgekämpft, tief enttäuscht, mit leerem Blick. Die Fassungslosigkeit ist ihnen ins Gesicht geschrieben. Innenverteidiger Patrick Auracher, das Urgestein der Blauen, heult wie ein Schlosshund, auch Tobias Feisthammel kann die Tränen nicht unterdrücken, dann fasst der Kapitän das Entscheidende ungeschminkt zusammen: „Ein ganzes Jahr Arbeit ist für den Arsch.“
Durch das 1:1 am vergangenen Mittwoch im beschaulichen 18 000-Einwohner-Örtchen in Unterfranken muss der Traditionsclub und ehemalige Bundesligist Stuttgarter Kickers ein weiteres Jahr in der Fünftklassigkeit verbringen. Statt gegen namhafte und attraktive Vereine wie Kickers Offenbach, den 1. FC Saarbrücken, den SSV Ulm 1846 und den VfR Aalen zu spielen, geht es erneut gegen Clubs wie den SV Oberachern, den TSV Ilshofen oder den 1. FC Rielasingen-Arlen.
Das ist bitter. Und Tobias Feisthammel sagt an diesem denkwürdigen Abend nur noch einen Satz, bevor er in der Kabine verschwindet: „Wir haben den Aufstieg nicht hier in Alzenau verspielt, sondern in der Endphase der Oberliga.“ Denn lange Zeit hatte es so ausgesehen, als würden die Kickers ihrer Favoritenrolle gerecht werden und den Wiederaufstieg auf direktem Weg schaffen. Ohne spielerischen Glanz zu versprühen, ohne besonders dominant aufzutreten, ohne ausgeprägte individuelle Klasse, sondern mit einem brauchbaren Kollektiv und einigen knappen und glücklichen Siegen hatte sich die Elf eine glänzende Ausgangsposition erkämpft. Vor der Partie am Gründonnerstag gegen die TSG Backnang hatten die Kickers (bei zwei Spielen weniger) drei Punkte Vorsprung auf den Verfolger und späteren Aufsteiger Bahlinger SC. Doch in der Partie gegen Absteiger Backnang setzte es daheim ein 0:1. Auf der Zielgeraden ging den Kickers die Puste aus. In den letzten acht Saisonspielen reichte es nur zu zwei Siegen, mit dem 4:3 gegen den FSV 08 Bissingen konnte sich das Team wenigstens in die Aufstiegsspiele retten. Doch in dieser Bonusrunde kam man auch nicht über zwei Unentschieden hinaus. Zu wenig für die Ansprüche der Kickers. „Dafür trage ich die Verantwortung“, sagt Trainer Tobias Flitsch. Die sichere Folge: Den nächsten Anlauf Richtung Aufstieg werden die Kickers mit einem neuen Trainer in Angriff nehmen, erste Kontakte zu Ramon Gehrmann (bisher SGV Freiberg) gibt es bereits.
Zu wenig für die Ansprüche
Ralf Vollmer (56)hat das alles hautnah miterlebt. Der Ex-Bundesligaprofi der Kickers fieberte in dieser Saison bei vielen Spielen auf Tribüne mit. Auch in Alzenau steht er mit seinem Sohn im Fanblock hinter dem Tor. Nach dem Abpfiff sind beide fix und fertig. „Dass die Kickers mit diesen Rahmenbedingungen ihr Ziel nicht erreicht haben, ist einfach nur wahnsinnig traurig“, sagt er.
Die Blauen hatten den höchsten Etat der Liga (1,05 Millionen Euro), sie arbeiteten unter den professionellsten Bedingungen, trainierten so umfangreich wie keiner der Konkurrenten – und sie konnten auf die mit Abstand beste Fanunterstützung bauen. Zu den Heimspielen strömten im Schnitt mehr als 3000 Besucher. Und auch auswärts sorgten die treuen Fans der Blauen für volle Kassen bei den Gegnern. Der 1. Göppinger SV freute sich über 3700 Zuschauer. Der FSV 08 Bissingen meldete mit den 4860 Zuschauern in Aspach gegen die Kickers Vereinsrekord.
Die Strahlkraft der Blauen
Diese Volksfeststimmung auf den Rängen, diese zum „Spiel der Spiele“ hochstilisierten Events für die Heimteams machte es für die Kickers nicht einfach. Die Gegner zeigten sich hoch motiviert, wie in einem Pokalspiel gegen einen höherklassigen Kontrahenten. Diese Strahlkraft der Blauen in der Region liegt in ihrer Tradition begründet. 1987 erreichten die Degerlocher das DFB-Pokalfinale gegen den HSV, zweimal spielten sie in der Bundesliga (1989/90 und 1991/92), gewannen sogar einmal mit 4:1 beim großen FC Bayern. In der ewigen Tabelle der zweiten Liga liegen die Kickers auf Platz sechs. Spieler wie Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald, Karl Allgöwer oder Fredi Bobic trugen den Dress mit dem Kickers-K. Das alles erklärt die Ausnahmestellung des Clubs in der Oberliga.
Wie lässt sich die Verbundenheit der Fans auch in den Niederungen der fünften Liga erklären? Vollmer wählt einen Vergleich mit einer Familie, die in Not gerät: „Auch da rückt man eng zusammen, auch da ziehen alle mit und Grabenkämpfe verschwinden.“ Ausgehend vom Tiefpunkt der 120-jährigen Vereinsgeschichte hätte also etwas entstehen können. Ein Aufstieg wäre ein erster Schritt gewesen, um wieder eine einigermaßen brauchbare Alternative zum Big Business auf der Cannstatter Seite des Neckars zu werden. Doch der auf den letzten Drücker verpasste Aufstieg wirft die Kickers – maßstabsgerecht verkleinert – genauso zurück wie der Zweitliga-Abstieg den VfB.
Josip Landeka als Sportlicher Leiter?
Die Blauen taumeln wieder wie ein angeschlagener Boxer am Abgrund. Vollmer befürchtet, dass die Oberliga über Jahre hinweg die sportliche Heimat der Kickers bleiben könnte. Ähnlich wie das beim ehemaligen Zweitligisten SSV Reutlingen der Fall ist. Für Vollmer steht fest: Es muss ein konsequenter Schnitt gemacht werden. Der Sportliche Leiter Martin Braun hat seit seinem Einstieg im November 2017 kein glückliches Händchen bei der Personalwahl bewiesen. Wahrscheinlich muss auch er gehen. Als Nachfolger wird der bisherige Spieler Josip Landeka (32) gehandelt.
Der im Konkurrenzvergleich hohe Etat spiegelte sich nicht in der Qualität der Mannschaft wider. Auch Flitsch hat das öffentlich moniert. Doch 15 Spieler aus dem Kader der vergangenen Saison haben auch für 2019/20 einen Vertrag. Vollmer schlägt dennoch vor, künftig verstärkt auf die eigene Jugend und Spieler aus dem württembergischen Raum zu setzen. Zumal im Nachwuchsleistungszentrum unter der Leitung von Marijan Kovacevic professionell gearbeitet wird. Außerdem streicht der frühere Stürmer noch ein hohes Gut des Vereins hervor: die Tradition. „Es gilt das Netzwerk der vielen ehemaligen Spieler anzuzapfen. Dieses Potenzial liegt brach. Das zu ändern wäre ein Signal zur Aufbruchstimmung“, meint Vollmer. „Viele wollen den Kickers helfen – ohne Geld zu verdienen.“
Der schnöde Mammon ist ein wichtiges Stichwort. Denn große finanzielle Sprünge hätten die Blauen nicht mal bei einem Aufstieg in die Regionalliga machen können. Durch das zweite Jahr in der Oberliga verschärft sich die Situation jedoch. Der 1,05-Millionen-Euro-Etat muss auf 800 000 Euro abgespeckt werden. Dass überhaupt noch so viel Geld zur Verfügung steht, liegt an der Unterstützung durch die Gremiumsmitglieder um Präsident Rainer Lorz, die immer wieder Löcher stopfen, und vor allem am Hauptsponsor. Von MHP, der 80-prozentigen Porsche-Tochter, kamen früh Signale, dem Club auch bei einem Nichtaufstieg die Treue zu halten. Der Geschäftsführende MHP-Gesellschafter Ralph Hofmann sitzt genauso im Kickers-Aufsichtsrat wie Porsche-Finanzvorstand Lutz Meschke. Beide unterstrichen ihre Verbundenheit durch ihre Anwesenheit beim entscheidenden Spiel in Alzenau.
Dieses Engagement ist keine Selbstverständlichkeit und wird in dieser Spielklasse nicht ewig aufrechtzuerhalten sein. „Wir werden jetzt die Wunden lecken und dann im Verein besprechen, wie wir einen neuen Anlauf nehmen“, sagt Martin Braun nach dem Abpfiff in Alzenau. Die Zwei-Mann-Band im schrillgelben Outfit schmettert parallel dazu den Ballermann-Hit von Jürgen Drews: „Wieder alles im Griff auf dem sinkenden Schiff.“ Höchste Zeit wäre es für die Kickers, wenn sie nicht enden wollen wie die Titanic.
Zur Multimedia-Reportage über die Oberligasaison der Stuttgarter Kickers geht es hier.